Literaturhaus Allgäu

Der Digitale Literaturatlas von Bayerisch-Schwaben wurde ums Oberallgäu erweitert

Bei der Feier: (von links) Autor Toni Wintergerst, Sprachwissenschaftlerin Rosmarie Mair, Initiator Professor Dr. Klaus Wolf und Dr. Peter Czoik vom Literaturportal Bayern.

Bei der Feier: (von links) Autor Toni Wintergerst, Sprachwissenschaftlerin Rosmarie Mair, Initiator Professor Dr. Klaus Wolf und Dr. Peter Czoik vom Literaturportal Bayern.

Bild: Thomas Niehörster

Bei der Feier: (von links) Autor Toni Wintergerst, Sprachwissenschaftlerin Rosmarie Mair, Initiator Professor Dr. Klaus Wolf und Dr. Peter Czoik vom Literaturportal Bayern.

Bild: Thomas Niehörster

Der Digitale Literaturatlas von Bayerisch-Schwaben enthält nun ein Kapitel übers Oberallgäu. Es umfasst 183 Einträge - nicht nur über Autorinnen und Autoren.
09.07.2022 | Stand: 17:00 Uhr

Immenstadt Solches Schicksal erlitten früher viele Frauen: Trotz guter schulischer Leistungen kann Stephanie Tannheimer (1923 - 2013) aus Hinterstein keine höhere Schule besuchen. Ihre Mutter ist – nach dem Tod des Vaters – auf die Mithilfe des Mädchens angewiesen, um die Familie mit zehn eigenen und zwei Pflegekindern durchzubringen. Ihr Leben lang allerdings wird Stephanie Tannheimer, genannt Nanie, Gedichte und Kurzgeschichten schreiben. Einige veröffentlicht sie später im Eigenverlag. 2008 legt der Bad Hindelanger Ursus-Verlag unveröffentlichte Texte in dem Band „Aus Nanies Schatzkästlein“ vor.

Auch Oberallgäuer Literaturstätten sind erfasst

An Stephanie Tannheimers Leben und Werk erinnert jetzt der „Digitale Literaturatlas von Bayerisch-Schwaben“ (DigiLABS). Er wurde soeben um das Kapitel Oberallgäu erweitert. Es enthält 183 Einträge. Die meisten widmen sich Autorinnen und Autoren. Aber auch Beiträge über Institutionen wie die Sonthofer Kultur-Werkstatt, Literaturorte wie die „Dichterei“ von Arthur Maximilian Miller in Oberstdorf-Kornau und Literaturwege wie den Obermaiselsteiner Sagenweg sind darin zu finden. Die Freischaltung dieses neuen Kapitels wurde nun im Immenstädter Literaturhaus Allgäu mit vielen Redebeiträgen gefeiert.

Dokument der Vielfalt

Angeführt von Markus Blume, Bayerischer Staatsminister für Wissenschaft und Kunst, der sich in einer Video-Botschaft zu Wort meldete, betonten alle Rednerinnen und Redner aus Politik und Forschung, welche wissenschaftliche, aber auch kultur- und identitätsstiftende Bedeutung dieses Projekt habe, um die Vielfalt der Literaturlandschaft zu dokumentieren.

Vom Mittelalter bis zur Gegenwart

Initiator ist Dr. Klaus Wolf. Der Professor für Deutsche Literatur und Sprache an der Universität Augsburg skizzierte, wie das Projekt Autorinnen und Autoren aus ganz Bayerisch-Schwaben vom Mittelalter bis zur Gegenwart erfassen wolle, egal ob sie in Hochsprache oder in Mundart schreiben. In fünf Jahren solle der ganze Bezirk erschlossen sein, umreißt Klaus Wolf das Ziel.

Mühsame Recherche

Nach ihrer Arbeit über den Landkreis Ostallgäu untersuchte die Sprachwissenschaftlerin Rosmarie Mair aus Obergünzburg ab 2020 den Landkreis Oberallgäu und erfasste Autorinnen und Autoren. Sie berichtete über ihre mühsame – teilweise durch die Corona-Pandemie stark behinderte – Recherche, da plötzlich Archive und Bibliotheken geschlossen waren. Andererseits seien in jener Zeit Autorinnen und Autoren telefonisch leicht zu erreichen gewesen, da sie in der Regel zuhause saßen.

Plädoyer für die "Literarische Provinz"

Lesen Sie auch
##alternative##
Literaturhaus Immenstadt

Bewegende Schicksale: Autorin Monika Helfer erzählt und stellt Roman in Immenstadt vor

Rosmarie Mair skizzierte die vielfältige Literaturlandschaft des Oberallgäus, aus der Schriftstellerinnen wie Claire Beyer stammen, die in Blaichach geboren wurde, oder in der Erfolgsautoren leben wie Susanne Mischke in Wertach. Die meisten der aufgeführten Autoren aus der Region können allerdings nicht von ihrem Schreiben leben, diagnostizierte Mair. Dr. Peter Czoik vom Literaturportal Bayern, unter dem der Digitale Literaturatlas von Bayerisch-Schwaben zu finden ist, stellte dessen Aufbau im Internet vor. Dr. Kay Wolfinger von der Ludwig-Maximilians-Universität in München, der aus Sonthofen stammt, hielt ein flammendes Plädoyer für die Chancen der „Literarischen Provinz Allgäu“, deren Alleinstellungsmerkmal es zu nutzen gelte – etwa für den Tourismus.

Kostproben eines 92-jährigen Autors

Ein Vertreter dieser „Literarischen Provinz“ ist auch der mittlerweile 92-jährige Toni Wintergerst aus Immenstadt, der aus dem großen Schatz seiner Gedichte, Geschichten und Aphorismen bei dieser Feier im Literaturhaus einige Kostproben gab: Weise und verschmitzt, wie jene vom armen Jockele, der sich beim lieben Gott beklagt und von diesem eine ihn überzeugende Antwort erhält. Humorvoll und bewegend waren auch die Lieder, mit denen die Oberallgäuer Musiker Christian Blanz und Tim Hecking die Redefolge auflockerten.

Der Digitale Literaturatlas von Bayerisch-Schwaben.

Der Beitrag über den Autor Toni Wintergerst aus Immenstadt.

Der Beitrag über die Autorin Stephanie Tannheimer aus Hinterstein.

Lesen Sie auch: "Ostallgäuer Wissenschaftlerin erstellt digitalen Sprachatlas Schwabens".