Serie "Sport im Wandel"

Einst Privileg, heute eine Show: So hat sich das Segeln über Jahrzehnte verändert

In den 1940er Jahren (im Bild) war das Segeln noch den wohlhabenden Bürgern vorbehalten - vor allem, weil beispielsweise der Alpsee noch in Privatbesitz war.

In den 1940er Jahren (im Bild) war das Segeln noch den wohlhabenden Bürgern vorbehalten - vor allem, weil beispielsweise der Alpsee noch in Privatbesitz war.

Bild: Archiv SCAI

In den 1940er Jahren (im Bild) war das Segeln noch den wohlhabenden Bürgern vorbehalten - vor allem, weil beispielsweise der Alpsee noch in Privatbesitz war.

Bild: Archiv SCAI

Hochwertiges Material, technische Neuerungen, Geschwindigkeiten bis zu 90 km/h und neue Bootsklassen haben das Segeln revolutioniert – und populärer gemacht.
12.06.2022 | Stand: 17:07 Uhr

Als Fritz Seltmann die Leidenschaft zum Segeln entdeckte, war es noch ein Privileg, segeln zu können. „Später wurde es zu unserem Leben“, schwärmt Seltmann. Vor 56 Jahren fand der heute 82-Jährige seine Liebe zum Sport. Das Segeln im Oberallgäu war seinerzeit noch eine gehobene Tätigkeit, die meist wohlhabenden Leuten vorbehalten war. Denn der Große Alpsee war damals in Privatbesitz. Seltmann selbst musste zu seiner Anfangszeit in andere Clubs ausweichen und seinem Hobby auf dem Starnberger See, dem Forggensee oder dem Bodensee nachgehen. Als der Alpsee in den Besitz des Freistaats Bayern überging, wurde der sehnlichste Wunsch der Bühler Sportskameraden erfüllt: mit dem Segelclub Alpsee-Immenstadt gründeten 1965 sie ihren eigenen Club. Die Mitglieder des SCAI konnten von nun an auf ihrem Heimatsee segeln und bald Regatten mit namhaften Teilnehmern austragen – ein neues Kapitel des Segelsports im Oberallgäu begann.

Wenn der 82-Jährige die vergangenen Jahrzehnte des Segelsports revuepassieren lässt, kommt er zum Schluss: „Mit dem Sport, den wir betrieben haben, hat das heute nichts mehr zu tun“, sagt Seltmann. Die deutlich höheren Geschwindigkeiten sind nur eine Veränderung. Seinen Flying Dutchman bezeichnet Seltmann liebevoll als „den Porsche der Segelboote“ und doch hätte er die heutigen Geschwindigkeiten nie auch nur annähernd erreichen können. Neben dem immer raffinierteren Material macht er vor allem die Wasserlage der Boote für den Temporausch verantwortlich. Auf dem Rumpf holen sie sich laut Fritz Seltmann „nur noch die Stabilität“.

Das Eissegeln war lange beliebt beim SCAI. Weil der Alpsee heute allerdings nicht mehr komplett zufriert, ist das Spektakel nicht mehr möglich.
Das Eissegeln war lange beliebt beim SCAI. Weil der Alpsee heute allerdings nicht mehr komplett zufriert, ist das Spektakel nicht mehr möglich.

Revolution zu fliegenden Booten

Gesegelt werde heute nicht mehr auf dem Bootring, sondern auf dem Schwert, weshalb man von fliegenden Booten spricht. Seltmann: „Die Boote sind aber auf starken Wind angewiesen, um ihre Spitzenleistungen bringen zu können.“ Einer der Generation junger deutscher Segler ist Ausnahme-Talent Julian Hoffmann. Für den 19-jährigen U21-Europameister aus Blaichach sind Katamarane „die Revolution des Segelns“, da sie auf ihren gewölbten Tragflügeln, den Foils, mit bis zu 90 km/h über das Wasser fliegen und das Segeln durch diesen Attraktivitätsfaktor populärer machen. Zudem kommen immer wieder neue Klassen, wie das Kitesurfen auf, die junge Sportler ansprechen.

Kameras und Messgeräte an Rumpf

Was die Sportgeräte angeht, gilt es den Wandel genauer unter die Lupe zu nehmen. Denn vor allem die Boote haben sich über die Jahrzehnte im technischen Bereich extrem verändert. Kameras am Baum oder Messgeräte am Rumpf gehören heute im Profibereich für die statistische Auswertung zum Alltag. An seinem Laser-Boot schätzt Hoffmann, dass es in dieser schlichtesten olympischen Bootsklasse in erster Linie auf die Fähigkeiten des Seglers ankommt und, dass die Materialqualität nicht über den Sieg entscheidet.

Konstante: Faktor Körper

Um vorne dabei sein zu können, bedarf es aber seit jeher eines Grundniveaus an körperlicher Fitness. „Der Flying Dutchman ist eine richtige Rennjolle“, sagt Seltmann. „Da musste man körperlich in Schuss sein.“ Die meisten Segler seinerzeit waren nicht nur Athleten, sondern meist auch gute Skifahrer, erinnert sich der 82-Jährige. Was die körperlichen Voraussetzungen angeht, habe sich im Lauf der Jahre nicht viel verändert. Und doch: Wenn Fritz Seltmann an seiner ehemaligen Wirkungsstätte vorbeischaut, sieht er „Athletik pur“. Das bestätigt auch Julian Hoffmann. „Der Laser ist eine hänge-intensive Bootsklasse, die viel Kraft und eine gute Grundlagenausdauer erfordert“, sagt der 19-Jährige. „Es ist eine lange Belastungszeit, die zwei einstündige Rennen mit sich bringen.“ Auf einigen Booten gibt es zudem verschiedene Positionen, die hohe Anforderungen an die kognitive Kompetenz stellen, aber nur wenig Kraftaufwand erfordern.

Fritz Seltmann entdeckte Mitte der 1960er Jahre das Segeln für sich.
Fritz Seltmann entdeckte Mitte der 1960er Jahre das Segeln für sich.

„Segeln ist eine Show geworden“

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Auch beim Terrain, bei der Streckenführung und Austragungsorten hat sich über die Jahre viel bewegt im Segelsport. Um mehr Aufmerksamkeit auf den Sport zu lenken, werden vermehrt Grand Prixs vor Marseilles, New York oder Sydney veranstaltet. Bei Routen auf dem Meer bleiben die Boote in Sichtweite und die Kurse gehen meist an Segelclubs vorbei, der Sport wird stärker inszeniert. „Das heutige Segeln ist sehr viel Show“, sagt Fritz Seltmann. „Früher ging es um den reinen Spaß für die Segler, heute ist Segeln Publikumssport geworden, der Zuschauer benötigt, weil sie wichtig für die Einnahmen sind.“

Wettbewerbe und Reglement haben sich allerdings wie auch das Training kaum verändert. Seltmann erwartet allerdings, dass das Aufkommen des Kitesurfens trainingstechnische Änderungen hervorrufen werde. Vor allem aber der finanzielle Aspekt habe sich massiv verändert, sagt Seltmann. „Das liegt nicht nur an der ausgefeilten Technik, sondern insgesamt am Material“, sagt Seltmann. „Anzüge hatten wir damals auch, aber keine für 1000 Euro. Die braucht man auch noch nicht, wenn man mit dem Segeln anfangen sollte. Im Kindesalter.“