Deutschlands beste Snowboarderin

Ciao Selina! Tränen, Titel und Triumphe - eine bewegte Karriere

„Ein Moment fürs Leben“, sagt Selina Jörg über den Augenblick, der die magische Schlussphase ihrer sportlichen Karriere einläutete. Im Februar 2019 empfangen 500 Sonthofer die frischgebackene Weltmeisterin vor dem Rathaus (unten links). Es begannen letzte Karriere-Jahre wie im Rausch.

„Ein Moment fürs Leben“, sagt Selina Jörg über den Augenblick, der die magische Schlussphase ihrer sportlichen Karriere einläutete. Im Februar 2019 empfangen 500 Sonthofer die frischgebackene Weltmeisterin vor dem Rathaus (unten links). Es begannen letzte Karriere-Jahre wie im Rausch.

Bild: Dominik Berchtold, Inge Jörg, Matavsz

„Ein Moment fürs Leben“, sagt Selina Jörg über den Augenblick, der die magische Schlussphase ihrer sportlichen Karriere einläutete. Im Februar 2019 empfangen 500 Sonthofer die frischgebackene Weltmeisterin vor dem Rathaus (unten links). Es begannen letzte Karriere-Jahre wie im Rausch.

Bild: Dominik Berchtold, Inge Jörg, Matavsz

Selina Jörg blickt auf eine außergewöhnliche Laufbahn zurück. Warum diese lange „dahinplätschert“ und welchen Schlüssel sie auf der Zielgeraden findet.
02.04.2021 | Stand: 20:01 Uhr

Es ist das Ende einer Reise – und der Anfang einer neuen. „Die Zeit war reif. Darum ist es gut so“, sagt Selina Jörg - inzwischen sind zehn Tage seit dem letzten Snowboard-Weltcup ihrer Karriere vergangen. „Es gibt für mich überhaupt keinen Grund, unglücklich zurückzublicken. Im Gegenteil.“

Zweifache Weltmeisterin, Olympia-Silbermedaillengewinnerin, WM-Bronzegewinnerin, sechsfache deutsche Meisterin – sie erlebte glorreiche Rennen, emotionale Empfänge und warme Gesten: Beinahe jede Geschichte ist über die 33-jährige Sonthoferin erzählt. Nur nicht jene von hartnäckigen Sorgen, zehrenden Sinnfragen, zwischen Trauer und Triumph auf dem Weg zu 151 Weltcups. „Es erfüllt mich, wenn ich zurückdenke, was ich in den vergangenen Monaten erleben durfte“, sagt Jörg. „Ich weiß alles zu schätzen – gerade, weil mein Weg nicht der leichteste war.“ Im Gegenteil.

Wir treffen die junge „Sport-Rentnerin“ an diesem Frühlingstag zu einem besonders offenen, außergewöhnlich ehrlichen Interview im Fahrradladen ihres Freundes Martin Weiß in Immenstadt. „Es war wie bei den meisten: Der Idealhang am Oberjoch war mein erster Berg. Liftfahren habe ich an der Binse in Sonthofen gelernt“, sagt Selina Jörg. Auf Skiern stand sie mit drei Jahren, ab sieben auf dem Snowboard. Doch die junge Selina begleitete in der Kindheit viele Jahre vor allem ihre gute Freundin Nadine Rieder mit deren Familie zu Mountainbike-Rennen.

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Selina Jörg: Die Karriere der Snowboarderin aus Sonthofen

In der Schulzeit auf dem Sonthofer Gymnasium betrat sie bei Kinderrennen in Italien erstmals die internationale Bühne – schnell wurden Trainer und Funktionäre bei regionalen und landesweiten Rennen auf die blonde Frohnatur aufmerksam.

