Kulturgemeinschaft Oberallgäu

Landestheater zeigt Schillers "Jungfrau von Orleans" in Oberstdorf als eigensinnige Frau

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Eine junge Frau versucht, sich aus einer von männlicher Logik dominierten Welt zu befreien: Franziska Roth in der Landestheater-Produktion von Schillers „Jungfrau von Orleans“.

Bild: Forster

Eine junge Frau versucht, sich aus einer von männlicher Logik dominierten Welt zu befreien: Franziska Roth in der Landestheater-Produktion von Schillers „Jungfrau von Orleans“.

Bild: Forster

Landestheater-Chefin Kathrin Mädler hat Schillers „ Jungfrau von Orleans“ neu inszeniert. Welche Akzente die Produktion setzt, die in Oberstdorf zu sehen ist.
16.11.2021 | Stand: 18:06 Uhr

Eine junge Frau weigert sich zu heiraten und zieht stattdessen in den Krieg. Das klingt recht modern. Aber im Mittelalter war das eine Ungeheuerlichkeit. Friedrich Schiller hat mit der „Jungfrau von Orleans“ ein bewegendes Frauenschicksal beschrieben: Das Hirtenmädchen Johanna siegt mit dem französischen Heer im Hundertjährigen Krieg gegen die Engländer. Das Landestheater Schwaben gastiert mit dem Stück auf Einladung der Kulturgemeinschaft Oberallgäu am Freitag, 19. November, in Oberstdorf. Regie führte Intendantin Dr. Kathrin Mädler. Mit ihr sprach Veronika Krull.

Welche Facette hat Sie an der Figur der Johanna besonders fasziniert? Die Emanzipierte, die Kämpferin, die Tapfere?

Kathrin Mädler: Das Phantastische an Schillers Johanna ist für mich die Komplexität der Figur: Ja, sie ist eine unglaublich starke, eigensinnige Frau – was mich immer begeistert! Aber sie ist auch eine brüchige Figur, die an sich zweifelt, die sich überhebt, die unglaublich gewalttätig wird und über sich selbst erschrickt. Schiller zeichnet auch die Geschichte eines Erwachsenwerdens, einer Selbstfindung. Vielleicht aber auch die Geschichte einer misslingenden Emanzipation – denn am Ende des Stückes fragt man sich, ob in dieser kriegerischen Männerwelt überhaupt ein Platz für Individualität, für Empathie, für das Verletzliche ist. Aber wie bei allen großen klassischen Stoffen: Jeder wird in der Figur ganz unterschiedliche existenzielle Anknüpfungspunkte für sich und die eigenen großen Fragen finden.

Wie haben Sie das mittelalterliche Drama in die Gegenwart übersetzt?

Mädler: Die Ausstatterin Mareike Delaquis Porschka und ich haben, wie immer in unseren gemeinsamen Arbeiten, eher eine abstrakte, zeichenhafte Welt angestrebt, in der wir das Stück erzählen wollen. Es gibt in den Kostümen ganz leicht historisierende Elemente. Aber wichtiger war uns, eine Bühne zu gestalten, die etwas über die Bedrohung durch Härte, Krieg und Gewalt und über Einsamkeit und Ausweglosigkeit erzählt. Die Kostüme beschreiben die unterschiedlichen Gruppen, die versuchen, kollektiv auf Johanna Einfluss zu nehmen. So entsteht eine sehr bildhafte Welt, die starke Stimmungen erzeugt.

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Wo liegen bei Ihrer Inszenierung die Schwerpunkte?

Mädler: Wir wollten von Bedrohung und Befreiung einer jungen Frau aus einer von männlicher Logik dominierten Welt erzählen. Man könnte Johannas Ausbruch aus ihrem Dorf, ihren Aufstieg zur Kriegsheldin und schließlich ihre Verurteilung durch die Männergesellschaft auch als eine reine Phantasie lesen. Der Traum eines Mädchens, dem sich in einer sehr engen bedrohten Lebenssituation keine Perspektiven bieten. Die Geschichte in der Schwebe zwischen Traum und Realität zu halten, war unser Ziel.

Wie sind Sie mit der Sprache Schillers umgegangen?

Mädler: Wir haben die gesamte Form des Theaterabends stark der kraftvollen, poetischen Form der Schiller’schen Sprache unterworfen. Es ist immer eine große, tolle Herausforderung und Freude für Schauspieler und Schauspielerinnen, mit einer so bildhaften, gebundenen Sprache umzugehen. Sie hat ein Eigenleben, dem man sich einerseits unterwerfen, das man andererseits gestalten muss. Ich finde, unser Ensemble geht fantastisch mit der Sprache um, es ist ein Genuss, ihm zuzuhören.

Sie arbeiten auch mit Musik?

Mädler: Die Inszenierung hat einen dramatischen Soundtrack, der einerseits die Bedrohlichkeit der kriegerischen Welt unterstützen soll, andererseits Johannas Sehnsucht nach Selbstverwirklichung, Liebe und einer Perspektive für ihren individuellen Weg ausdrückt.

Was sagen die Besucher zu dem Stück?

Mädler: Bisher haben uns viele Besucher und Besucherinnen ihre Begeisterung ausgedrückt, was uns sehr freut! Sie freuten sich an der Leistung des Ensembles, an der starken Figurengestaltung der Johanna durch Franziska Roth und überhaupt daran, wieder einmal einen großen, dramatischen Klassiker auf der Bühne zu erleben.

Theater: „Die Jungfrau von Orleans“ wird am Freitag, 19. November, um 20 Uhr im Oberstdorf-Haus in Oberstdorf aufgeführt. Es wird ein Bus eingesetzt, Abfahrt um 19.30 Uhr am Haus Oberallgäu in Sonthofen. Karten gibt es im Eberl-Medienshop, Telefon 08323/802-150, bei den Tourist-Informationen in Sonthofen und Oberstdorf, per E-Mail unter: karten100@web.de, unter der Telefonnummer 08323/9892691 oder an der Abendkasse.

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