Snowboard

"Jedes Rennen ein Highlight": Weltmeisterin Selina Jörg im Interview

Selina Jörg feierte mit Rang zwei im Riesenslalom beim Weltcup-Start in Cortina d'Ampezzo einen gelungenen Auftakt in den Winter.

Selina Jörg feierte mit Rang zwei im Riesenslalom beim Weltcup-Start in Cortina d'Ampezzo einen gelungenen Auftakt in den Winter.

Bild: Miha Matavz

Selina Jörg feierte mit Rang zwei im Riesenslalom beim Weltcup-Start in Cortina d'Ampezzo einen gelungenen Auftakt in den Winter.

Bild: Miha Matavz

Mit Rang zwei beim Weltcup-Auftakt in Cortina bestätigt Selina Jörg ihre blendende Form zu Beginn des Winters. Die 32-Jährige über ihr Erfolgsrezept und die WM-Hoffnungen.
15.12.2020 | Stand: 09:34 Uhr

Auch wenn 2020 fast alles anders ist – Cortina und Selina Jörg, das passt immer zusammen. Die 32-jährige Snowboarderin vom Skiclub Sonthofen hat mit Rang zwei im Riesenslalom beim Weltcup-Auftakt im Norden der Dolomiten ihre Stellung in der Weltspitze gleich zum Saisonauftakt untermauert. Dabei musste sich die Weltmeisterin von Park City 2019 nur der Rückkehrerin Esther Ledecka geschlagen geben. Die 25-jährige Ausnahme-Fahrerin aus Tschechien war 2018 bei den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang ebenfalls die einzige Athletin, die Selina Jörg bezwungen hatte. Im Interview spricht die Sonthoferin über ihre starke Frühform, über Weltcups in Corona-Zeiten und über ihre Hoffnungen auf eine Alternative für die abgesagte WM.

Frau Jörg, wie zufrieden sind Sie mit dem zweiten Rang zum Auftakt in die neue Saison?
Selina Jörg: Es war alles in allem ein super Auftakt, ich hätte es mir nicht besser vorstellen können. In den Tagen vor dem Weltcup hatte es in Cortina stark geschneit und ich habe befürchtet, dass es ein sumpfiges Rennen wird. Aber die Piste war super und das hat mir in die Karten gespielt. Es liegt mir hier einfach.

Wie ist das Wochenende gelaufen?
Jörg: Eine gute Piste ist für mich schon mal viel wert – von daher habe ich ein gutes Gefühl gehabt. Denn wenn es bei den Bedingungen einen richtigen Rübenacker gibt, kann ich mich schon fast abmelden. So haben wir aber gesehen, dass wir in einer guten Position sind. Nur Esther Ledecka fährt wie vom anderen Stern. Aber dahinter ist es sehr dicht.

Sie sprechen die Weltspitze an. Was sagt der Auftakt über den aktuellen Leistungsstand aus?
Jörg: Ich denke, das Bild von Cortina spiegelt die aktuelle Lage ganz gut wider. Es gibt zehn Leute, die aufs Podium fahren können. Die Schweizer und Österreicher sind auf jeden Fall auch vorne dabei – und bei mir kommt die Konkurrenz aus dem eigenen Lager. Wir haben ein perfektes Mannschaftsergebnis hingelegt.

Es wurden die Ränge zwei, drei und vier für Sie, für Ramona Hofmeister und für Cheyenne Loch. Wie gut ist das deutsche Team in Form?
Jörg: Wir sind sehr gut drauf. Gerade für Cheyenne Loch hat es mich sehr gefreut, dass sie gleich so gut reingekommen ist. Sie und Ramona haben im Training schon wahnsinnige Zeiten hingelegt – wir haben insgesamt eine sehr starke Mannschaft.

