Radsport extrem beim "Race across the alps"

"Absoluter Höllenritt": Burgberger Radler meistert 525-Kilometer-Tortur

Andreas Starke

Atemberaubend und kräftezehrend: Andreas Starke bewältigte beim „Race across the alps“ zweimal das Stilfserjoch, stärkte sich unter anderem am Berninapass im Begleitfahrzeug und fuhr nach dem Albulapass ins Ziel, wo die Begleiter Alfred Karasek und Klaus Bermanseder warteten.

Bild: Alfred Karasek

Atemberaubend und kräftezehrend: Andreas Starke bewältigte beim „Race across the alps“ zweimal das Stilfserjoch, stärkte sich unter anderem am Berninapass im Begleitfahrzeug und fuhr nach dem Albulapass ins Ziel, wo die Begleiter Alfred Karasek und Klaus Bermanseder warteten.

Bild: Alfred Karasek

525 Kilometer, 14 .000 Höhenmeter: Andreas Starke meistert die Alpenquerung. Nach körperlichen und mentalen Abgründen wird ein Cappuccino zum großen Glück.
05.07.2021 | Stand: 15:30 Uhr

Verrückt nicht, vielleicht ein bisschen durchgeknallt, vor allem aber extrem hart soll die Tour gewesen sein. „Irre ist das nicht, was ich da gemacht habe. Aber es war ein absoluter Höllenritt, das härteste Abenteuer meines Lebens“, sagt Andreas Starke. Der 49-jährige Burgberger absolvierte Ende Juni erstmals das „Race across the alps“, ein Extrem-Rennradrennen durch Österreich, die Schweiz und Italien. Die Zahlen der „Tortur“ zeichnen ein Bild des sportlichen Wahnsinns: 525 Kilometer, 14 .000 Höhenmeter, 14 Gipfel, 30 Stunden nonstop im Sattel.

Es soll das heftigste Eintages-Rennen der Welt sein“, sagt Starke. „Und aus meiner Sicht ist es das auch. Entsprechend geht es da gar nicht um Resultate. Das Wichtigste ist durchzukommen.“ Und das tat Starke in der Zeit von 30:07:43 Stunden als 21. bravourös. Nicht mehr als 45 Athleten wagten sich an den Ritt über die Alpen.

Starke: "Ab und zu nachts mal an den Gardasee"

Starke, der im sächsischen Meißen aufgewachsen ist und seit 1981 im Allgäu wohnt, ist Mitglied beim RSC Kempten und verbringt die meiste Zeit auf dem Rad mit seiner Gruppe vom Biketeam Oberallgäu. Lockere Ausfahren, Wochenend-Camps in Tirol und Hobbyrennen in der Region sind die sportlichen Betätigungsfelder des 49-Jährigen. „Aber ab und zu fahre ich abends los und radle die Nacht durch an den Gardasee, aber das an sich ist ja nicht verrückt.“ Ansichtssache.

Atemberaubend und kräftezehrend: Andreas Starke bewältigte beim „Race across the alps“ zweimal das Stilfserjoch, stärkte sich unter anderem am Berninapass im Begleitfahrzeug und fuhr nach dem Albulapass ins Ziel, wo die Begleiter Alfred Karasek und Klaus Bermanseder warteten.
Atemberaubend und kräftezehrend: Andreas Starke bewältigte beim „Race across the alps“ zweimal das Stilfserjoch, stärkte sich unter anderem am Berninapass im Begleitfahrzeug und fuhr nach dem Albulapass ins Ziel, wo die Begleiter Alfred Karasek und Klaus Bermanseder warteten.
Bild: Alfred Karasek

Doch die Idee einer Teilnahme am „Race across the alps“ kam Starke vor einigen Jahren, als er beim Drei-Länder-Giro mitfuhr, der ebenfalls in Tirol direkt im Anschluss an die Alpenquerung startet. „Ich habe oft den Zieleinlauf gesehen, mich aber nie getraut, teilzunehmen. Ich habe gedacht, ich schaffe das nicht“, sagt Starke. Ein Treffen mit Klaus Bermanseder und zwei „Schnupper-Touren“ als Begleiter später, kam Starke 2019 die Idee des eigenen Starts. Es folgten zwei Jahre Vorbereitung – „Kilometer sammeln, Höhenmeter fressen, indem man viele Berge aneinanderreiht und die Umfänge steigert“, beschreibt der Burgberger. Denn die Strecke hat es in sich. (Lesen Sie auch: Jan Frodenos Weltrekord-Jagd im Allgäu: "Es ist maximale Rivalität")

