Immenstadt

Die Aufteilung in Nullen und Einsen

Fatih Cevikkollu

Fatih Cevikkollu

Bild: Rainer Schmid

Fatih Cevikkollu

Bild: Rainer Schmid

Kabarett Fatih Cevikkollu über die Digitalisierung und ihre Auswirkung auf die Gesellschaft
12.03.2020 | Stand: 16:01 Uhr

„Was Sie hier sehen, ist keine Fata Morgana. Die gibt’s nur bei heißer Luft. Und die ist im Hofmühle-Museum eher nicht anzutreffen“ – so passgenau startet Horst Schreiber vom Immenstädter Kleinkunstverein „Klick“ den Kabarettabend „Fatih Morgana“, mit Fatih Cevikkollu. Der allerdings springt gleich barfuß in türkisen Badesandalen, hellem Leinenanzug und weißem T-Shirt auf die Bühne: „Hallo, Freunde!“ – „Hallo, Fatih!“

So klingt die neckische Begrüßung, kurz eingeübt, von beiden Seiten. Nein, so besonders „väterlich“ gibt sich der Kölner Kabarettist mit türkischen Wurzeln keineswegs. Seine Gags kommen blitzschnell, treffen wunde Punkte, zeigen, dass unsere Gesellschaft „die Gleichzeitigkeit von Unterschiedlichkeiten“ ist. Freche Aufwecker gibt es, die schon mal „Buuuh!“ und Klatschen gleichzeitig provozieren: „Wenn eine Partei am Ende ist – die CDU nach Kohl, jetzt die SPD – merkt man das immer daran, dass Frauen randürfen …“ Elegant kriegt aber der Comedian die Kurve: „Ja, die sollen den Karren aus dem Dreck ziehen!“ Und trotzdem sieht man überall: „Hodenträger sitzen gern in der ersten Reihe.“

Doch Zentralthema des Abends ist die Digitalisierung. Die Aufteilung der Gesellschaft in Nullen und Einsen. Die Welt der „alternativen Fakten“ und Filterblasen. Diese „Fatih Morgana“-Vorstellung zeigt in zwei hellsichtigen Kabarett-Stunden, dass nichts ist, wie es scheint.

Einen „digitalen Eingeborenen“ entdeckt Cevikkollu im Publikum: Felix, zwölf Jahre. „Du drückst das Durchschnittsalter hier deutlich unter 80!“ freut sich „Fatih“. Den Großteil der Besucher im knallvollen Gewölbe bezeichnet er als „digitale Migranten“ älterer Baujahre: unfreiwillige Flüchtlinge aus der analogen in die digitale Welt.

Genau jetzt entstehe der „digitale Mensch“, im Übergang zur Verschmelzung von Mensch und Maschine. „Als das Telefon noch fest war, waren wir Menschen noch frei“, formuliert dazu Cevikkollu. Deshalb muss „Felix“ dringend lernen, was Maschinen nicht können: Empathie, sprich Mitgefühl, Solidarität, also Gemeinschaftsbewusstsein, und Kreativität, Schöpferkraft.

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Was aber nicht heißt, dass für uns Erwachsene schon alles zu spät wäre, nix mehr zu lernen bliebe: „Der Widerstand gegen die verrohende Gesellschaft beginnt mit der Überwindung der eigenen Angst!“ fordert der Comedian im Ernst am Ende von seinem Publikum. Damit eine menschliche, digitale Welt-Gesellschaft nicht nur heiße Luft bleibt – eine Fata Morgana.