Wildtiere

Wildökologin erklärt: Es gibt immer weniger Gämse - aber nicht im Oberallgäu

Ein Rudel Gämsen mit Geißen und Kitzen am Vormittag in den Bergen: Seit vielen Jahren liegt die Gamspopulation im Oberallgäu in etwa bei 3000 Tieren und zeigt wenig Schwankungen im langjährigen Trend.

Ein Rudel Gämsen mit Geißen und Kitzen am Vormittag in den Bergen: Seit vielen Jahren liegt die Gamspopulation im Oberallgäu in etwa bei 3000 Tieren und zeigt wenig Schwankungen im langjährigen Trend.

Bild: Ritter/Bomans

Ein Rudel Gämsen mit Geißen und Kitzen am Vormittag in den Bergen: Seit vielen Jahren liegt die Gamspopulation im Oberallgäu in etwa bei 3000 Tieren und zeigt wenig Schwankungen im langjährigen Trend.

Bild: Ritter/Bomans

Während anderswo die Zahl der Gämsen stark abnimmt, bleibt sie im Oberallgäu schon seit Jahren in etwa konstant. Wildökologin Agnes Hussek erklärt warum.
03.02.2021 | Stand: 19:17 Uhr

Seit vergangenem Oktober steht die Gams in Deutschland auf der Vorwarnstufe der Roten Liste des Bundesamts für Naturschutz. Das Gamswild könnte also aussterben, wenn es mit der Population weiter so nach unten geht. Im Landkreis Oberallgäu sieht es dagegen anders aus: „Bei uns geht es der Gams gut“, sagt Wildökologin Agnes Hussek. Diese Erkenntnis zieht sie aus dem „Monitoring“, das im Oberallgäu seit sechs Jahren betrieben wird und das auch Rückschlüsse auf die vergangenen 15 Jahre zulässt. Demnach „zeigt die Gamspopulation wenig Schwankungen im langjährigen Trend“, erklärt die Wildökologin des Landratsamts. Die Zahl der Gämsen habe sich bei über 3000 Stück eingependelt und im Vergleich zu vor 15 Jahren sogar leicht zugenommen. Das habe eine Untersuchung der TU München ergeben. Die Bestimmung der Tiere mündet in das Oberallgäuer „Gamsmanagement“ und das Abschuss-Soll der Tiere.

Ein weiterer Beweis dafür, „dass das Oberallgäu ein sehr guter Lebensraum für die Gams ist“, sei die hohe Zuwachsrate, die weit über der anderer Gebiete in Deutschland liege, sagt Hussek: „65 bis 75 Prozent der Geißen bringen pro Jahr ein Kitz zur Welt.“ Die allgemeine Hegerichtlinie geht dagegen nur von 40 Prozent Zuwachsrate aus.

Lebensraum: 85.000 Hektar Gebirge

Gezählt wird in der Hochwildhegegemeinschaft Sonthofen, das mit 85 .000 Hektar die Gebirgszüge der Allgäuer Hochalpen, der Hörnergruppe, Nagelfluhkette, Grünten und weiterer Gebiete umfasst. Die höchste Dichte an Gamswild weisen die Hochalpen auf. So gibt es mehr als acht Gämsen pro 100 Hektar im Bereich Höfats-Gerstruben und Nebelhorn. Die geringste Dichte findet sich in niedrigeren, felsarmen Gebieten, wie der Hörnergruppe und dem Großen Wald.

Die Jäger zählen die Tiere einen Monat lang – von Mitte August bis Mitte September. Dabei geht es nicht nur um die Gesamtzahl. Erfasst werden zudem vier Klassen: Böcke, Geißen, Kitze und Jahrlinge sowie das Alter der Tiere. „Das stellt hohe Erwartungen an die Jäger, die viel Erfahrung brauchen“, sagt Hussek. Deren Aufgabe sei enorm wichtig, denn daraus ergibt sich, welche Tiere verstärkt bejagd werden sollen.

Der alte Bock als Chef des Rudels

„Anspruchsvoll“ ist auch die Jagd. So müssten die Jäger genau wissen, auf was sie schießen: 50 Prozent sollten Jungtiere sein, der Rest verteile sich auf andere Altersgruppen. Wobei starke, alte Böcke zwischen acht und zwölf Jahren besser stehen bleiben. „Ihr Überleben beruhigt das Brunftgeschehen“, weiß Hussek. Ist ein solcher Bock Chef eines Geißenrudels trauen sich jüngere Böcke nicht, mit ihm darum zu kämpfen. Das Geschlecht spielt beim Abschuss ebenfalls ein Rolle: Gab es früher doppelt so viele Geißen als Böcke, nähert sich die Verteilung einem ausgeglichenen Geschlechterverhältnis an, was laut Hussek besser sei.

Abschüsse und Fallwild zusammen liegen in der Hochwildhegegemeinschaft Sonthofen im Schnitt bei 600 Tieren pro Jagdjahr. Und warum müssen so viele Gämsen geschossen werden? Es gelte, den Wald, „vor allem den Schutzwald“ zu erhalten, sagt Hussek. Zu viele Gämsen würden dessen natürliche Verjüngung gefährden. Da gebe es mittlerweile zwischen Grundbesitzern und Jägern einen gutes Einvernehmen. Und damit könnten auch die Gämsen (über)leben – wie das Monitoring beweise.

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