Vorsätze in Corona-Zeiten

Fastenzeit im Allgäu: Wenn Verzicht die Seele stärkt

„Wenn ich positive Emotionen in meinem Leben gezielt fördere, trage ich auch zu einer besseren psychischen Widerstandskraft bei“, sagt die Psychologin Franziska van Hall. Fasten sei eine gute Möglichkeit, die Seele zu stärken, aber man brauche ein motivierendes Ziel.

„Wenn ich positive Emotionen in meinem Leben gezielt fördere, trage ich auch zu einer besseren psychischen Widerstandskraft bei“, sagt die Psychologin Franziska van Hall. Fasten sei eine gute Möglichkeit, die Seele zu stärken, aber man brauche ein motivierendes Ziel.

Bild: Ulrich Weigel

„Wenn ich positive Emotionen in meinem Leben gezielt fördere, trage ich auch zu einer besseren psychischen Widerstandskraft bei“, sagt die Psychologin Franziska van Hall. Fasten sei eine gute Möglichkeit, die Seele zu stärken, aber man brauche ein motivierendes Ziel.

Bild: Ulrich Weigel

Kein Fleisch, kein Zucker und kein Handy: Wie sinnvoll ist ein „Frühjahrsputz von innen“? Was eine Ernährungsexpertin, eine Psychologin und ein Theologe sagen.
24.02.2021 | Stand: 09:07 Uhr

Kein Fleisch, keine Süßigkeiten und auch kein Handy oder einfach mal weniger von allem: Fasten soll den Körper reinigen und gut für die Seele sein. Nicht nur Gläubige nehmen den christlichen Brauch zum Anlass, Verzicht zu üben. Längst ist die Zeit bis Ostern auch für viele Nicht-Gläubige eine gute Gelegenheit für einen „Frühjahrsputz von innen“. Doch wie sinnvoll und gesund ist Fasten? Eine Ernährungsexpertin, eine Psychologin und ein Theologe geben Antworten.

Das sagt die Allgäuer Psychologin zum Fasten

„Fasten heißt, auf lieb gewonnene Dinge zu verzichten, und kann dennoch zu positiven Gefühlen führen“, sagt Franziska van Hall, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie im Stillachhaus, einer Privatklinik in Oberstdorf. Es gehe unter anderem darum, die Erfahrung zu machen, den Verzicht aushalten zu können. Zum Beispiel beim „Facebook-Fasten“. Dazu brauche man ein attraktives, motivierendes Ziel. „Wenn ich auf die sozialen Netzwerke verzichte, kann ich ja bewusst was Schönes mit der gewonnenen Zeit anfangen“, verdeutlicht van Hall.

Lesen, mit den Kindern spielen, mit Yoga entspannen oder einfach nur achtsam sein. „Wenn ich positive Emotionen in meinem Leben gezielt fördere, trage ich auch zu einer besseren psychischen Widerstandskraft bei.“

Bei Rückschlägen sollte man trotz der Frustrationsgefühle nicht aufgeben und weitermachen. Um der Versuchung zu widerstehen, sei es ratsam, auf Verfügbarkeit zu achten, Schokolade erst gar nicht vorrätig zu haben oder das Handy an einen sicheren Ort zu legen, wo es aus dem Blickfeld verschwindet. Hält man sein Fastenvorhaben durch, sollte man im Anschluss Bilanz ziehen und sich fragen, „welches Leben gefällt mir eigentlich besser, das mit oder ohne“, sagt van Hall. Vielleicht entstehe so eine nachhaltige, positive Verhaltensänderung. (Lesen Sie auch: Buchloer Pfarrer zur Fastenzeit: Zuversicht ist wichtiger als Verzicht)

Das sagt der evangelische Theologe zum Fasten

„Mit dem Fasten tut man Gott nichts Gutes. Niemand kann damit Bonuspunkte im Himmel sammeln. Aber trotzdem kann dies auch ein Weg sein, sich selbst in spiritueller und existenzieller Hinsicht Gutes zu tun“, betont Pfarrer Frank Witzel von der evangelischen Kreuzkirche in Riezlern (Kleinwalsertal), der auch Motorrad-Gottesdienste in der Region organisiert. Man nötige sich selbst, über sich, das Leben, seine eigenen Bedürfnisse, den Sinn und die eigene Prioritätenliste des Lebens „in sehr grundlegender, ja körperlicher Weise nachzudenken“. Das Nachdenken über sich sei sehr gut in den Körpererfahrungen verankert.

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Bewusster Umgang statt radikaler Verzicht

„Ich empfehle einen Einstieg in das Fasten ohne Zeit- und Arbeitsdruck. Ich selbst friere in den ersten beiden Tagen ohne Essen und kann mich nicht gut konzentrieren. Unter anderem deshalb, weil meinem Gehirn der Zucker fehlt“, erläutert Witzel. Ab dem dritten Tag ändere sich das wieder. „Dann werde ich sehr wach, kreativ und gedanklich leistungsfähig. Wenn die körpereigenen Endorphine einschießen, bekomme ich euphorische oder mystische Gefühle. Das klappt aber nur in einer Umgebung relativen Friedens.“

Witzels Rat: „Pflegen Sie spirituelle Neugier mit persönlicher Entschlossenheit. Achten Sie auf eine relative Konfliktfreiheit im täglichen Leben. Wenn Sie das Bedürfnis nach Schlaf haben – besonders während der ersten beiden Tage – geben Sie dem nach und machen sich eine Wärmflasche. Und klären Sie für sich selbst, was Fasten aus theologischer bzw. spiritueller Sicht für Sie bedeutet. Ihre Antwort wird wichtig für das restliche Leben sein“ (Lesen Sie auch: Oberstdorfer Trinkwasser für 30 Jahre gesichert).

Das sagt die Kemptener Ernährungsexpertin zum Fasten

Fasten sei für den menschlichen Körper nicht so ungewöhnlich, denn es gab immer schon Zeiten des Nahrungsmangels, sagt Diplom-Ökotrophologin Sabine Telega aus Kempten. „Unser Körper kann besser damit umgehen als mit dauerndem Überangebot an Nahrung, wie wir es heutzutage haben.“ Beim Fasten gehe der Glucose- und Insulinstoffwechsel in die Erholung und auch die Darmflora durchlaufe einen Regenerationsprozess. Allerdings sei ein kompletter Nahrungsverzicht über Wochen nicht das Ziel. „Inzwischen weiß man aus Studien, dass kurzzeitiges Fasten – einige Stunden bis zu fünf Tage – eine positive Stoffwechselaktivierung bringt“, berichtet die Ernährungswissenschaftlerin.

Fasten sei nicht geeignet für Menschen mit Depressionen, Essstörungen, während der Schwangerschaft und Stillzeit, bei bestimmten schwerwiegenden Erkrankungen oder für Kinder. „Allerdings ist eine Fastenphase auch ein guter Einstieg in eine Ernährungsumstellung“, sagt Telega.

Wichtig sei zu überlegen, welche Fastenform einen am ehesten anspreche, ein fünftägiges Fasten, ein Intervallfasten oder ein 24-Stunden-Fasten (ein Tag die Woche). Zwölf Stunden Nachtfasten sei auch schon eine Art des Fastens.

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