Tiere im Allgäu

Das Reh ist nicht die Frau vom Hirsch - alle Fakten rund um's Wild im Allgäu

Der Bock stellt der Geiß nach. Unser Foto (Ausschnitt) zeigt die Reproduktion eines Gemäldes von Dr. Robert Muray.

Der Bock stellt der Geiß nach. Unser Foto (Ausschnitt) zeigt die Reproduktion eines Gemäldes von Dr. Robert Muray.

Bild: Ulrich Weigel

Der Bock stellt der Geiß nach. Unser Foto (Ausschnitt) zeigt die Reproduktion eines Gemäldes von Dr. Robert Muray.

Bild: Ulrich Weigel

Das häufigste  Schalenwild im Oberallgäu ist gerade zur Dämmerung gut zu beobachten. Warum Autofahrer  im Juli und August besonders aufpassen sollten.
28.07.2020 | Stand: 17:30 Uhr

Was haben Rehe mit Hirschen zu tun? Wie kommen sie durch den Winter und was ist eigentlich eine Keimruhe? Fragen zur Jagd gibt es viele. Wir greifen das Thema in der Reihe „Wild im Oberallgäu“ auf, die in loser Folge erscheint.

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Ist das Reh die Frau vom Hirsch? Natürlich nicht. Dennoch denken das immer wieder Menschen, sagt Agnes Hussek, Wildökologin im Landratsamt. Obwohl Rehe ein Geweih tragen, sind sie nur „Trughirsche“. Sie seien näher mit Rentier, Elch oder amerikanischen Artgenossen verwandt als mit dem heimischen Rothirsch. Die männlichen Rehböcke werfen ihr Geweih jährlich ab und bilden es dann neu.

Rehe kann man im Allgäu oft morgens und abends beobachten

Das Reh ist die häufigste und kleinste heimische Schalenwildart (die Bezeichnung kommt von den schalenförmigen Klauen). Auch als Nicht-Jäger habe man gute Chancen, diese Tiere zu beobachten – besonders morgens und abends, weiß Heinrich Schwarz, Vorsitzender des Kreisjagdverbandes. Die Aktivität von Rehen wird maßgeblich durch Licht gesteuert und ist während der Dämmerung am höchsten: Dann wechseln Rehe zwischen schützenden Wäldern und attraktiven Grünflächen zum äsen – manchmal überqueren sie dabei auch Straßen.

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Davon können Autofahrer ein Lied singen: Jährlich sterben im Oberallgäu 200 Rehe im Verkehr. Besonders heiß ist die Rehbrunft von Mitte Juli bis Mitte August: In der Paarungszeit treiben Böcke die Geißen oft über längere Strecken – im Liebesrausch geht’s auch spontan über die Straße. Wird die Geiß im Kreis getrieben, bleiben in Wiesen Laufspuren – sogenannte Hexenringe. Und Böcke jagen Böcke, um Konkurrenten zu vertreiben.

Nach der Paarung verfallen die befruchteten Eizellen laut Hussek in eine Keimruhe bis Dezember. Erst dann entwickeln sich die Embryonen. Die so verlängerte Tragedauer schiebt die Geburt auf eine Jahreszeit, in der das Nahrungsangebot besonders groß ist. Rehe bringen ihre Kitze (meist ein oder zwei, selten drei) im Mai zur Welt. Sie werden in nahen Feldern abgelegt, wo sie die Mutter zum Säugen aufsucht. Frisch gesetzte Kitze sind in den ersten Wochen geruchlos und liegen oft stundenlang regungslos im Gras.

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So erregen sie keine Aufmerksamkeit bei Fressfeinden. Gefährlich können für Kitze schon Fuchs und Adler sein, für größere Rehe auch wildernde Hunde und Beutegreifer wie der Luchs. Eine Geiß versucht laut Schwarz, ihre Kitze zu beschützen, aber nicht um jeden Preis. Größte Gefahr für kleine Kitze ist der Mähtod. Deshalb arbeiten oft Landwirte und Jäger zusammen. Was hilft? Am Abend vor der Mahd werden Scheuchen oder Geräte am Feld eingesetzt, die Muttertiere dazu veranlassen, ihre Kitze in Sicherheit zu bringen. Drohnen mit Wärmebildtechnik sind ein Weg, um Kitze zu finden. Jungtiere soll man nie mit der bloßen Hand anfassen, da die Mutter bei menschlichem Geruch nicht mehr annimmt.

Rehe gelten als sehr anpassungsfähig. Selbst in Hausgärten und Friedhöfen seien sie auf Nahrungssuche anzutreffen, sagt Schwarz. Dabei sind Rehe Feinschmecker und suchen mit Vorliebe besonders energiereiche, leckere Pflanzenteile.

Was machen Rehe im Winter?

Und im Winter? In der vegetationsarmen Zeit senken Rehe ihren Stoffwechsel. Sogar die Organe verkleinern sich, um Energie zu sparen. Für das Überleben gesunder Rehe seien Fütterungen außerhalb von Notzeiten nicht nötig, sagt Hussek. Ausreichende Ruhe sei viel wichtiger. Denn jede Störung (etwa durch Schneeschuhwanderer abseits der Wege) erhöhe den Verbrauch der angelegten Fettreserven.

Beliebig vermehren soll sich das Wild freilich nicht. „Jäger leisten durch die Erlegung von Rehen einen wesentlichen Beitrag zur Sicherung der Wälder und landwirtschaftlichen Flächen sowie zum Erhalt gesunder Wildbestände“, sagt Schwarz. Im Oberallgäu werden jährlich etwa 6000 Rehe erlegt.