Blick in die Historie

Ein Kämpfer gegen Willkür: Wie Joseph Groß aus Oberstdorf die Demokratiebewegung im Allgäu befeuerte

01 NO Oberstdorf von Norden Zeichnung von Carl Belleville 1856

Die Zeichnung von Carl Belleville zeigt Oberstdorf im Jahr 1856.

Bild: Marktarchiv Oberstdorf

Die Zeichnung von Carl Belleville zeigt Oberstdorf im Jahr 1856.

Bild: Marktarchiv Oberstdorf

Dr. Joseph Groß aus Oberstdorf war ein Hauptvertreter der Demokratiebewegung im Allgäu. Der geachtete Arzt legte sich auch mit der Kirche an.
##alternative##
Von Gerhard Klein
13.11.2021 | Stand: 18:30 Uhr

Er war ein geachteter Arzt, der mittellose Patienten oftmals unentgeltlich behandelte, ein geschätzter Autor, vor allem aber ein exponierter Vertreter der liberalen Bewegung der Jahre 1848/49, der unerschrocken gegen obrigkeitliche Willkür und Bevormundung ankämpfte, jedoch außerhalb der Historikerzunft weitgehend in Vergessenheit geraten ist. Die Rede ist von Dr. Joseph Groß, der 13 Jahre seines Lebens in Oberstdorf wirkte.

Geboren wurde er am 3. März 1818 in Ursberg und einen Tag später auf die Namen Joseph Wilhelm Grimo getauft, mit Drittnamen benannt nach dem Heiligen Grimo von Ursberg. Nach dem Besuch des Gymnasiums in Dillingen und Augsburg studierte er in München an der Ludwig-Maximilians-Universität, wo er am 18. März 1842 in der Disziplin „Medizin, Chirurgie und Geburtshilfe“ promoviert wurde, bevor er im Juni 1844 die Praxiszulassung erhielt und sich als praktischer Arzt in Oberstdorf niederließ. Dort begründete er am 28. Januar 1845 durch die Verehelichung mit Josepha Dempf aus Mindelheim auch seine Familie.

Einer der profiliertesten Anhänger der Allgäuer Freiheits- und Demokratiebewegung

In den Revolutionsjahren 1848 und 1849 entwickelte er sich zu einem der profiliertesten Anhänger der Allgäuer Freiheits- und Demokratiebewegung: Er stand in enger Verbindung zum Immenstädter Abgeordneten Fidel Schlund, war Schriftführer des Märzvereins von Fischen, beteiligte sich an Volksversammlungen und war Mitbegründer des Lesevereins von Oberstdorf, wo größtenteils radikale Schriften auflagen. Dies forderte den Widerstand des monarchisch gesinnten katholischen Klerus heraus, der ihn massiv unter Druck setzte.

In der Presse verteidigte Groß mutig seine politischen Überzeugungen: „Wenn es gilt, dem Volke durch Aufklärung über seine Lage unter die Arme zu greifen, werde ich das Unrecht, Trug und Hinterlist überall angreifen und entlarven, wo ich dieses Unkraut finde, und sollte es auch bei einem Pfarrer sein.“ Ein Höhepunkt der eskalierenden Auseinandersetzungen mit der Geistlichkeit war sicherlich ein Wortgefecht in der Pfarrkirche von Oberstdorf zwischen Pfarrer Johann Nepomuk Stützle auf der Kanzel und Groß auf der Empore.

Dr. Joseph Groß (1818 - 1865), der 13 Jahre seines Lebens in Oberstdorf wirkte, war nicht nur ein angesehener Arzt, sondern ein wichtiger Vertreter der liberalen Bewegung 1848/49.
Dr. Joseph Groß (1818 - 1865), der 13 Jahre seines Lebens in Oberstdorf wirkte, war nicht nur ein angesehener Arzt, sondern ein wichtiger Vertreter der liberalen Bewegung 1848/49.
Bild: Heimatmuseum Oberstdorf

Auch für Joseph Groß aus Oberstdorf folgte eine Zeit der Bespitzelung und der Intrigen

Nach der Niederschlagung der Revolution durch bayerische Truppen im Juli 1849 folgte auch für Joseph Groß eine Zeit der Bespitzelung und der Intrigen. So wurde der Obrigkeit gemeldet, dass am 27. Mai 1850 in einem Wäldchen bei Altstädten einige führende Vertreter der Liberalen des südlichen Allgäus konspirativ zu Diskussionen zusammengekommen waren, da aufgrund der polizeilichen Überwachung ein Treffen in einem Gasthaus nicht mehr möglich war. Unter den Anwesenden waren auch Fidel Schlunds Schwager Peter Marckhart und Dr. Joseph Groß. Der Denunziant war in diesem Fall der Fischinger Pfarrer Anton Kräh, der im gleichen Schreiben – nachdem dies in den Jahren zuvor schon von Pfarrer Stützle vergeblich versucht worden war – die Zwangsversetzung des Oberstdorfer Arztes vorschlug, denn dann sei „das Allgäuer Völklein bald wieder zurecht gebracht.“

Lesen Sie auch
##alternative##
Kapiteljahrtag in Oberstdorf

Kirche gedenkt Priestern und Mitarbeiterinnen:  „Der Tod hat nicht das letzte Wort“

Die Versetzung nach Obermedlingen im Landgericht Lauingen hatte freilich bereits am 10. April das Regierungspräsidium in Augsburg verfügt und damit eine intensive mediale Diskussion ausgelöst, ob eine derartige Anordnung, die explizit aus politischen Gründen erfolgt war, überhaupt rechtens sei. In diesem Sinne widersetzte sich auch Groß, indem er auf die Einhaltung rechtsstaatlicher Prinzipien pochte und erklärte, er spiele nicht „das geduldige Schaf“ und werde seinen Platz nicht räumen. Letztendlich konnte sich Groß mit dieser Haltung durchsetzen.

Die "Schwarze Liste" der Hauptverdächtigen der Freiheitsbewegung

Obwohl auf der sogenannten „Schwarzen Liste“ der Hauptverdächtigen der Freiheitsbewegung im September 1852 als sein Dienstsitz offiziell Obermedlingen angegeben wurde, kann im Zeitraum zwischen 1850 und 1852 seine Anwesenheit in Oberstdorf, vor allem aufgrund seiner Betätigung als Geburtshelfer, regelmäßig nachgewiesen werden. Am 17. Februar 1853 zählte er in Immenstadt schließlich zu den auserwählten Gästen Fidel Schlunds bei dessen Abschiedsfest zwei Tage vor seiner Auswanderung in die USA.

In der Folgezeit verhielt sich Joseph Groß unpolitisch, verfasste unter dem Titel „Die Algäuer Alpen bei Oberstdorf und Sonthofen“ einen der ersten Wanderführer der Region, während er sich in beruflicher Hinsicht der Naturheilmedizin zuwandte, zum Beispiel 1854 eine Molkenkuranstalt gründete, bei der Ziegenmolke und -milch von einer an der Höfats gelegenen Alpe verabreicht wurde, und sich als homöopathischen Arzt bezeichnete.

1857 ließ er sich, nun aus freien Stücken, nach Regensburg versetzen, wo er am 16. März 1865 an den Folgen eines wenige Tage zuvor erlittenen Schlaganfalles im Alter von nur 47 Jahren verstarb.

Lesen Sie auch:

Fidel Schlund: Debatte über einen der bedeutendsten Söhne der Stadt Immenstadt