Die Genehmigung

Güterverkehr: Der Zug ist abgefahren

Bahngleise

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Bild: Ulrich Weigel

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Transport Die DB Netz baut in Sonthofen alte Gleise ab, weil niemand mehr die Anlagen nutze. Dabei hatte die Bahn selbst vor Jahren dem ZAK die Müllfahrten nach Kempten gekündigt
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Von Ulrich Weigel
11.10.2019 | Stand: 17:08 Uhr

Die Sorgen ums Klima treiben immer mehr Menschen zu Protesten auf die Straße. Ein Lösungsbaustein wäre es, mehr Güter auf die Schiene zu bringen. Doch der Zug ist in Sonthofen offenbar abgefahren. Die Bahn baut dort alte Weichen und Gleise für den Güterverkehr ab, was auch manchen Grundstücksanrainer freut. Doch Grünen-Landtagsabgeordneter Thomas Gehring fordert, diesen Abbau zu stoppen. Genutzt hatte die Anlagen in früheren Jahrzehnten unter anderem der Abfallzweckverband (ZAK), um Müll nach Kempten zu transportieren. Ob es angesichts der Klimaproblematik sinnvoll ist, solche Anlagen derzeit abzubauen, fragte unsere Zeitung bei der Deutschen Bahn in München an. Antwort darauf gab es keine.

Abgeordneter Gehring ärgert sich: Der Klimaschutz und der Verkehr im Oberallgäu machten ein Umdenken nötig. Man müsse Fahrten auf die Schiene verlagern und dürfe nicht Strukturen abbauen. Doch „es läuft in die andere Richtung; der Abbau geht weiter“, schimpft Gehring. Und das, obwohl die Bundesregierung 2017 einen „Masterplan Schienengüterverkehr“ aufgestellt hat, um diesen Transportweg zu stärken. Gehring appellierte an Bayerns Bahn-Chef Klaus-Dieter Josel, konkrete Maßnahmen zu ergreifen, um die Attraktivität des Güterverkehrs auf der Schiene im Allgäu zu stärken.

Schon in den 90er Jahren habe die Bahn erst ihre Transporte von Sonthofen zum Müllheizkraftwerk in Kempten beendet, dann auch von Lindau aus, erinnert ZAK-Geschäftsführer Karl Heinz Lumer. Das sei „einzig und allein“ von der Bahn ausgegangen – mit der Begründung, auf den Strecken sei kein wirtschaftlicher Güterverkehr mehr möglich. Dabei habe der ZAK erst zwei, drei Jahre zuvor extra eine Umladestation neben ein Bahngleis gebaut. Nach ihrer Privatisierung habe die Bahn dieses Grundstück an eine Kapitalgesellschaft verkauft, von der es der ZAK dann (damals überteuert) zurückkaufen musste, ärgert sich Lumer.

Die Bahn müsste in Sonthofen alte Weichen erneuern, erklärt Josel, Konzernbevollmächtigter für Bayern. Doch die Nebengleise seien nach Beendigung des Vertrags mit dem ZAK seit 2011 kein einziges Mal mehr genutzt worden. Daher erscheine eine neue Investition in die Gleisanlagen nicht wirtschaftlich. Man habe „in der Region tätige Eisenbahn-Verkehrsunternehmen“ informiert und die Chance gegeben, Bedarf an den Gleisen zu melden. Mangels Resonanz habe sich die DB Netz für Stilllegung und Rückbau entschieden.

Josel argumentiert, dass auch DB Cargo seit Jahren keinerlei Verkehr auf der angegebenen Strecke habe und kein Potenzial für den Hausmüll-Transport sehe. „Es gab kundenseitig in den letzten Jahren keine Anfragen.“ Doch ZAK-Geschäftsführer Lumer kontert: „Wenn die Bahn die Transporte einstellt, gibt es natürlich von unserer Seite keine Möglichkeit, die Anschlussgleise zu nutzen.“

Der ZAK, sagt Lumer, würde auch heute gern Müll von Sonthofen und Lindau per Bahn nach Kempten rollen lassen – „wenn der Preis stimmt“. Tatsächlich ist das aber schon lange nicht mehr möglich. Es handelt sich aus dem Sonthofer und aus dem Lindauer Raum um jeweils etwa 10 000 Tonnen Müll pro Jahr – also aus beiden Gebieten jeweils zwei, drei tägliche Lastwagen-Fahrten nach Kempten.

Die dauerhafte Stilllegung der Gleisanlagen in Sonthofen hatte die DB Netz im Mai 2018 beim Eisenbahn-Bundesamt (EBA) beantragt, weil den notwendigen Erneuerungen keine Erlöse gegenüberstünden. Den tatsächlichen Rückbau beantragte die DB Netz im Dezember. Dagegen erhob im März eine „Privatperson“ Einwand, die Engpässe in der Infrastruktur befürchtet und die Einsparung von Unterhaltskosten infrage stellte. Die DB Netz verwies darauf unter anderem auf Alter und schlechten Zustand der Anlagen. Letztlich genehmigte das Eisenbahn-Bundesamt das Vorhaben.

Die ebenfalls nach ihrer Meinung gefragte Stadt Sonthofen gab keine Stellungnahme ab. Das Landratsamt machte Vorgaben zum technischen Umweltschutz – etwa dem Lärm bei den Arbeiten und der fachgerechten Entsorgung der Baustoffe. Beispielsweise gelten alte, mit Teeröl getränkte Holz-Gleisschwellen als gefährlicher Abfall. Eine politische Bewertung des Gleisabbaus durch den Landkreis erfolgte nicht.