Theater im Hofgarten

Brisantes Schauspiel über Sterbehilfe in Immenstadt

Herr Gärtner hat einen Wunsch: Klaus Mikoleit (hinten: Ernst Wilhelm Lenik, Susanne Theil) in der Produktion „Gott“ des Euro-Studios Landgraf, die in Immenstadt zu sehen ist.

Herr Gärtner hat einen Wunsch: Klaus Mikoleit (hinten: Ernst Wilhelm Lenik, Susanne Theil) in der Produktion „Gott“ des Euro-Studios Landgraf, die in Immenstadt zu sehen ist.

Bild: t.behind-photographics

Herr Gärtner hat einen Wunsch: Klaus Mikoleit (hinten: Ernst Wilhelm Lenik, Susanne Theil) in der Produktion „Gott“ des Euro-Studios Landgraf, die in Immenstadt zu sehen ist.

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In Ferdinand von Schirachs „Gott“ möchte ein alter Mann sterben. Ein Ethikrat diskutiert den Fall.  Die Zuschauer in Immenstadt sollen in das Stück miteinbezogen werden.
09.10.2020 | Stand: 15:05 Uhr

Herr Gärtner ist 78 und gesund. Doch er möchte, einige Jahre nach dem Tod seiner Frau, sterben. Das ist der Ausgangspunkt für das Theaterstück „Gott“ von Erfolgsautor Ferdinand von Schirach. Dieser lässt einen Ethikrat mit verschiedenen Experten – Mediziner, Juristen, Theologen – über das Thema Sterbehilfe diskutieren. Das Euro-Studio Landgraf hat sich des Stückes angenommen und gastiert damit am Donnerstag, 15. Oktober, auf Einladung der Kulturgemeinschaft Oberallgäu in Immenstadt. Mit dem Regisseur Miraz Bezar sprach Veronika Krull.

Warum wollten Sie das Stück inszenieren?

Miraz Bezar: Für mich hatte es einen besonderen Reiz, mich mit dem Thema Sterbehilfe zu beschäftigen. Und ich war überrascht davon, wie sich während des Lesens meine Meinung geändert hat. Ich habe mich dabei erwischt, dass ist fast alles über Bord geworfen habe.

Es gab zeitgleich zwei Uraufführungen in Berlin und Düsseldorf. Wie unterscheidet sich Ihre Regiearbeit davon?

Bezar: Ich habe die Inszenierungen in Düsseldorf und Berlin noch nicht gesehen. Es gibt inzwischen auch Aufführungen, glaube ich, in Trier und Oldenburg. Durch die Corona-Pandemie sind wir fast alle gleichzeitig gestartet. In Berlin und Düsseldorf waren die Premieren für Ende April vorgesehen. Wir sind planmäßig Mitte September gestartet. Ich kann nicht viel zu den Inszenierungen sagen. Ich habe natürlich auch Kritiken gelesen. Es ist eine gesellschaftliche Diskussion. Mir war es wichtig, das Publikum einzubeziehen, nicht nur am Ende mit der Abstimmung. Bei einer Diskussion ist der Zuhörer zum Zuhören verdammt. Wir haben eine Dynamik zwischen den Figuren entwickelt, die der Text fast nicht hergibt. Unsere Prämisse lautete: Das funktioniert nur, wenn auf der Bühne keine Abziehbilder von Figuren agieren, sondern Menschen, die sich um das Thema sorgen. Da ist es besonders wichtig, dass ein Augenkontakt zum Publikum stattfindet. Das ist wirklich, wirklich wichtig: Wenn ich etwas verhandle, verhandle ich das nur mit mir oder mit dem Publikum? Der Diskurs wird interes-sant, weil immer wieder gesagt wird: Ihr seid alle mit im Boot. Der Ethikrat besteht ja eigentlich nur aus sechs Experten, und die beraten die ganze Bundesregierung. Bei uns ist es so: Wir da oben auf der Bühne und Ihr da unten im Saal – wir sind der Ethikrat. Deshalb werden alle Karten auf den Tisch gelegt.

Es gibt bei Schirach viel zu reden, wenig zu spielen, schrieb die Süddeutsche Zeitung zu dem Stück. Wie machen Sie das spannend?

Bezar: Neben dem erwähnten Blickkontakt gibt es noch einen anderen Punkt. Es geht ja um den Herrn Gärtner, der sterben möchte, der keine Krankheit hat, sondern sich in Würde von der Welt verabschieden möchte. Das Stück fängt mit ihm an und vergisst ihn dann etwas. Mir war es wichtig, ihn immer wieder im Fokus zu haben. Ich habe also einen erzählerisch-spielerischen Rahmen geschaffen: Im Mittelpunkt steht ein emotionaler Mensch. Das steht so nicht im Schirach-Text. Tatsächlich, wenn man den puren Text sieht, hätte es auch eine Lesung sein können. Deswegen gibt es diese spielerischen Momente, für ein paar Minuten wird der Zuschauer dem Diskurs enthoben und in die emotionale Gedankenwelt des Herrn Gärtner gelenkt. Das hat einen starken Einfluss auf das Stück.

Welche Rolle spielt das Bühnenbild?

Bezar: In dem Stück heißt es, die Diskussion findet in einem großen Saal statt, mit Tischen. Das könnte man sehr realistisch aufbauen. Ich wollte es aber abstrahieren, und Stephan Mannteuffel, ein großartiger Bühnenbildner, machte einen großartigen Vorschlag. Wir haben ein Gerüst mit vielen Kartons und Schachteln, die für mich symbolhaft für die Gedanken stehen. Es ist ein Sammellager, das mit unseren Erinnerungen gefüllt ist. Deshalb kommt Herr Gärtner am Anfang auch mit einem Riesenkarton im Arm auf die Bühne. Das Bühnenbild steht ganz klar symbolisch für Herrn Gärtner und für uns alle. Das ist genau der Effekt, eine erzählerische Ebene in den Diskurs reinzubringen.

Sie sagten es bereits: Das Publikum darf wieder – so wie in „Terror“ – am Ende abstimmen. Wie machen Sie das?

Bezar: Das hat mit der Corona-Pandemie zu tun. Eigentlich hätte es eine Möglichkeit geben sollen für das Publikum, sich zurückzuziehen, mit dem Partner oder anderen zu beraten, sich in Ruhe Gedanken zu machen über die ganzen Aspekte – medizinisch, juristisch, theologisch. Das geht leider nicht. Deshalb wird das Publikum seine Meinung per Handzeichen bekunden, und das wird von uns gezählt. Normalerweise hätten die Zuschauer im Foyer durch ein Pro- und Contra-Portal gehen sollen und wären dabei von uns gezählt worden. Die Abstimmung im Saal geht insofern gut, weil die Säle ja nicht komplett verkauft werden dürfen. Wir wollen das perfekt machen, das sind wir den Zuschauern schuldig.

Das Schauspiel „Gott“ wird am Donnerstag, 15. Oktober, um 20 Uhr im Hofgarten Immenstadt aufgeführt. Das Gastspiel wird aufgrund der begrenzten Kapazität wegen der Corona-Schutzmaßnahmen nur den Abonnenten der Kulturgemeinschaft angeboten. Sollten sich die Regeln ändern und mehr Besucher erlaubt werden, gehen Karten auch in den freien Verkauf.