ÖPNV in Kempten und dem Oberallgäu

Oberallgäuer Unternehmer suchen händerringend Busfahrer

Kempten Busfahren

Busfahrer Vivek Anand macht sein Job sichtlich Spaß. Er fährt für den Stadtverkehr in Kempten und ist bei der Haslach Bus GmbH angestellt.

Bild: Ralf Lienert

Busfahrer Vivek Anand macht sein Job sichtlich Spaß. Er fährt für den Stadtverkehr in Kempten und ist bei der Haslach Bus GmbH angestellt.

Bild: Ralf Lienert

Busunternehmer im Allgäu suchen dringend Personal. Von einer dramatischen Situation ist die Rede und von Schwierigkeiten, den Linienverkehr aufrechtzuerhalten.
09.10.2021 | Stand: 12:22 Uhr

Ein Rufbussystem wird die Zukunft sein, vor allem im ländlichen Raum. Da stimmt Busunternehmer Helmut Berchtold seinem Kollegen aus dem südlichen Oberallgäu, Herbert Morent, zu. Die „Komm mit“ Morent GmbH unterstützt aktuell ein Rufbussystem, das in Bad Hindelang mit Neunsitzer-Elektrobussen eingeführt wird. Das sei alles prima, sagt Morent, „aber es gibt viel zu wenig Busfahrer. Wir haben Schwierigkeiten, überhaupt den Linienverkehr aufrechtzuerhalten.“ Kein Einzelfall. Von einer „dramatischen Situation der Branche“ spricht gar Unternehmer Berchtold.

Der Kemptener ist stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der MONA, des regionalen Verkehrsverbunds mit derzeit 18 Busunternehmen und laut Berchtold „ungefähr 400 Bussen und 500 Fahrern“. Corona habe die Situation verschärft. Manch einer der Busfahrer sei abgesprungen, lenke nun einen Lkw. Berchtold sagt: „Wir reden über Taktverbesserungen im ÖPNV und einen Allgäuverbund mit vielen Bussen, aber es fehlen dazu die Fahrer.“

Busführerschein ist die Voraussetzung im Linienbusverkehr

Für den Linienbusverkehr ist ein Busführerschein Voraussetzung. Wer jung ist, kann als Azubi in manchem Betrieb als angehender Berufskraftfahrer einsteigen. Die Ausbildung dauert drei Jahre. Busfahrer werden in der Regel nach Tarif bezahlt, sagt Hans Haslach. Aber die Gewerkschaft habe in den vergangenen Jahrzehnten „keine so gute Figur“ für ihre Mitglieder gemacht. „Es gibt seit etlichen Jahren keine Schichtzulagen mehr.“ Ungefähr 15 Euro pro Stunde verdiene ein Busfahrer im Linienverkehr.

Lesen Sie auch
##alternative##
Nahverkehr im Oberallgäu

"Emmi" per App rufen und mit dem Bus in Bad Hindelang fahren

Wer Busfahrer für sich als zweite berufliche Chance sieht und den dazu notwendigen Bus-Führerschein selbst finanziert, „muss 10 000 bis 12 000 Euro aufbringen“, sagt Christiane Jentsch, RVA-Geschäftsführerin. Früher sei die Bundeswehr die „Fahrschule der Nation gewesen“ für Bus- oder Lastwagenfahrer. Heute aber gibt es keine Wehrpflicht mehr – und viel weniger Zeitsoldaten, die nach ihrer Verpflichtung solch einen Führerschein vorweisen können.

Manch ein Unternehmer wirbt damit, dass er die Finanzierung des Busführerscheins übernimmt. Auf dem Heckfenster einiger „Komm mit – Morent“-Busse steht in großen Lettern: „Werde Busfahrer/in. Wir finanzieren den Führerschein“. Weil die Hälfte seiner Werkstatt-Mitarbeiter den Busführerschein besitze, seien Krankentage von fest angestellten Busfahrern bislang kein Problem. Da springt dann der Kollege aus der Werkstatt ein. Aber das sei kein Dauerzustand. Morent will deshalb vorsorgen. Er hat auch Kontakt zu einer Agentur in Spanien aufgenommen, um von dort Busfahrer ins Allgäu zu holen.

Fünf Fahrer aus Spanien

Das hat Hans Haslach, Seniorchef des gleichnamigen Busunternehmens in Kempten, vor einigen Jahren auch schon gemacht. „Wir konnten so fünf Fahrer anheuern. Vier sind nach kurzer Zeit aber schon wieder gegangen.“ Das sei ein „Schuss in den Ofen“ gewesen, sagt der 73-Jährige „und eine teure Angelegenheit obendrein“.

Obwohl die Fahrer nachweisen mussten, Grundkenntnisse in Deutsch zu haben, „konnte fast keiner Deutsch sprechen oder verstehen“. Das sei bei einem Linien-Busfahrer nicht ideal. Das größte Problem sei aber gewesen, die Busfahrer aus Spanien unterzubringen. Dieses Problem sieht Morent auch: „Es gibt ja kaum noch freie Mietwohnungen.“ Klaus-Peter Kracker vom Busunternehmen Alpenvogel in Sonthofen sagt: „Früher hat es auf eine Annonce in der Zeitung zehn Bewerbungen gegeben, heute sind wir froh, wenn eine kommt.“ Erst kürzlich habe das Unternehmen einen Busfahrer eingestellt, einen gebürtigen Nürnberger. Das sei der große Vorteil der Region: Sie sei attraktiv zum Leben und Arbeiten.

Das Rufbussystem in Bad Hindelang, das Mobilitätslücken des Linienbusverkehrs schließen soll, läuft im Dezember an – aber nicht mit Busfahrern. Frauen und Männer mit Pkw-Führerschein können sich melden und einen Personenbeförderungsschein für den Neunsitzer-Bus bei der Führerscheinstelle beantragen. Die Kosten dazu zahlt dann die Gemeinde. Wäre es denn eine Alternative, gleich vermehrt auf solche Kleinbusse zu setzen? Das sei nicht machbar, heißt es unisono bei den Busunternehmern in Kempten und dem Oberallgäu. Schülerinnen und Schüler seien die Gruppe, die Linienbusse am häufigsten nutze. In der Früh und mittags seien die Busse deshalb voll. Neunsitzer seien da nicht zu gebrauchen.

Lesen Sie auch: "Emmi" per App rufen und mit dem Bus in Bad Hindelang fahren