Kriegsende

Der letzte Häftling: Von Auschwitz nach Immenstadt

Franzosen in Immenstadt

Französische Truppen besetzten im Mai 1945 für zwei Monate Immenstadt. Unser Foto zeigt eine Parade auf dem Marienplatz.

Bild: Stadtarchiv Immenstadt

Französische Truppen besetzten im Mai 1945 für zwei Monate Immenstadt. Unser Foto zeigt eine Parade auf dem Marienplatz.

Bild: Stadtarchiv Immenstadt

Die letzte Nummer, die einem Menschen in dem Konzentrationslager gestochen wurde, gehörte mutmaßlich einem Verbrecher. Wie er nach Immenstadt kam.
10.09.2021 | Stand: 16:51 Uhr

Als Engelbert M. im Mai 1945 in Immenstadt in Kriegsgefangenschaft kam, trug er auf seinem Arm eine tätowierte Nummer. Es war die letzte, die je einem Menschen im Konzentrationslager Auschwitz gestochen worden war. Engelbert M. befand sich vor 75 Jahren in einem der Lager, die die französischen Besatzer im Stadtgebiet von Immenstadt für deutsche Kriegsgefangene errichtet hatten.

Über 2000 waren im Mai 1945 in der Kapuzinerkirche und in den Klosterräumen untergebracht. „Ein Teil lagerte bei Schnee und Regen auch im Klostergarten“, heißt es im Stadtbuch von Dr.Rudolf Vogel. Gerhard Klein vom Stadtarchiv Immenstadt berichtet davon, „dass das Stadtbild häufig von deutschen ausgemergelten Kriegsgefangenen geprägt war, die durch die Stadt getrieben wurden“. Die Bibliothek des Klosters, die schon durch die Fliegerangriffe vom 29. April 1945 stark beschädigt worden war, „wurde durch die Kriegsgefangenen noch weiter zerstört“, sagt Klein. Ein anderes Lager erstreckte sich östlich der Hofmühle zwischen der Aach und dem Kalvarienberg. „Auch in den Physikalischen Werkstätten (Kunert) waren gefangene Soldaten untergebracht“, steht in der Stadtgeschichte.

Dass Engelbert M. die Nummer 202499 am 18. Mai 1945 in Au-schwitz gestochen worden war und er sich in Immenstadt als Kriegsgefangener aufhielt, hat die Journalistin Alexandra Rojkov herausgefunden. Sie recherchierte für das Magazin der Süddeutschen Zeitung eine Geschichte, in der es um einen israelischen Künstler ging, der sich vor 17 Jahren eine Nummer auf seinen linken Arm hatte stechen lassen. Er wollte daran erinnern, was die Nationalsozialisten seiner Familie angetan hatten. Der Künstler wählte damals nicht die Registrierungsnummer seiner Eltern und Großeltern. Er entschied sich für eine symbolische Zahl. Und zwar für die letzte, die in Auschwitz tätowiert wurde. Damit wollte der 52-Jährige an alle ermordeten Juden erinnern.

Rojkov fand heraus, dass Engelbert M. mehr als vier Jahre in verschiedenen Konzentrationslagern einsitzen musste und am 15. Januar 1945 nach Auschwitz gebracht wurde. Als er drei Tage später ankam und tätowiert wurde, löste sich das Lager auf. Die Journalistin stieß auf Informationen, die besagen, „dass Engelbert M. ein schwer erziehbarer Junge gewesen war, der Diebstähle verübt hatte“. Als Wiederholungstäter kam er im Oktober 1940 ins KZ Dachau, später nach Buchenwald, Lublin, Mauthausen und schließlich nach Auschwitz.

Die „SS-Sondereinheit Dirlewanger“ erschoss Juden und Partisanen

In Auschwitz wurde der KZ-Häftling der berüchtigten „SS-Sondereinheit Dirlewanger“ zugeteilt. Oskar Dirlewanger war ein Kaufmannssohn aus Würzburg. Er scharte ab 1940 eine Truppe um sich, die schlimmste Kriegsverbrechen beging. Die „SS-Sondereinheit Dirlewanger“ erschoss Juden und Partisanen. Sie war auch maßgeblich an der Niederschlagung des Warschauer Aufstands beteiligt, bei dem 1944 rund 200 000 Zivilisten getötet wurden. Es gibt keine Aufzeichnungen darüber, warum Engelbert M. dieser Einheit zugeteilt wurde.

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Bekannt ist, dass die Truppe sich Anfang 1945 an der Zerschlagung eines Aufstands in der Slowakei beteiligte. „Von dort schickte man sie zurück nach Deutschland. Im April wurde der Rest in Brandenburg eingekesselt und von russischen Soldaten gefangen genommen“, schreibt Rojkov. Unter ihnen befand sich Engelbert M. aber nicht. Stattdessen tauchte sein Name im Mai 1945 in den Akten französischer Kriegsgefangenen in Immenstadt auf. Laut den Dokumenten gab das Mitglied der „Dirlewanger-Truppe“ bei der Gefangennahme an, Teil einer Wehrmachtseinheit zu sein. Diese setzte sich vor Kriegsende vermutlich ab, schlug sich nach Süden durch und wurde von französischen Soldaten gefangen genommen, berichtet Rojkov.

Danach unbescholten gelebt

Engelbert M. wurde nach mehreren Monaten in Kriegsgefangenschaft in Immenstadt entlassen, „kehrte in seine Heimat zurück und führte bis zu seinem Tod ein unbescholtenes Leben“, berichtet Rojkov. Der KZ-Insasse mit der Nummer 202499 starb mit über 90 Jahren. Wo der ehemalige KZ-Häftling am Ende lebte, schreibt die Journalistin nicht. „Ich möchte verhindern, dass die Familie wegen der Vergangenheit ihres Großvaters belästigt wird. Denn sie trägt keine Schuld“, teilt sie in einer Mail mit.

Korrekturhinweis: In einer früheren Version dieses Textes wurde die Formulierung "polnisches Konzentrationslager" verwendet. Wir haben dies geändert.