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Vom Start im 1.360 Meter hohen Nauders geht es über den Reschenpass aufs Stilfserjoch, das zweimal bewältigt werden muss und mit 2.757 Metern das Dach der Tour ist. Nach dem Gaviapass und dem Mortirolo wartet zur Halbzeit der Berninapass (2.330 m), ehe der Albula (2.306), der Flüela (2.399) und nach zwei weiteren Pässen erneut das Stilfserjoch das Feld fordern, von dem aus es zurück nach Nauders geht. Ein kolossales Programm.

„Von Anfang an galt es für mich, nur irgendwie durchzukommen“, sagt Starke. Bis zum Fuß vom Stilfersjoch blieb er im Feld, ehe er Tempo rausnahm und seiner Taktik folgte, fortan sein eigenes Tempo zu fahren. Die Fahrer waren mit GPS-Tracker ausgestattet, ein Team im Begleitfahrzeug unterstützte während der gesamten Tour mit Verpflegung. Im Wagen fuhren Klaus Bermanseder und Alfred Karasek mit, Bike-Begleiter Michael Hiemeyer gesellte sich mit dem E-Bike ab dem Berninapass bei Kilometer 240 dazu. „Es war ungemein wichtig, diese Menschen dabei zu haben“, sagt Starke. „Jeder war eine Stütze für die schweren Phasen.“ Und die sollten kommen.

De Begleiter Alfred Karasek (links) und Klaus Bermanseder (rechts) wichen Andreas Starke während seines Solo-Ritts nicht von der Seite.
De Begleiter Alfred Karasek (links) und Klaus Bermanseder (rechts) wichen Andreas Starke während seines Solo-Ritts nicht von der Seite.
Bild: Alfred Karasek

Die ersten Pässe habe er „ganz gut weggesteckt“, ab dem Bernina, als sich das Feld gestreckt hatte und zunehmend weniger Fahrer sichtbar waren, zeichnete sich der erste Einbruch ab. Starke war bereits 14 Stunden unterwegs, meist im Wiegeschritt, die Oberschenkel näherten sich dem Limit ihrer Leistungsfähigkeit. „Die Ruhe, alleine zu radeln, war gut. Ich konnte meinen Stiefel fahren und mich vor allem nachts auf meine Schmerzen konzentrieren“, sagt Starke. „Aber die Beine waren die Hölle. Nach dem Mortirolo kam der erste große Einbruch und am Bernina war es brutal. Ein wahnsinnig langer Anstieg, nachts, alleine – und immer wieder die Frage, wie lange es überhaupt so geht.“ Und doch kam eine Aufgabe nie in Frage – „den Schweinehund habe ich an der Kette gehabt. Ich wollte da durch.“

Große Erfüllung am Tag darauf, dann ab in die Arbeit

Und er ist durchgekommen. Sein Weg aus der Krise? „Schritt für Schritt, Meter für Meter. Und nach jedem Tiefpunkt auf den nächsten Aufschwung warten. So läuft das auch im Leben“, sagt der zweifache Familienvater. Die große Erfüllung empfand der 49-Jährige neben diesen kleinen Teilerfolgen übrigens nicht bei der Zieldurchfahrt in Nauders. „Am Tag darauf, beim Cappuccino im Dorf, habe ich alles Revue passieren lassen“, sagt Starke. „In dem Wissen, was ich da geschafft habe, habe ich einfach die Beine hochlegen können.“

Viel mehr Zeit hat sich der Extrem-Radler allerdings nicht gegönnt. 16 Stunden nach besagtem Cappuccino arbeitete der Werkstattleiter eines Autohauses in Sonthofen schon wieder – abends ging es mit seinem Biketeam Oberallgäu auf eine entspannte Runde. „Mit ein paar Tagen Abstand merke ich, dass solche Dinge meine persönlichen Lebenshöhepunkte sind“, sagt Andreas Starke. „Es ist die Faszination, zu sehen, wozu man in der Lage ist. Zu sehen, wie man das Mögliche immer wieder nach oben verschiebt.“

Andreas Starke stärkt sich zwischendurch.
Andreas Starke stärkt sich zwischendurch.
Bild: Alfred Karasek