Malerei trifft auf Musik

Von Känguru bis Kaltland: Dieser Kranzegger Musiker illustriert Videoclips

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Känguru aus der „Music for Children“: Für diesen Videoclip hat Hans-Jürgen Gerung aus Kranzegg ein Prélude von Johann Sebastian Bach mit lustigen Tierzeichnungen bebildert.

Bild: Hans-Jürgen Gerung

Känguru aus der „Music for Children“: Für diesen Videoclip hat Hans-Jürgen Gerung aus Kranzegg ein Prélude von Johann Sebastian Bach mit lustigen Tierzeichnungen bebildert.

Bild: Hans-Jürgen Gerung

Der Kranzegger Komponist Hans-Jürgen Gerung ist auch ein talentierter Zeichner. Im Internet untermalt er Musik mit Grafiken. Was zu hören und zu sehen ist.
24.01.2021 | Stand: 11:30 Uhr

Wenn die Sonne strahlt, verwandelt sie die verschneite Allgäuer Landschaft in ein Wintermärchen. Doch es gibt in der dunklen Jahreszeit auch die trüben Tage, an denen weiße Wiesen und Felder mit dem graufahlen Himmel zu einer unheimlichen Einheit verschmelzen, die nur noch Einsamkeit, Stille, Leere vermittelt. Den Weg von einem goldenen Herbsttag in so eine trübe, melancholische Winterstimmung beschreibt „Whiteout“, ein Videoclip, den Hans-Jürgen Gerung, Gitarrist und Komponist aus Kranzegg und stellvertretender Musikschulleiter in Oberstdorf, auf seiner Internet-Seite präsentiert.

Der vielseitige Künstler sorgt dabei nicht nur für den Ton, sondern auch für die Bebilderung. Dazu nutzt er eigene Grafiken. „Ich zeichne jeden Tag“, erzählt der 60-Jährige. Egal wohin er auch gehe oder fahre, er habe immer einen Skizzenblock dabei. Als junger Mensch habe er nach der Schule zunächst geschwankt, welche Begabung er durch ein Studium vertiefen sollte: das Malen oder das Musizieren.

Er entschied sich für Letzteres, ohne das andere aufzugeben. Und er versteht es, beides zu verbinden. So ziere jede seiner Partituren auch eine Grafik. Und einige seiner Einspielungen hat er mit Grafiken und Fotografien zu Video-Clips ausgestaltet, die er im Internet präsentiert, wie etwa „Whiteout“.

Inspiration holt Gerung sich an vielen Orten im Allgäu

Die Grafiken dafür entstanden auf der Burghalde in Kempten oder bei Winterspaziergängen im Werdensteiner Moos, bei Oy-Mittelberg oder am Grünten. So wie die Konturen der Landschaft sich allmählich auflösen, zerfällt am Ende auch die Musik und verklingt. Hans-Jürgen Gerung greift dafür nicht etwa auf heimische Klänge zurück, sondern auf solche aus dem Nahen Osten.

Seine Inspiration holt Hans-Jürgen Gerung in der Natur. Zum Beispiel am Grünten.
Seine Inspiration holt Hans-Jürgen Gerung in der Natur. Zum Beispiel am Grünten.
Bild: Hans-Jürgen Gerung

Er spielt eine türkische Langhalslaute, Saz genannt, die mit melancholischen Tönen die Einsamkeit des Weges in die scheinbare Ödnis verdeutlicht. Inspiriert wurde Hans-Jürgen Gerung zu dieser überraschenden Kombination durch einen Besuch im Bergland von Anatolien, in dem es ähnliche Winter wie im Allgäu gebe.

"Kalt-Land": Kälte und Eis in der Natur

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Von Kälte und Eis in der Natur und im menschlichen Leben erzählt „Kalt-Land“, eine achtsätzige Komposition für Gitarre und Stimme, die der renommierte Komponist Helmut Oehring, Mitglied der Berliner Akademie der Künste, für Hans-Jürgen Gerung und dessen Oberstdorfer Festival für Neue Musik geschrieben hat.

„Nach der Einspielung der komplexen Partitur begannen unzählige Wanderungen mit dem Skizzenbuch durch die Landschaft des Allgäus“, erklärt Hans-Jürgen Gerung die Bebilderung. „Bevorzugt an eiskalten Wintertagen oder bei Sturm, Regen und Schneetreiben fand ich die Motive, die sich wie von selbst anschmiegten an die Musik.“

Angereichert mit Fotografien, die teils der Komponist, teils der Interpret gemacht haben, ist so ein eindringliches Gesamtkunstwerk entstanden. Die winterlichen Landschaften symbolisieren die seelischen Vereinsamung des Menschen, so wie sie etwa Gehörlose erleiden. Komponist Helmut Oehring kann sich in deren Schicksal nur zu gut hineinversetzen, denn seine Eltern waren gehörlos.

Arbeit ist "total spannend"

Zeitgenössische Musik zu visualisieren, sei etwas total Spannendes, sagt Hans-Jürgen Gerung. „Ich zeichne dann viel, wäge ab, probiere und verwerfe – oder lasse zu“, schildert der Künstler den Entstehungsprozess von „Kalt-Land“ und gesteht: „In diesen Momenten scheint mir das Zeichnen so sehr zu eigen, dass ich zutiefst bedauere, Musiker geworden zu sein. Mit einer Leichtigkeit, wie ich sie in der Tonkunst niemals habe, fügt sich alles zusammen. Motiv, Material, Technik, Ästhetik … keine Fragen, keine Zweifel.“

Der Kranzegger Musiker Hans-Jürgen Gerung entschied sich während seines Studiums für die Musik und gegen das Malen. Doch Letzteres konnte er nie ganz aufgeben.
Der Kranzegger Musiker Hans-Jürgen Gerung entschied sich während seines Studiums für die Musik und gegen das Malen. Doch Letzteres konnte er nie ganz aufgeben.
Bild: Reiner Metzger

So ist es nicht verwunderlich, dass sich unter den Videoclips neben vielen ernsten Beiträgen auch ein lustiger für Kinder findet: Hans-Jürgen Gerung hat dabei ein Prélude auf dem Klavier eingespielt, das Johann Sebastian Bach in das Notenbüchlein für seinen Sohn Wilhelm Friedemann geschrieben hat. Und diese „Musik für Kinder“ hat der Kranzegger mit Tiergrafiken illustriert, die er für seine eigenen Kinder Sarah und Fabian zum Ausmalen geschaffen hat. Da hopst dann frech ein Känguru vorüber oder trabt wiehernd ein Pferd vorbei, vom Nachwuchs säuberlich koloriert.

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