Zukunft Oberallgäu

„Keine Käseglocke übers Oberallgäu stülpen“ will der neue Kreisheimatpfleger

Peter Nessler

„I frei ba of a gueds Zemedschaffa“: Peter Nessler ist der neue Kreisheimatpfleger für das südliche Oberallgäu. Der Niedersonthofener versteht sich als Vermittler.

Bild:     Günter Jansen

„I frei ba of a gueds Zemedschaffa“: Peter Nessler ist der neue Kreisheimatpfleger für das südliche Oberallgäu. Der Niedersonthofener versteht sich als Vermittler.

Bild:     Günter Jansen

Der neue Kreisheimatpfleger Peter Nessler aus Niedersonthofen versteht sich als Vermittler: Er sagt: „Heimat muss sich entwickeln können“. Und er hat auch Vorschläge, wie das geschehen soll.
02.01.2021 | Stand: 18:30 Uhr

„Heimat muss sich entwickeln können.“ Das sagt der neue Kreisheimatpfleger für das südliche Oberallgäu, Peter Nessler. Und der 71-jährige Niedersonthofener, der seit 18 Jahren in der Kommunalpolitik tätig ist und für die ÖDP und die Unabhängigen Bürger (UB) im Kreistag sitzt, fügt hinzu: „Ich will keine Käseglocke übers Oberallgäu stülpen.“ Er verstehe seine neue Aufgabe als Vermittler zwischen Behörden, Kommunen und Bürgern. Er gelte als Mann, der für Kompromisse offen sei.

Die Dorferneuerung liegt Peter Nessler sehr am Herzen: „Es müssen Lebensbedingungen geschaffen werden, dass junge Familien, aber auch ältere Mitbürger ihren Lebensmittelpunkt im Dorf haben können.“ Junge Familien benötigen bezahlbaren Baugrund. Daher sollten Kommunen nur Baugebiete ausweisen, wenn sie im Besitz des Baugrunds sind. Das schließe Spekulationen aus. Ein bezahlbares Preisniveau könne gehalten werden.

Für die ältere Generation müsse eine Infrastruktur geschaffen und erhalten werden, die das Leben im Alter auf dem Dorf ermögliche. Peter Nessler geht da mit gutem Beispiel voran. Er ist einer von der „Rentnergäng“, einer von drei ehrenamtlichen Geschäftsführern des Dorfladens in Niedersonthofen, der vieles für den täglichen Bedarf biete. Wichtig seien auch Bäckereien, ein Arzt oder ein Bankautomat im Dorf.

Ganz wichtig sei ihm die Baukultur, sagt Peter Nessler. Er beobachtet ein leises Sterben alter Häuser: „Man lässt oft bewusst die Häuser zerfallen, bis eine Sanierung nicht mehr möglich ist. Dann werden sie verkauft und abgerissen.“ Peter Nessler beklagt: „Oft werden dann Ersatzbauten hingestellt, die weder ins Dorfbild passen, noch mit dem Landschaftsbild eine Einheit bilden.“ Der Heimatpfleger wünscht sich, dass Gemeinden „behutsam und verantwortungsvoll“ mit Baugenehmigungen umgehen. Es gelte gewachsene Dorfstrukturen und Landschaftsbilder zu erhalten. „Wir verlieren sonst so nach und nach unser Gesicht und unsere Einmaligkeit“, mahnt Peter Nessler. Plattenbauten passen seiner Meinung nach nicht ins Allgäu. Er könne sich aber moderne Gebäude mit viel Glas und Holzverkleidung vorstellen.

Brauchtum und Kultur sieht Peter Nessler im Oberallgäu gut aufgestellt. Allein in Niedersonthofen gebe es sechs Gesangs- und Instrumentalgruppen. Er selbst ist seit 50 Jahren Vorsitzender der Jodlergruppe Niedersonthofen und dort als Solist tätig. Und er gehört dem „Füllebänklar Viergsang“ an, einer vor 22 Jahren gegründeten A-cappella-Gruppe. Musikkapellen gestalten nicht nur die Feste im Jahreskreis mit, sondern prägen das kulturelle Leben darüber hinaus. Fast in jedem Dorf gebe es einen Trachtenverein. Bedeutsam sei der Allgäuer Lieder- und Jodlertag, dessen 72. Auflage seine Gruppe 2019 ausrichten durfte. „Ich kenne keine Traditionsveranstaltung im Alpenraum, die so lange Bestand hat“, sagt Peter Nessler: „Do kinnebr stolz sei.“ Auch den Nachwuchs bei den Gruppen sieht er gesichert.

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Den Tourismus rät Peter Nessler mit „großer Sorgfalt“ und mit „Respekt vor der Natur und den Alpen“ zu entwickeln. Es gelte die Einmaligkeit der Region zu bewahren, die Natur zu schonen und alles auf Nachhaltigkeit auszurichten. Denn: „Ob Urlauber oder Einheimischer“, vermutet Peter Nessler, „wir alle brauchen zunehmend die Ruhe und die Erholung in ursprünglicher Natur.“ Deshalb mahnt er: „Gerade bei neuen Erschließungen und Erweiterungen, die in immer noch kürzerer Zeit immer noch mehr Menschen in die Dörfer und auf die Berge bringen, ist äußerste Zurückhaltung geboten.“ Wichtig sei, dass die Bevölkerung vor Ort die Entwicklungen mittrage, denn sie müsse ja das ganze Jahr dort leben. Peter Nessler sieht die Zukunft des Tourismus im Gewinnen von Langzeitgästen und in einer Abnahme des Tagestourismus.

Peter Nessler, der als Bergbauer am Stoffelberg lebt, weist darauf hin, dass erst Land- und Alpwirtschaft jene Kulturlandschaft erhalten, die den Tourismus ermögliche. Deswegen wünscht er sich, dass noch viel mehr Hotels und Gaststätten als bisher die „hochwertig produzierten Lebensmittel“ von regionalen Herstellern abnehmen. Im Kleinwalsertal und im Bregenzerwald sei man da schon weiter.

„Wir leben von einer intakten Natur. Wir müssen sorgsam damit umgehen“, sagt Peter Nessler. Er sei immer offen für Kompromisse. Es gehe ihm darum, „das große Ganze zu erhalten“. Peter Nessler löst Albert Wechs ab, der 40 Jahre das Amt des Kreisheimatpflegers bekleidete. „Er hat Großes geleistet“, sagt Peter Nessler. Er selbst geht mit großem Elan an seine neue Aufgabe heran: „I frei ba of a gueds Zemedschaffe – allna mit deam Allgäuer Schpruch: Lond it luck!“