Ausstellung im Internet

Kunstwerke erzählen in Oberstdorf von teuflischen und anderen Gelüsten

Villa Jauss

Das Verlangen macht aus dem Menschen ein Raubtier: „Gier“ (Ausschnitt), Radierung von Peter Zeiler, zu sehen in der Internet-Ausstellung des Oberstdorfer Kunsthauses.

Bild: Günter Jansen

Das Verlangen macht aus dem Menschen ein Raubtier: „Gier“ (Ausschnitt), Radierung von Peter Zeiler, zu sehen in der Internet-Ausstellung des Oberstdorfer Kunsthauses.

Bild: Günter Jansen

Das Oberstdorfer Kunsthaus Villa Jauss präsentiert seine spannungsreiche Ausstellung „Mit Blick auf den Menschen“ nun - neu aufbereitet - im Internet: Sie stellt Arbeiten von Peter Zeiler aus Irsee Werken von Meistern des 20. Jahrhunderts gegenüber. Was die Blätter auszeichnet.
13.12.2020 | Stand: 17:00 Uhr

Einen neuen Weg geht das Oberstdorfer Kunsthaus Villa Jauss. Es bleibt zwar, wie alle Museen, derzeit wegen der staatlich verfügten Corona-Schutzmaßnahmen geschlossen, bietet aber trotzdem ab sofort wieder ein Kunsterlebnis – im Internet. Dort präsentiert das Kunsthaus nochmals seine Sommerausstellung „Mit Blick auf den Menschen“ – spannend und mit Hintergrundinformationen wissenschaftlich aufbereitet.

In aller Ruhe – und vielleicht sogar mit mehr Muße als in der Live-Ausstellung selbst – lassen sich nun Bezüge und Kontraste zwischen den einzelnen Bildern nachvollziehen. Hilfestellung und Anregung geben die leicht verständlichen Kommentare von Kurator Wilhelm Geierstanger.

Er hat die spannungsreiche Schau zusammengestellt: Grafiken, Zeichnungen und Keramik-Skulpturen von Peter Zeiler aus Irsee stehen dabei Arbeiten berühmter Meister von Oskar Kokoschka bis Joseph Beuys gegenüber. Letztere Blätter stammen aus der Sammlung „Grafik des 20. Jahrhunderts“, die Hugo J. Tauscher aus Oberstdorf der Initiative Villa Jauss gestiftet hat.

Diese Sammlung bietet nichts weniger als eine „kleine Kunstgeschichte“ des vergangenen Jahrhunderts, „gesehen durch ein Temperament“, wie einst Professor Karl Ruhrberg (1924 - 2006), einer der profundesten Kenner der modernen Kunst und ein Unterstützer des Oberstdorfer Kunsthauses, vermerkte. Und gegenüber solchen Blättern wissen sich die Arbeiten von Peter Zeiler zu behaupten.

Der 90-jährige Künstler aus Irsee lotet die Psyche des Menschen tief aus, spürt Seelenzuständen nach und lässt sie Bild werden: ausdrucksstark, kompromisslos, zum Teil schockierend, zum Teil aber auch humorvoll. Dabei erkundet er auch seine eigene Gefühlswelt und verarbeitet Ereignisse aus seinem an dramatischen Situationen reichen Leben.

Schwache Männer

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In jedem Raum des Kunsthauses vertieft die Ausstellung ein anders Thema. Und nach diesen Räumen und Themen ist auch der virtuelle Rundgang geordnet. Er führt von Selbstbildnissen zu hilflosen, schwachen Männern, die zum Teil auch als Sinnbild für den Menschen im Allgemeinen verstanden werden können.

Wilhelm Geierstanger erklärt: „Der surrealistische Künstler Salvador Dalí hat oft den Menschen als physisch und psychisch schwach gesehen. In seiner ‚ Hommage à la médecine‘ ist dies deutlich zu erkennen an seinen berühmten Krücken für Kopf und Arm. Peter Zeiler betont die Schwäche des Menschen in expressiver Körperhaltung. Wie eine welke Blume knickt der Mensch ein, saft- und kraftlos.“

Neben Darstellungen konfliktreicher Beziehungen und menschlicher Abgründe wie etwa Gier oder anderer teuflischer Gelüste finden sich auch Szenen purer Lebensfreude: Wilhelm Geierstanger liest sie aus der Körperhaltung eines „Mädchens“ ab, wie es Joseph Beuys gezeichnet hat. Sie spiegelt sich auch in Peter Zeilers Zeichnung „Erotik“ wider, die das Liebesspiel junger Menschen „sehr direkt“ zeige.

Auch auf dieses Blatt trifft zu, was Wilhelm Geierstanger als Charakteristikum der Bildsprache Peter Zeilers in einer anderen Freude ausstrahlenden Arbeit, einer mit hoch erhobenen Händen dahineilenden Frau, herausarbeitet: „Wichtig wird nicht die Schönheit, auch nicht die Genauigkeit der Proportionen, sondern die ausdrucksstarke, freudige Körperhaltung.“

Breiten Raum in der Ausstellung und der Analyse der Arbeiten nehmen Darstellungen musizierender Künstler ein. Ihnen liegen Skizzen zugrunde, die Peter Zeiler während Konzerten angefertigt hat. Die Kaltnadelradierungen und Keramiken verdeutlichen die emotionale Kraft der Musik und ihrer Interpretationen.

Vorprogrammierter „Aufschrei“

Ihnen ist ein Mozartbild von Markus Lüpertz vorangestellt, das Klischees widerspricht. Dieses Blatt ordnet Wilhelm Geierstanger einer Skulptur des Künstlers zu, die für Salzburg entstand und dort für einen vorprogrammierten „Aufschrei der Festspielgemeinde“ sorgte. Erinnerungen an die Diskussion um Lüpertz’ „Aphrodite“ für Augsburg werden wach. So bietet diese Aufbereitung im Internet auch für jene Neues, die diese Ausstellung bereits in natura gesehen haben.

Ausstellung „Mit Blick auf den Menschen“ im Internet: