Wimbledon-Triumph vor 35 Jahren

"Der Junge hat elektrisiert": Wie Boris Becker einen Tennis-Boom im Allgäu auslöste

Der „Becker-Hecht“ wurde nicht nur zum Markenzeichen von Boris Becker, er stand auch beispielhaft für die Leidenschaften, die der Leimener – wie hier bei seinem ersten Wimbledon-Triumph 1985 – auf dem Platz verkörperte: Kampfgeist, Einsatz und Opferbereitschaft.

Der „Becker-Hecht“ wurde nicht nur zum Markenzeichen von Boris Becker, er stand auch beispielhaft für die Leidenschaften, die der Leimener – wie hier bei seinem ersten Wimbledon-Triumph 1985 – auf dem Platz verkörperte: Kampfgeist, Einsatz und Opferbereitschaft.

Bild: dpa

Der „Becker-Hecht“ wurde nicht nur zum Markenzeichen von Boris Becker, er stand auch beispielhaft für die Leidenschaften, die der Leimener – wie hier bei seinem ersten Wimbledon-Triumph 1985 – auf dem Platz verkörperte: Kampfgeist, Einsatz und Opferbereitschaft.

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Mit seinem Wimbledon-Triumph löste Boris Becker vor 35 Jahren in Deutschland und im Oberallgäu einen Tennis-Boom aus. Zeitzeugen erinnern sich.

10.07.2020 | Stand: 09:27 Uhr

Es ist ein Bild, das bis heute in keinem deutschen Sportrückblick fehlen darf: Die Sekunde, als ein rothaariger Teenager den „Heiligen Rasen“ und damit die Tennis-Welt erobert. Am 7. Juli 1985 gewinnt Boris Becker als 17-Jähriger das berühmteste Tennisturnier der Welt, das Grand Slam–Turnier in Wimbledon – und löst in seiner Heimat damit einen ungekannten Boom aus. Aus heutiger Sicht war es nicht nur der märchenhafte Turnierverlauf, der dem Leimener den Eintrag in die Geschichtsbücher sicherte: In einer denkwürdigen Partie gewann Becker im Südwesten Londons das Wimbledon-Finale gegen den Südafrikaner Kevin Curren in vier Sätzen (6:3, 6:7, 7:6 und 6:4). 35 Jahre ist es her, dass der rothaarige Teenager aus dem Norden Baden-Württembergs seine Sternstunde auf dem „Heiligen Rasen“ feierte. Es war der Beginn eines Tennis-Booms, der auch im Oberallgäu große Wellen geschlagen hat.

Florian Rösle: "Eine unglaubliche Zeit"

„Es war eine unglaubliche Zeit. Wir alle saßen vor den Fernsehschirmen in dieser Phase des Tennissports“, erinnert sich Florian Rösle vom Tennisclub Sonthofen. „Das war insgesamt eine große Ära, weil danach fette Jahre für das deutsche Tennis kamen. Wir alle waren Becker-Fans.“ Der 59-jährige Rösle ist seit 49 Jahren Mitglied im TCS und war bei Beckers Sternstunde 24 Jahre alt – und erinnert sich somit allzu gut an die damaligen Verhältnisse im „weißen Sport“.

„Der Hype bei uns hat schon etwas früher angefangen, 1977, als wir vom Schwarzenstein in die Illersiedlung umgezogen sind“, erinnert sich Rösle. „Damals war geplant, dass der TC Sonthofen die Tennishalle betreibt – aber der damalige Vorstand wollte das finanzielle Risiko nicht eingehen. Es wäre super gewesen, wenn man in der Zeit des großen Aufschwungs eine eigene Halle gehabt hätte.“

Denn Florian Rösle, von 1998 bis 2013 Sportwart beim TCS, hat alle Phasen des Tennissports, populäre wie magere, hautnah miterlebt. In der Hochzeit, der Blütezeit der 90er Jahre, hat der Tennisclub Sonthofen über 400 Mitglieder gezählt – heute sind es noch 273, darunter 82 Jugendliche. Kein lokales, oder regionales Problem – eine ähnliche Tendenz verzeichnet auch der Deutsche Tennis-Bund, der noch 1994 in Zeiten von Becker und Michael Stich 2,3 Millionen Mitglieder hatte, zählt heute nur noch 1,3 Millionen.

Florian Rösle im Jahr 1985 – als Student hielt sich der 24-jährige Sonthofer in Augsburg fit, spielte aber nie für einen anderen Verein als den TCS.
Florian Rösle im Jahr 1985 – als Student hielt sich der 24-jährige Sonthofer in Augsburg fit, spielte aber nie für einen anderen Verein als den TCS.
Bild: Rösle privat

„Vor der Glotze Daumen gedrückt“

In Sonthofen dagegen war diese erfreuliche Entwicklung in den Becker-Jahren „auch dank der starken Nachwuchsarbeit von Florian Popp und Sascha Petratschek“ zu verfolgen, wie Rösle erzählt. „Tennis hatte eine gesellschaftliche Funktion. Wir haben vor der Glotze Daumen gedrückt und haben uns im Clubheim darüber unterhalten“, erzählt Rösle. Richtungsweisend auf diesem Weg zum historischen Triumph Beckers war nicht zuletzt das Drittrundenmatch gegen den Schweden Joakim Nyström. Nach einer Regenunterbrechung hatte Becker bei der Fortsetzung tags darauf drei Matchbälle abzuwehren. Seinem unbändigen Willen war es schließlich zu verdanken, dass er fortan wie von einem anderen Stern spielte und nach vier Assen den fünften Satz mit 9:7 gewann.

Becker, ein Muster an Kampfgeist

Qualitäten, wegen derer es Becker zum Volkshelden geschafft hat, ist Rösle sicher. „Es war so emotional, wie er das Tennisspielen gelebt hat, im Gegensatz zu vielen anderen. Er war ein Muster an Kampfgeist, hat sich aufgeregt, hat den Schläger geschmissen. Man hatte immer den Eindruck, dass der Junge sich aufopfert. Das hat uns elektrisiert“, schwärmt Florian Rösle. Dabei habe er nicht nur als Einzelspieler, sondern auch als Teil des erfolgreichen deutschen Teams im Davis Cup den Sport seiner Generation vorangetrieben.

Nicht wenige Jugendliche, die vorher keinen direkten Bezug zum Tennis hatten, wurden vom Siegeszug Beckers in Wimbledon mit dem Tennisfieber infiziert. Zumal wenige Jahre später mit Steffi Graf auch eine deutsche Frau einen kometenhaften Aufstieg in die Weltspitze schaffte. „Die Gräfin, aber auch Michael Stich oder Anke Huber hatten spielerische Klasse, waren aber allesamt eher schüchtern – aber Boris Becker hatte das besondere Etwas“, erinnert sich Florian Rösle. „Eine solche Galionsfigur ist in Deutschland nicht in Sicht. Man hätte es Alexander Zverev vielleicht zugetraut, ein Vorbild für die Kids zu sein. Aber niemand fesselt so, wie Becker es getan hat. Man hatte immer den Eindruck, man weiß ganz genau, was der Junge jetzt fühlt.“