Kulturgemeinschaft Oberallgäu

Clowneske Alters-Definitionen bietet ein brillantes Theater in Oberstdorf

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Ganz große Bühnenkunst fast ohne Worte: Ein brillantes Ensemble bietet in Roberto Ciullis „Clowns 2 1/2“ eine poetisch-melancholische Persiflage auf das Leben in einem Altersheim.

Bild: A. Köhring

Ganz große Bühnenkunst fast ohne Worte: Ein brillantes Ensemble bietet in Roberto Ciullis „Clowns 2 1/2“ eine poetisch-melancholische Persiflage auf das Leben in einem Altersheim.

Bild: A. Köhring

Roberto Ciullis „Clowns 2 1/2“ zelebriert mit einem brillanten Ensemble große Bühnenkunst fast ohne Worte für die Kulturgemeinschaft Oberallgäu in Oberstdorf.
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Von Rosemarie Schwesinger
13.11.2021 | Stand: 11:30 Uhr

Alles nicht so einfach: im Besonderen, hochkarätiges Theater der Kulturgemeinschaft Oberallgäu (trotz Hofgarten-Schließung und Corona-Hotspot) am Leben zu erhalten – und im Allgemeinen, die Einschränkungen und Blessuren des Alterns. Alles perfekt gemeistert! Zumindest an diesem Abend mit dem „komisch-musikalischen Unternehmen von Roberto Ciulli und Matthias Flake: Clowns 2 1/2“.

Theater-Guru und Philosoph

Und alles etwas anders als sonst. Weil nämlich, bevor sich der Vorhang öffnete, der große alte, vielfach ausgezeichnete Theater-Guru und Philosoph Roberto Ciulli höchstpersönlich eine sehr lange, ausführliche Expertise über Geschichte und Wesen der Clownkunst (von der Antike, über’s 19. Jahrhundert bis in Stummfilmzeiten) mit leiser Stimme aufblätterte. Was – schon rein akustisch – nicht immer gut zu verstehen war! Längere Pause – und kleinere Irritationen beim Publikum.

Verwundungen des Alterns weggepustet

Danach wurde rund 90 Minuten lang auf der Bühne nicht gesprochen, kein Wort! Aber grandios, spannungsgeladen, berührend agiert – und mit clownesker Überspitzung die Verwundungen des Alterns weggepustet. Denn wir wissen ja, dass in der Realität das fortgeschrittene Alter nicht unbedingt mit Weisheit und Würde assoziiert, sondern als Makel und Ballast mit Verlust körperlicher wie geistiger Fähigkeiten empfunden wird. Ciulli, der ausgewiesene Clown-Experte, wirft gemeinsam mit dem (im Programmheft leider nicht namentlich genannten) Ensemble des Theaters an der Ruhr einen „befreienden, tragischkomischen und hochmusikalischen Blick auf den Verfall. Eine brisante Clownerie des Alters.“

Anarchischer Eigensinn

Irgendwie ähneln sich die Orte, in denen Menschen bestimmte Lebensphasen erleben – von Kita, Schule, Internat bis zum Altersheim. Wichtig ist, dass das Ordnungssystem von den Insassen befolgt wird, „um das überall vermutete Chaos niederzuhalten.“ Alles ist zeitlich festgezurrt, immer zur selben Stunde wird gegessen, geschlafen, Gymnastik betrieben, Konzerte gehört. Dem ordnenden Diktat der Verwahranstalt unterworfen, entwickeln die auf sehr unterschiedliche Weise „deformierten“ Protagonisten dieses Theaterstückes einen anarchischen Eigensinn, der in den alltäglichen Situationen irrwitzige komödiantische Querschüsse provoziert.

Zarte Annäherung

Hinreißende skurrile Bilder lässt Ciulli dabei entstehen. Beispielsweise, wenn die gesamte Clowngruppe total fasziniert gemeinsam einen Film anschaut. Die pantomimischen Bewegungen, das beredte Mienenspiel der Schauspieler sind einer der Höhepunkte dieser Inszenierung. Ebenso wie die zarte Annäherung des bislang stoischen Generals a. D. an die leicht exaltierte Dame der ehemals feinen Gesellschaft, die in einem temperamentvollen Walzer bis zum Umfallen endet.

Völlig ohne Worte

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Ein Stück, das völlig ohne Worte auskommt, nur mit pantomimischen, tänzerischen und hochmusikalischen (an Piano und Violine) Mitteln arbeitet. Und dennoch mit pointierter Darstellungskunst die individuellen Charaktere in ihrer schrillen oder autistischen Einzigartigkeit und ihrem ungebrochenen Lebenswillen ausfeilt.

Eine poetisch-melancholische Persiflage

Eine hinter- und tiefgründige, poetisch und heiter-melancholische Persiflage auf das Leben in einem Altersheim. Eine grandiose Ensemble-Leistung, ganz großes Theater. Begeisterter Applaus der zahlreichen Kulturgemeinschaft-Getreuen.

Was die Kulturgemeinschaft Oberallgäu alles bietet.

Roberto Ciulli und das Theater an der Ruhr.

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