Wie schwer ist es, in der aktuellen Situation einzuschätzen, wer wo steht?
Jörg: Nach dem Sommer weiß man nie so recht, wo man steht. Wir wären zwar sonst noch immer ein, zwei Europacups gefahren, an denen man es ein wenig abschätzen kann, aber das macht heuer nichts. Wir haben eine wahnsinnig starke Konkurrenz in der Gruppe, da bekommt man ein gutes Gefühl dafür.

Die Corona-Pandemie bestimmt auch den gesamten Weltcup-Zirkus – was ist derzeit vom Ablauf anders?
Jörg: Es geht im Vorfeld schon los: Wir müssen einen Fis-Pass hochladen, haben regelmäßige Corona-Tests, müssen Fragebögen zur gesundheitlichen Lage abgeben und belegen, wo wir in den vergangenen 14 Tagen waren. Es ist fast alles anders, aber wir nehmen es in Kauf dafür, dass wir fahren können.

Und die fehlende Atmosphäre?
Jörg: Die Umstellung ist gar nicht so dramatisch, weil wir meistens keine Massen an der Strecke haben. Aber hier in Cortina herrscht immer eine grandiose Stimmung – das haben wir nun natürlich schon vermisst.

Fällt es Ihnen unter diesen Bedingungen sogar leichter, den Fokus für das Sportliche zu schärfen?
Jörg: Ehrlich gesagt, ist sogar mehr zu planen – mit den Tests, den zeitlichen Abläufen, den Abständen, und mit der Organisation, wo man die Tests macht.  Es  ist  ein   logistischer Mehraufwand, und es bedeutet generell mehr Anstrengungen. Aber am Renntag spielt das alles keine Rolle mehr. Nur die Tage davor gilt es, mehr zu berücksichtigen.

Wie sehen Sie Ihre persönliche Verfassung zu Beginn der Saison?
Jörg: Ich bin gut in Schuss. Die Vorbereitung mit der ehemaligen Bobsportlerin Lisette Thöne und Snowboarder Paul Berg hat mir sehr gut getan. Der Sommer war cool, Lisette hat mich noch einmal an ganz andere Grenzen herangebracht. Das Gefühl ist gut, meine Physis ist auf dem Punkt da. Jetzt geht es darum, die Verfassung zu konservieren.

Sie selbst haben eine Corona-Infektion Ende Oktober überstanden. Leiden Sie noch unter den Folgen?
Jörg: Nun, ich hatte schon einige Symptome, war etwa drei Tage mit Kopf- und Gliederschmerzen flachgelegen. Aber inzwischen ist alles wieder gut. Ich hatte dazwischen auch noch einen Komplett-Check in München – also alles bestens.

Wie geht es nun für Sie weiter?
Jörg: Wir bleiben jetzt in Italien, am Wochenende steht der Weltcup in Carezza an, der ja bekanntlich nicht mein Liebling ist. Nach der Weihnachtspause geht’s am 9. Januar weiter in die Schweiz.

Woran liegen die Probleme mit Carezza?
Jörg: Ich konnte mich mit der Strecke irgendwie noch nie richtig anfreunden. Einmal wurde ich in einem Slalom Dritte, ansonsten war es mal Rang sechs im Riesenslalom.

Wie schwer ist es, sich bei der aktuellen Lage zu motivieren, wenn man nicht weiß, wie es von Station zu Station überhaupt weitergehen kann?
Jörg: Mich hat die Absage der WM in China Ende Februar getroffen – das war ein Schlag ins Gesicht. Denn der Hang liegt mir und ich habe mir gute Chancen ausgemalt. Aber ansonsten darf das für die Weltcups keinen Unterschied machen. Es gibt immer etwas zu holen. Wir arbeiten schließlich das ganze Jahr dafür.

Nun, da die WM abgesagt ist, wo liegt Ihr Saisonhöhepunkt?
Jörg: Praktisch wird jedes Rennen ein Highlight, weil man nie weiß, ob es das letzte war. Und die WM kann ja durchaus nachgeholt werden. Es sind ein paar Orte im Gespräch – unter anderem Cortina – aber das alles hängt noch in der Luft.