Kunst in Sonthofen

Kultur-Neustart in Sonthofen mit sinkenden Helden

Frau in Rot auf der Schaukel: „Swing Red“, Pigmentdruck von Salustiano aus der Ausstellung "Kultur re:start" in der Sonthofer Stadthausgalerie.

Frau in Rot auf der Schaukel: „Swing Red“, Pigmentdruck von Salustiano aus der Ausstellung "Kultur re:start" in der Sonthofer Stadthausgalerie.

Bild: Günter Jansen

Frau in Rot auf der Schaukel: „Swing Red“, Pigmentdruck von Salustiano aus der Ausstellung "Kultur re:start" in der Sonthofer Stadthausgalerie.

Bild: Günter Jansen

Die Sonthofer Stadthausgalerie bietet einen „Kultur re:start“ mit Überraschungen. Wie sich das Spiel mit alten Meistern durch die zeitgenössische Schau zieht.
04.04.2021 | Stand: 17:00 Uhr

Der Held geht unter. Sein Kahn ist schon zur Hälfte gesunken. Und der Mann ist auch nicht mehr in bestem Zustand: Er ist nur noch ein Teil seiner selbst, ein Torso, von farbigen Streifen wie von Schicksalsschlägen gezeichnet. Ein Restklumpen Mensch. So stellt Markus Lüpertz den griechischen Helden Odysseus dar.

Die kleine Skulptur empfängt die Besucher der Sonthofer Stadthausgalerie beim „Kultur re:start“, sofern die Infektionszahlen mit Covid-19 es wieder gestatten. Immerhin soll der Kultur-Neustart in Sonthofen nach dem fast fünfmonatigen Kultur-Lockdown zumindest virtuell gelingen. Die Arbeiten sollen zunächst im Internet zu sehen sein – bald. Die Ausstellung, die Werke aus der Sammlung des Karlsruher Galeristen Attila Kirbas präsentiert, lockt mit bekannten Namen und bietet Überraschungen.

Da schreitet zum Beispiel Herakles mannshoch und formatsprengend auf einer handaquarellierten Radierung von Lüpertz auf den Betrachter zu. Eine Löwen-Skulptur mit weit überstrecktem Körper erinnert an eine Echse oder besser an einen Klumpen Knetmasse, aus der ein Schöpfer das Tier geformt hat. Immer wieder greift Lüpertz, langjähriger Rektor der Staatlichen Kunstakademie in Düsseldorf, altbekannte Motive auf und deutet sie neu: Der Harlekin ist bei ihm eine in sich ruhende Figur, deren Gesicht zu einem zweidimensionalen Bild zusammengepresst ist, das ein wenig Picassos Handschrift andeutet.

"Entwicklung eines Wüstlings"

Das Spiel mit Zitaten, mit Anklängen an ältere Meister zieht sich durch diese Ausstellung. Jörg Immendorff (1945 - 2007) zum Beispiel zitiert schon im Titel William Hogarth’ bitterbösen satirischen Grafik-Zyklus: „A Rake’s Progress – Entwicklung eines Wüstlings“, der Igor Strawinsky als Vorlage zur fast gleichnamigen Oper diente.

Immendorff nutzte eine Ausstattung dieser Oper für die Salzburger Festspiele, um sich tiefer mit dem Thema zu befassen. Er überträgt den Sittenspiegel aus dem 18. Jahrhundert in die Gegenwart und zeigt eine Horde von Gestalten wie Kinder in ihrem Spielzimmer, die dunklen Gedanken anhängen. Die Spielsachen sind Flugzeug und Panzergeschütz, Holzblock und Beil. Auf der Kleidung finden sich als Muster gekreuzte Knochen und Totenköpfe. Und der Ausblick, der sich den Gestalten bietet, ist auch nicht gerade erquicklich: skelettierte Figuren tanzen und in einer Gedankenblase schwebt ein Todesengel vorüber.

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Sonthofer Stadthausgalerie lockt mit klangvollen Namen

An italienische Meisterwerke vergangener Zeiten erinnern die Frauenportraits des spanischen Malers Salustiano. Der Künstler aus Sevilla setzt moderne Frauen wie Renaissance-Schönheiten in Szene. Sie offenbaren nicht nur einen leicht melancholischen Blick, sondern manchmal auch Abgründe wie „Zahara mit Pistole“. Die grünen Augen der blassen Schönen, deren porzellanfarbene Haut im weißen Kleid sich kaum von dem weißen Hintergrund abhebt, scheinen ein Opfer zu fixieren, auf das sich im nächsten Augenblick die Waffe in der Hand der Frau richten könnte.

Ein willfähriges Lustobjekt

Ins Rotlicht-Milieu führen zwei Studien des Briten Allen Jones: Sie spielen nicht nur mit dem Begriff „Maitresse“, sondern zeigen die Frau auch im Zwielicht zwischen Diseuse und Domina. Nackte Frauen, die mit männlichen Statussymbolen wie Zigarren oder Automarken posieren, präsentiert der amerikanische Pop-Art-Künstler Mel Ramos (1935 - 2018) in vielfältigen Variationen. In diesen Fantasien wird die Frau zum willfährigen Lustobjekt. Den Hauch der Heiligen umweht manche Frauenbilder, mit denen sich der Frankfurter Streetart-Künstler El Bocho vorstellt. Seine Frauen wissen sich in Szene zu setzen – mit auffällig gefärbten Haaren und geschminkten Lippen und Lidern. Doch glücklich sind sie damit nicht. Tränen lassen die Wimperntusche zerfließen.

Den Höhepunkt dieses kleinen Querschnitts durch populäre und weniger populäre Kunst bilden die Arbeiten Benjamin Burkards. Der 1986 im rheinland-pfälzischen Kandel geborene Künstler erschafft surreale Welten, die tief blicken lassen. In „Dialog mit der Kultur“ hocken zwei Burschen auf dem Boden. Ihren Oberkörper und ihre Köpfe überwuchern kühne Architekturen, bewachsen und bemalt, mit Speeren und weiteren Geräten bestückt.

"Zeitgenössischer frevel"

Vordergrund und Hintergrund verschwimmen in diesen Arbeiten. Menschen und Pflanzen, Gebäude und Gegenstände, alles scheint ineinander zu wachsen und doch nebeneinander zu existieren. So entstehen Traumbilder, die eigenen Gesetzen folgen, wenn etwa in „Frühflügge“, einem jungen Burschen ein Zeppelin anstelle eines Kopfes wächst. Zudem schwebt der Geist altmeisterlicher Kunst über allem. Und für Humor ist gesorgt, wenn im „Zeitgenössischen Frevel“ von 2021 Menschen dicht gedrängt um ein Lagerfeuer sitzen und den blauen Qualm betrachten, der in den Himmel steigt.

Bilderstrecke

"Kultur re:start" in der Stadthausgalerie Sonthofen

Präsentation: bis 30. Mai in der Sonthofer Stadthausgalerie, geöffnet dienstags bis donnerstags sowie samstags und sonntags von 15 bis 18 Uhr, sofern der Inzidenzwert länger unter 100 liegt.

"Kultur re:start" im Internet