Erwin Pelzig im Klostergarten

Kabarett in Immenstadt: Wie ein Virus „wunde Punkte“ entblößt

Erwin Pelzig

Der Lerneffekt ist hoch: Kabarett mit Erwin Pelzig in Immenstadt.

Bild: Christian Gögler

Der Lerneffekt ist hoch: Kabarett mit Erwin Pelzig in Immenstadt.

Bild: Christian Gögler

Kabarettist Erwin Pelzig geht beim "Immenstädter Sommer" mit Gesellschaft und Politik hart ins Gericht. Welche "wunde Punkte" er in seinem Programm aufdeckt.
14.08.2021 | Stand: 06:00 Uhr

Frank-Markus Barwasser ist der Erfinder der Figur Erwin Pelzig. In sie schlüpfte er einst für die BR-Sendung „Pelzig unterhält sich“ und nun wieder für einen Open-Air-Sommer, der im überdachten Klostergarten seinen Abschluss fand. Der Lerneffekt in seinem Kabarett-Programm „Der wunde Punkt“ war hoch, der Applaus donnernd.

Straffreie Kränkung

In Immenstadt scannt Pelzig die Welt unter dem Aspekt der straffreien Kränkung auf der einen und der justiziablen Beleidigung auf der anderen Seite. Die Kränkung gehe tiefer, erschöpfe sich nicht in einer bösartigen Wortwahl und treffe die Seele mehr durch Schweigen oder Nichtbeachtung. In seinen Ausführungen folgt Barwasser selten einer geraden Linie, schwenkt bisweilen weit nach links und rechts aus, streift Gender-Sprache, Siegmund Freud, Verschwörungsglauben, Demokratie-Vergessenheit – in einer Schnelligkeit, dass einem schwindlig wird. Manchmal zerreißen Off-Einspieler mit Zitaten berühmter Persönlichkeiten den Redestrom.

Fantasielose Strategie

Anders als viele Bühnenkünstler klammert Barwasser die Corona-Krise nicht aus. Schließlich entblößt das Virus „wunde Punkte“ in Gesellschaft und Politik. Scharf geißelt er die fantasielose Strategie der Mächtigen in Berlin, unter der besonders die jungen Menschen im Land leiden. Sogleich versetzt sich Pelzig in ein Virus hinein und lässt es hämisch grinsen über die Dummheit der Menschen, die es selbst zu sich eingeladen haben. Und lässt es drohen: „Das war erst die Generalprobe, die großen Dramen kommen noch.“ Düstere Aussichten.

Stoische Haltung

Die stoische Haltung, die der 61-Jährige für sich reklamiert, kauft man ihm nicht ab. Rasch schwindet die zur Schau gestellte Gelassenheit, Pulsfrequenz und Blutdruck steigen. Aufgeregt fuchtelt Pelzig mit seinem Herrenhandtäschchen, der Cordhut wackelt und der Zeigefinger deutet kreuz und quer. Atemlos hastet er durch den Abend.

Furioses Wortgefecht

Der Schnellsprecher liefert sich ein furioses Wortgefecht mit der Einspieler-Stimme – und natürlich setzt er sich wieder an den Tisch zu seinen prominenten Figuren, dem proletenhaften Hartmut und dem distinguierten Dr. Göbel, deren Rollen er übernimmt. Wobei sich eine wilde Diskussion entspinnt, in der Welten aufeinander prallen. Bei der Zugabe entwirft Pelzig ein skurriles Szenario. Dem Tod versuche man künftig mittels „Mind-Uploading“ zu entwischen. Dabei würden alle Gedanken, Gefühle, Erfahrungen und Wissen eines Menschen digitalisiert. Nach dessen Tod lebe dieser digitale Schatz weiter, indem er einst einer „Klasse der Nutzlosen“ eingepflanzt würde.

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