Gerichtsprozess über Cannabis im Straßenverkehr

Cannabis-Patient verursacht Unfall in Sonthofen

Pfaffenhofen - Cannabis Flos - bomb

Ein 23-jähriger Cannabispatient hat in Sonthofen im Mai vergangenen Jahres einen Unfall verursacht. Jetzt steht er vor Gericht.

Bild: Symbolfoto: Alexander Kaya

Ein 23-jähriger Cannabispatient hat in Sonthofen im Mai vergangenen Jahres einen Unfall verursacht. Jetzt steht er vor Gericht.

Bild: Symbolfoto: Alexander Kaya

Ein 23-Jähriger fährt unter Einfluss von Cannabis einem Auto hinten auf. Warum das Gericht das Verfahren einstellen will, es aber doch anders kommt.
25.04.2021 | Stand: 12:20 Uhr

Fragend blickt Richterin Brigitte Gramatte-Dresse in die Runde. Soeben hat sie vorgeschlagen, das Verfahren einzustellen. Doch der Staatsanwalt grätscht dazwischen. Er beantragt ein Gutachten. Ein Raunen geht durch den Gerichtssaal. Schließlich vertagt die Richterin den Prozess. Angeklagt ist ein 23-Jähriger wegen fahrlässiger Gefährdung des Straßenverkehrs mit fahrlässiger Körperverletzung. Zum Zeitpunkt des Unfalls stand er unter dem Einfluss von Cannabis, das er von seinem Arzt verschrieben bekommt.

Bei einem Auffahrunfall in Sonthofen im Mai 2020 soll der Angeklagte einer 58-jährigen Autofahrerin eine Stauchung der Halswirbelsäule verursacht haben. Der Angeklagte räumt den Auffahrunfall ein. Als er an einer roten Ampel stand, habe er gesehen wie sich ihm eine Radlerin von hinten näherte. Weil die Fahrbahn sehr eng gewesen sei, sei die Fahrradfahrerin nicht an seinem Auto vorbei gekommen. „Da habe ich gedacht, ich mache der Dame Platz“, sagt er vor Gericht. Also habe er nach links etwas vorfahren wollen und wohl die Entfernung falsch eingeschätzt, denn er fuhr auf das Auto vor ihm auf.

Cannabis-Patient fährt einem Auto in Sonthofen hinten auf

Die Fahrerin habe ihn daraufhin „recht wild angeschrien“. Das gibt die 58-Jährige zu und nennt dafür auch einen Grund: Er sei ihr zweimal aufgefahren, sagt sie: „Da habe ich gedacht, der macht das mit Fleiß.“ Deswegen habe sie „relativ harte Worte“ verwendet. Ob es zwischen den zwei Fahrzeugen tatsächlich zweimal gekracht hat, bleibt aber in der Verhandlung unklar. Der Schaden wurde auf 2900 Euro geschätzt.

Die Schmerzen im Nacken habe die 58-Jährige erst gemerkt, als die Polizei schon da war. Ein halbes Jahr zuvor habe sie eine Operation gehabt. „Ich bin in dem Bereich einfach empfindlich“, fügt sie hinzu. Auf Nachfrage der Richterin sagt die Geschädigte, sie habe bei dem 23-Jährigen keine Beeinträchtigungen durch Drogen festgestellt.

Verhalten des Cannabis-Patienten sei unauffällig gewesen, trotz hohen THC-Werts

Etwas anders sieht das geschulte Auge des zuständigen Polizisten. Er habe Liderflattern und leicht gerötete Augen bemerkt. „Ansonsten war sein Verhalten total unauffällig. Er war sehr freundlich“, sagt der Beamte. Ein erster Drogentest fiel positiv auf Marihuana-Konsum aus. Über einen Bluttest konnte dann ein Wert an Tetrahydrocannabinol (THC) von 25 Nanogramm pro Milliliter festgestellt werden. Das entspricht dem 25-fachen des Wertes, bei dem von einer Beeinträchtigung der Fahrtüchtigkeit ausgegangen wird. THC ist eine psychoaktive Substanz, die bei Konsumenten das „High“-Gefühl auslöst.

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Den hohen Spiegel kann der junge Mann erklären: Aufgrund seiner Migräne-Erkrankung habe er Marihuana ärztlich verschrieben bekommen. „Ich leide sehr stark unter der Migräne“, sagt er. Herkömmliche Medikamente hätten ihm nicht geholfen. Anfang 2020 habe er die Cannabis-Therapie begonnen. „Heute bin ich beschwerdefrei.“

Cannabis-Patient nimmt die Droge gegen Migräne

Um einzuschätzen, ob er in der Lage ist, ein Fahrzeug zu führen, ist er nach eigenen Angaben selbst verantwortlich. Cannabis habe einen „beruhigenden Effekt“ auf ihn. Der Staatsanwalt bohrt nach und möchte wissen, ob er sich berauscht oder „stoned“ gefühlt habe. Der 23-Jährige verneint. „Dass THC in der Menge keine Wirkung hat, ist sehr kritisch zu sehen“, sagt der forensische Toxikologe, der als Sachverständiger zur Verhandlung hinzugezogen wird. Zwar räumt er ein, dass der Körper – ähnlich wie beim Alkohol – den Effekt bei regelmäßigem Konsum kompensieren könne, dennoch verweist er auf den „extrem hohen Spiegel“ im Blut.

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Auf Nachfrage unserer Zeitung erklärt Richterin Gramatte-Dresse, dass sie die „minimale Fahrlässigkeit“ nicht zwingend auf Berauschung zurückführen könne. Daher habe sie die Einstellung des Verfahrens vorgeschlagen. Das verhindert der Staatsanwalt. Er beantragt ein unfallanalytisches Gutachten, um die Auffahrgeschwindigkeit festzustellen. Das Urteil muss an einem anderen Tag gefällt werden.

Wissenswertes zu Cannabis im Straßenverkehr:

Im Zusammenhang mit Drogen kam es 2020 im südlichen Oberallgäu laut Polizei zu folgenden Fällen:

  • Folgenlose Drogenfahrten: 59
  • Unfälle unter Drogeneinfluss: 2

Eine Untergliederung nach Art der Betäubungsmittel wird statistisch nicht erfasst. Marihuana sei hier nach Angaben von Polizeisprecher Dominic Geißler vorherrschend.

Seit März 2017 dürfen Ärzte in Deutschland laut Bundesgesundheitsministerium Cannabis zu therapeutischen Zwecken verschreiben. Auf die Fahrtüchtigkeit prüfen müssen sich Cannabis-Patienten laut Polizeisprecher Holger Stabik eigenverantwortlich „so wie jeder andere auch“, der beispielsweise Medikamente nehme.

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