Theater im Oberallgäu

Lieben auf Abstand: Komödie in Sonthofen

Aus Shakespeares Tragödie wird eine Komödie: Peter Försters „Legende von Romeo und Julia“ präsentieren die Kammerspiele Dresden im Sonthofer Haus Oberallgäu.

Aus Shakespeares Tragödie wird eine Komödie: Peter Försters „Legende von Romeo und Julia“ präsentieren die Kammerspiele Dresden im Sonthofer Haus Oberallgäu.

Bild: Kammerspiele Dresden/Förster

Aus Shakespeares Tragödie wird eine Komödie: Peter Försters „Legende von Romeo und Julia“ präsentieren die Kammerspiele Dresden im Sonthofer Haus Oberallgäu.

Bild: Kammerspiele Dresden/Förster

Peter Förster zeigt die „Legende von Romeo und Julia“ als Lustspiel. Es macht das Pärchen zum Spiegelbild der heutigen Jugend und präsentiert seine Version des Stoffes in Sonthofen.
17.10.2020 | Stand: 18:00 Uhr

Einerseits die Welt verändern, andererseits auf den Wohlstand nicht verzichten wollen: In der „Legende von Romeo und Julia“ wird das Pärchen zum Spiegelbild der heutigen Jugend, sagt Peter Förster, Leiter der Kammerspiele Dresden. Er hat für sein Theater die Vorlage von Shakespeare in die Gegenwart versetzt und als Komödie inszeniert. Am Donnerstag, 22. Oktober, ist das Stück auf Einladung der Kulturgemeinschaft Oberallgäu im Sonthofer Haus Oberallgäu zu sehen. Mit Peter Förster sprach Veronika Krull.

Romeo und Julia – eine immergrüne Geschichte. Wie haben Sie die Figuren angelegt?

Peter Förster: Romeo und Julia sind durchaus Jugendliche bei uns. Ich wollte aber die Figuren von dem jugendlichen, romantisch verliebten Paar lösen. Das hat mich nicht interessiert. Dann habe ich in persönlichen Beobachtungen im Verwandtschaftskreis die Jugend von heute erlebt, ihre Unbedarftheit und ihren absoluten Anspruch auf Klugheit. Dieses naseweise Verhalten der jungen Leute, das hat mir den Zugang zu dem Pärchen ermöglicht. Maßlos in ihren Ansprüchen, trotzdem süß und niedlich. Sie wollen die Welt einreißen, stellen sich gegen die Eltern, haben gleichzeitig den Wohlstand als den ihnen zustehenden Anspruch im Gepäck. Ein Beispiel: Romeo, der mit Julia fliehen will, fragt: Habt Ihr auch gutes Personal? Bei unserer Köchin ist der Braten immer zu scharf. Das war der Zugang auf der einen Seite: die ironische Sichtweise eines Erwachsenen, auf der anderen Seite die erste Liebe als wichtiges Element. Wieder ein Beispiel: Sie haben keine Ahnung, was sie mit sich machen sollen. Julia will sich vor Glück das Nachthemd vom Leib reißen, Romeo würde es in die Kleiderspende geben, damit es noch verwertet wird. Als aber Julia nackt vor ihm steht, ist er überfordert. Unsere Schauspieler machen das so klasse, dass den jungen Zuschauern die Ohren geglüht haben. Julia ist übrigens erfahrener und klüger, Romeo eher so alte Schule, etwas unbeholfen, aber nett und höflich.

Wie frei haben Sie überhaupt den Stoff bearbeitet?

Förster: Shakespeare ist die Vorlage, das Stück ist nach Romeo und Julia. Das ist nicht eine Verbesserung, wir erzählen das Ganze in unserem Verständnis. Wir achten das Werk von Shakespeare sehr, aber es ist 400 Jahre her. Die Menschen haben sich vielleicht ein wenig verändert, auch in der Sprache. Wir zeigen die Konflikte zwischen Eltern und Kindern, zwischen Familien: Wer hat mehr zu sagen in der Stadt, welche Dame hat die schickeren Schuhe oder die schöneren Kleider. Bei uns ist es auch nicht eine Tragödie, sondern eine Komödie. Was wir von Shakespeare sozusagen übernommen haben: Das Stück ist komplett durchgereimt, das Versmaß ist eingängig. Es ist aber keine Übersetzung. So entsteht scheinbar eine große Distanz, durch die wir dann durch die Hintertür das Hier und Heute reintragen.

Bei welchen Gelegenheiten lachen die Zuschauer am meisten?

Förster: Das ist jetzt schwer zu beantworten. Die Erfahrung hat gezeigt, dass die Reaktionen vom Schenkelklopfen bis zum Schmunzeln reichen. Es ist ein unterhaltsamer Abend, flott, man lacht über die kleinen Gemeinheiten und Schwächen, die wir Menschen haben, aber auch über die größeren Ängste. Es gibt Situationskomik und Wortwitz. Aber keinen schlüpfrigen Humor.

Ist das Ganze nur zum Lachen, oder gibt’s auch was zum Nachdenken?

Förster: Wir stehen da in aller Bescheidenheit in der gedanklichen Erbschaft unserer großen Aufklärer. Unser Theater will im besten Sinne des Wortes Bildung vermitteln, im Sinne von Herzensbildung. Wir wollen eine gute Geschichte erzählen und ein gutes Gefühl geben, durch genaues Zuhören und Mitdenken. Ich finde es eleganter, wenn die Zuschauer unsere Gedanken im Kopf vollenden und wir nicht mit erhobenem Zeigefinger auf der Bühne stehen. Alle Sätze, die zu didaktisch klangen, haben wir bei den Proben rausgeworfen – ich bin ja kein Vortragender, sondern Komödienschreiber. Wenn’s bei den Leuten „klick“ macht, haben wir unsere Arbeit gut getan.

Wie weit spielt Corona bei Ihrer Inszenierung eine Rolle?

Förster: Wir haben in der Corona-Zeit geprobt in Dresden, haben 46 Vorstellungen diesen Sommer gehabt, das Stück ist also auch praxiserprobt. Im Stück fällt der Begriff kein einziges Mal. Wir wollten nicht zum hundertsten Mal einen Kommentar abgeben. Es gibt allenfalls zwei, drei Anspielungen, wenn etwa der Mann seine Ehefrau aus Eifersucht in der Wohnung einsperrt und sie die Stadt nur vom Balkon aus betrachten kann. Auf der Bühne halten wir die Abstandsregelung von 1,50 Meter ein. Von der Inszenierung her hat es neue Ideen gebraucht, man musste ein bisschen nachdenken, was für uns aber eine willkommene Herausforderung war. Man kann auch eine Liebesszene spielen, wenn Romeo und Julia drei Meter Abstand haben. Das ist trotzdem spannend, auch wenn sie sich nicht anfassen können dieses Jahr.

Komödie: Die „Legende von Romeo und Julia“ wird am Donnerstag, 22. Oktober, um 20 Uhr im Haus Oberallgäu in Sonthofen aufgeführt. Eine vorherige Anmeldung und Registrierung aller Besucher – auch der Abonnenten – mit Namen und Telefonnummer bei der Kulturgemeinschaft Oberallgäu, Telefon 08323/9892691, ist erforderlich. Karten gibt es auch in der Tourist-Information Sonthofen, Telefon 08321/615-291.