Kunstpreis-Trägerin

Die Bilder dieser Sonthoferin sind viel mehr als nur Flickwerk

Mit dem Kunstpreis der Stadt Sonthofen bedacht: Die Textilkünstlerin Ursula Peters bei der "Südlichen" vor ihren Kunstwerken in der Sonthofer Stadthausgalerie.

Mit dem Kunstpreis der Stadt Sonthofen bedacht: Die Textilkünstlerin Ursula Peters bei der "Südlichen" vor ihren Kunstwerken in der Sonthofer Stadthausgalerie.

Bild: Günter Jansen

Mit dem Kunstpreis der Stadt Sonthofen bedacht: Die Textilkünstlerin Ursula Peters bei der "Südlichen" vor ihren Kunstwerken in der Sonthofer Stadthausgalerie.

Bild: Günter Jansen

Ursula Peters formt aus altem Stoffen faszinierende Kunstwerke. Seit den 70er Jahren hängt sie "an der Nadel". Wie es dazu kam und welche Erfolge sie damit hat.
08.11.2020 | Stand: 17:00 Uhr

Was für muntere Fische tummeln sich in diesem Wasser? Bunt in vielen Farben schillernd sind sie schemenhaft wie unter den von der Sonne erleuchteten Wellen zu erkennen, wobei sich ihr Bild immer wieder unter der schwankenden Oberfläche bricht. Konzentrische Kreise führen dabei den Blick des Betrachters in die Tiefe dieses „Meeresgartens“.

„Octopussy’s Garden“ hat Ursula Peters diese fantasievolle Arbeit genannt. Das malerisch so reizvolle Bild verblüfft dabei durch seine Technik. Denn es ist nicht mit dem Pinsel gemalt, sondern aus Stoffstücken zusammengenäht, gequiltet. Seit Anfang der 70er Jahre ist Ursula Peters von solcher Textilkunst fasziniert. Sie hat sie selbst erlernt, ihre Arbeiten in vielen Ländern Europas und in den USA gezeigt und einige Preise für ihre Werke erhalten. Die jüngste Auszeichnung liegt nur wenige Tage zurück: der Kunstpreis der Stadt Sonthofen (wir berichteten).

Ihn erhielt die 70-Jährige, die seit Ende der 70er Jahre in der Oberallgäuer Kreisstadt lebt, für ihre Arbeit „Unten kalt, oben warm“. In ihr experimentiert Ursula Peters auch mit einem synthetischen Stoff, der aus der Raumfahrttechnik stammt. Wie sie ihn verarbeitet hat, das verrät sie nicht. Auf alle Fälle habe sie wieder dazugelernt. Beständiges Ausprobieren und Lernen gehört zu ihrer Arbeit. Dabei habe sie oft bitteres Lehrgeld bezahlt, erzählt sie. Denn alles, was sie im Bereich der Textilkunst kann, habe sie sich selbst beigebracht, autodidaktisch.

Ursula Peters nähte schon als Kind - und kam nicht wieder davon los

Schon als Kind habe sie gerne genäht – und dabei „sehr zur Freude der Mutter“ deren Schürzen zerschnitten, wenn die Puppe fror und wieder einmal ein neues Kleidchen brauchte. Eine Ausstellung mit Amish Quilts im Textilmuseum von Heidelberg begeisterte Ursula Peters dann Anfang der 70er Jahre so sehr, dass sie sich selbst in dieser Technik versuchte. Beim Quilten wird auf einen textilen Untergrund und eine Lage mit Wattierung eine Schauseite gesteppt, die aus verschiedenen Stoffen, aus Flickwerk oder Patchwork, zusammengesetzt ist. Auch die Idee, die dahintersteht, begeisterte Ursula Peters: aus alt mach neu. Aus alten Kleidern wurden bei den Amish, einer streng religiösen Gemeinschaft, kaputte Stellen entfernt und die Stoffe für neue Decken weiterverwendet.

Den Amish Quilts lagen zumeist schlichte grafische Muster zugrunde. Und solche kennzeichnen auch Ursula Peters erste Arbeiten. Sie schuf Decken und Kissen, entwarf aber auch Kleidungsstücke. Es war die Zeit der Hippie-Bewegung, erinnert sich Ursula Peters. Die gebürtige Dornbirnerin lebte damals in Rom, nähte zum Beispiel aus Krawatten, die sie auf Flohmärkten erwarb, swingende bunte „Schlabberröcke“. Und sie lernte viel: von befreundeten Künstlern zum Beispiel, wie Ausstellungen zu gestalten, wie Arbeiten zu hängen und zu präsentieren sind, oder von einem Handtaschenmacher, wie Leder zu verarbeiten ist.

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„Octopussy’s Garden“ hat Ursula Peters diese fantasievolle Arbeit genannt.
Bild: Ursula Peters

Hochschwanger sei sie mit ihrem Mann Ende der 70er Jahre nach Sonthofen gekommen. Im Oberallgäu arbeitete sie ein paar Jahre bei der Firma Held in Burgberg, stellte Arbeitshandschuhe aus verschiedenen Materialien her oder nähte Nierengurte für Motorradfahrer aus Leder. Vor allem aber richtete sie sich in Sonthofen eine Quiltwerkstatt ein, in der sie noch heute arbeitet und Workshops gibt.

„Ich war noch nie fantasielos“

Ihre Werke wandelten sich, näherten sich von einer rein grafischen Gestaltung immer mehr farbenfrohen Gemälden an, Bildwerken wie etwa „Octopussy‘s Garden“. „Ich war noch nie fantasielos“, sagt sie schmunzelnd. Solche Textilkunst weckte Aufmerksamkeit – etwa bei der Quiltbiennale in Heidelberg. 1990 erhielt Ursula Peters einen Auftrag für Kunst am Bau in Kempten: Sie gestaltete für die neue Fachoberschule einen Wandbehang für einen halligen Raum, der den Schall dämpfte. Internationale Ausstellungsbeteiligungen folgten: in Pasadena in den USA, in Montpellier in Frankreich, in Wien, in Brüssel ...

Doch: „Kunst allein macht nicht satt“, sagt Ursula Peters. Nur wenige Künstler können von ihrer Kunst leben. Deshalb schuf Ursula Peters neben ihren kunstvollen Bildwerken auch Gebrauchsgegenstände, etwa Handtaschen. Solche verkaufte sie wie ihre Decken und Kissen auf Kunsthandwerkermärkten.

Eine Besucherin am Stand fragte sie einmal überrascht: „Haben Sie das alles selbst gemacht?“ Worauf Ursula Peters, die gerade an einem neuen Objekt werkelte, verschmitzt antwortete: „Sie sehen doch, dass ich an der Nadel hänge.“ „Was, Sie sind drogensüchtig?“, sagte die Frau entsetzt. „Ja“, erwiderte Ursula Peters: „Patchwork macht süchtig.“

Arbeiten von Ursula Peters sind in ihrer Quiltwerkstatt in Sonthofen, Grüntenstraße 34, zu besichtigen, geöffnet nach Vereinbarung (Telefon 08321/6184744).

Vier Werke zeigt die Künstlerin auch in der „Südlichen“ in der Sonthofer Stadthausgalerie. Diese Jahresausstellung der Bildenden Künstler der Region soll nach dem November-Lockdown im Dezember nochmals ihre Pforten öffnen.

Ursula Peters im Internet

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