Literatur aus Immenstadt

Immenstädter Autorin erzählt brillant von "Grünen Höllen"

Nicht nur Bindfäden sollen nicht reißen, sondern auch Erzählfäden. Wie Erzählungen spannend bleiben, das zeigt die Immenstädterin Ulrike Bauermeister-Bock in „Grüne Höllen“.

Nicht nur Bindfäden sollen nicht reißen, sondern auch Erzählfäden. Wie Erzählungen spannend bleiben, das zeigt die Immenstädterin Ulrike Bauermeister-Bock in „Grüne Höllen“.

Bild: Dominik Berchtold

Nicht nur Bindfäden sollen nicht reißen, sondern auch Erzählfäden. Wie Erzählungen spannend bleiben, das zeigt die Immenstädterin Ulrike Bauermeister-Bock in „Grüne Höllen“.

Bild: Dominik Berchtold

Ulrike Bauermeister-Bock aus Immenstadt ist eine spannende Geschichtenerzählerin. Ihr neues Buch vereint zehn Erzählungen: von Historiendrama und Humoreske bis zu Krimi und Psychothriller.
22.11.2020 | Stand: 05:30 Uhr

„Du hast noch drei Tage:“ Das steht im ersten der „Briefe an Hübner“. Der pensionierte Lehrer erhält ihn anonym. Und er weiß nicht, ob er ihn ernst nehmen oder für den dummen Scherz eines ehemaligen Schülers halten soll. Auch Hübners Freunde und die Polizei messen dem Schreiben keine allzu große Bedeutung bei. Anders dagegen Hübners Frau. Am Ende wartet auf alle eine Überraschung. Eine Schockierende.

Der Kurzkrimi „Briefe an Hübner“ ist eine von zehn Erzählungen, die Ulrike Bauermeister-Bock zu dem kleinen Band „Grüne Höllen“ zusammen gefasst hat. Im Frühjahr hat sich die Immenstädter Autorin, die fast 30 Jahre Deutsch und Geschichte unterrichtete, mit der umfangreicheren Erzählung „Martha“ vorgestellt.

Dieser kleine Roman schildert das Schicksal einer Arbeiterin im 19. Jahrhundert – am Beispiel der mechanischen Bindfadenfabrik in Immenstadt. Jetzt lässt Ulrike Bauermeister-Bock einen Band mit kürzeren Erzählungen folgen, der gleichsam als eine künstlerische Visitenkarte erscheint. In ihm zeigt die Schriftstellerin, die Mitglied im Arbeitskreis Literaturhaus Allgäu ist, was sie alles kann.

Denn jede dieser Erzählungen vertieft ein anderes Thema, bedient ein anderes Genre. Gemeinsam ist ihnen allen: ein spannender Aufbau, eine feinfühlige Figurenzeichnung, die tief in die Psyche – vor allem die weibliche – eindringt, ein virtuoser Umgang mit der Sprache. Kurzum: Ulrike Bauermeister-Bock erweist sich in diesen zehn Erzählungen als brillante Geschichtenerzählerin.

Weit in die Vergangenheit zurück führt „Mauersegler“: Die wendigen Vögel faszinieren mit ihren halsbrecherischen Flugkünsten in einer italienischen Stadt die Fürstentochter Anna. Sie ist mit elf einem 20 Jahre älteren Mann versprochen worden, den sie nur Alfonso, den Grässlichen, nennt. Als sie ihn kennenlernt, bestätigen sich ihre Befürchtungen. Mittlerweile ist sie zu einer selbstbewussten und gebildeten Frau herangereift, die aber spürt, dass es noch etwas im Leben gibt, was sie nicht kennt und auch nicht in ihren Büchern findet …

Eine etwas zu selbstbewusste Frau ist Inga Clara Endres, genannt Ice, in der gleichnamigen Erzählung, der Momentaufnahme eines Unfalls. Zu selbstbewusst vor allem für Pablo, der sich für Ice interessiert. Doch für Ice ist Pablo nur ein Lückenbüßer, ein Begleiter bei gefährlichen Abenteuern, die ihre Freundin Silver nicht mitmacht. Eine dieser gefährlichen Aktionen führt Ice auf das Eis eines Sees …

Eine starke Frau ist auch Alma in der apokalyptisch sich zuspitzenden Geschichte „Sintflut“. Alma lebt in einem kleinen Dorf, das auf einem Hügel liegt. Als ein Regen einsetzt, der nicht mehr endet, ergreift Alma die Initiative. Sie baut ein Boot, während die Männer im Dorf darauf vertrauen, dass das Wasser niemals bis zum Hügel hinaufsteigen wird. Und wenn, dann hoffen sie auf Hilfe von außen. Der Wasserstand klettert indessen unbarmherzig weiter hügelaufwärts …

Surreal mutet auch vieles an, was die weibliche Hauptfigur in dem kleinen Psychothriller „Morscher Boden“ erlebt. Immer mehr Unerklärliches und Unheimliches nimmt diese Frau in ihrer Umgebung wahr. Erscheinungen und Dinge, die sie an ihrem Verstand zweifeln lassen und die ihr Mann und ihre Freunde nicht sehen. Das Fantastische wird für die Frau immer mehr zur Selbstverständlichkeit, bis die Frau anfängt, ihr Leben zu hinterfragen, die Idylle, die sie umgibt …

Ein seelisches Problem deckt ein Wohnungstausch in „Grüne Höllen“ auf. Die Geschichte, die dem ganzen Band den Titel gibt, beginnt humorvoll mit einer Urlaubsbekanntschaft: Städter wollen das Land, Landeier endlich die Stadt genießen. Doch der Aufenthalt in der neuen Umgebung schürt in der Stadtfrau Ängste, die eine tiefere Ursache haben. Ein Zufall deckt sie auf …

Immer wieder würzt Ulrike Bauermeister-Bock auch ganz ernste, tief bewegende Geschichten mit Humor, wie etwa „Ich bin nicht wild“. Der Titel ist ein Zitat aus einem Gedicht von Matthias Claudius (1740 – 1815), das Franz Schubert vertont hat und das von einer unausweichlichen Begegnung erzählt, die diesmal das Frauchen von Dackel Nestroy erlebt ...

Eine kleine Schelmengeschichte um einen Urlaub in Dubai, die feinfühlig beschriebene Beziehungsgeschichte von Max und Lina und die schwierige Begegnung mit einer fremden Kultur in der Schülergeschichte von Hacer runden diesen Erzählband ab. Jede Erzählung fesselt schon nach wenigen Sätzen und überrascht immer wieder mit neuen Einblicken: kuriosen, berührenden, erschreckenden. Denn hinter dem Idyll kann der Abgrund lauern, den zum Beispiel „Briefe an Hübner“ nicht verdecken können …

Neuerscheinung: Ulrike Bauermeister-Bock: Grüne Höllen, Erzählungen, erschienen in der Edition Allgäu des Hephaistos-Verlags Immenstadt-Werdenstein, 96 Seiten, Preis 12,80 Euro. ISBN 978-3-95805-073-0.