Lehrreiche Jahre im Internat in Berchtesgaden

In der neunten Klasse, 2002, kam der Umzug ins Internat nach Berchtesgaden ans Sportgymnasium. „Diese Zeit, in der ich vor allem das selbstständige Leben gelernt habe, hat mich unheimlich weitergebracht“, sagt Selina Jörg heute. „In dem Alter will man nur Krawall machen – aber ich habe gelernt, Schule, den Stoff und parallel dazu meine sportliche Karriere zu planen.“

Und diese nahm zügig Fahrt auf. Ab 2004 fuhr Selina Jörg bereits Fis-Rennen, stieg 2005 erstmals in den Bundeskader auf, gewann in dem Jahr die Bronzemedaille bei der Junioren-WM und feierte am 30. Januar 2007 ihren ersten Weltcup-Sieg. Im Jahr darauf – Jörg war inzwischen ins Oberallgäu zurückgekehrt – krönte sie sich zur Junioren-Weltmeisterin. Es sollten für lange Zeit die letzten internationalen Erfolge bleiben. So rasant ihr Weg an die Spitze war, so zermürbend lange stagnierte ihre Laufbahn in den Folgejahren. „Meine Karriere ist über die Jahre so dahingeplätschert – der Knopf ist lange Zeit nicht aufgegangen“, sagt Selina Jörg. „Dabei war ich unheimlich nah dran.“

Selina Jörg: „Nach Olympia am Boden“

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Bei ihrer Olympia-Premiere 2010 in Vancouver „hat sie wenige Tore vor dem Ziel die Bronzemedaille weggeworfen. Das war so unheimlich traurig“, erinnert sich ihre Mama Inge Jörg. Das unliebsame, äußerst hartnäckige Image der „ewigen Vierten bei Großevents“ sollte Selina Jörg in lange wie ein Schatten begleiteten. Zwar schien die Wintersportlerin ein Abonnement auf deutsche Meistertitel zu haben – international glänzte Jörg aber bis auf die Zielgerade ihrer Karriere nicht mehr. „Ich habe sehr stark gezweifelt, ob ich jemals wieder in diese Situation komme, eine Medaille zu gewinnen“, gesteht die Wintersportlerin. „Nach Olympia war ich am Boden, habe alles infrage gestellt. Ich habe dringend einen Tapetenwechsel gebraucht.“

Die entscheidenden Sinnfragen

Diese Sinnfragen überhaupt zu stellen – darin fand Jörg den Schlüssel zur Verwandlung in eine heute hochdekorierte Snowboarderin. Sie brachte ihr Masterstudium der Wirtschaftspsychologie voran, absolvierte 2014 ein Praktikum in München, verbrachte den Sommer 2015 in den USA und setzte neue Reize im Training. Privat fand sie diese in ihrem Martin, der Selina Jörg seit 2015 begleitet. „Ich habe die Vorbereitung nicht mehr nur gemacht, um gut snowboarden zu können. Das hat mich viel zu lange eingeengt“, erzählt die 33-Jährige. „Ich liebe den Sport und ich wollte mich so vorbereiten, dass ich meine Erfüllung wieder finde.“

Parallel zu diesen Entwicklungen im mentalen Bereich ergaben sich ab 2017 zentrale Materialmodifikationen am Brett, an der Bindung, an den Schuhen. Die Rahmenbedingungen änderten sich entscheidend – der Wandel von Selina Jörg war der perfekte Nährboden, um „endlich befreit fahren zu können“, sagt sie heute. Der Rest ist Geschichte.

Selina Jörg wird zur Weltmeisterin

Mit Olympia-Silber in Pyeongchang 2018 hatte die Sonthoferin nicht nur ihren Frieden mit Großevents gemacht – „ab da lief es irgendwie wie am Schnürchen. Ich stand teilweise im Starthäuschen und wusste einfach, was zu tun ist“, sagt Jörg. „Es waren magische Jahre.“ Es folgten zwei weitere Weltcup-Siege – über zehn Jahre nach der Premiere – der märchenhafte WM-Titel 2019 in Park City. Die glorreiche Titelverteidigung zum Abschluss 2021 in Rogla.

Und so belohnte sich die Vorzeige-Athletin im Spätherbst ihrer Karriere dafür, dass sie sich nach jahrelangem Karriere-Leerlauf getraut hat, sich neu zu erfinden. „Ich habe über 19 Jahre gelernt, mit fast allen Situationen umzugehen. Aus Niederlagen habe ich fürs Leben gelernt, Erfolge weiß ich zu schätzen. Das erkennt nur, wer keine gradlinige Karriere hatte“, sagt Selina Jörg. „Richtige Lehren ziehen zu können, war sicher mein größter Gewinn. Und vielleicht mein größter Sieg.“

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Sportgala in Sonthofen 2019