Nach schwerem Unfall im Oberallgäu

Lkw-Fahrer vor Gericht: Mit Sattelzug Radler von der Straße gedrängt

Amtsgericht Sonthofen

Weil er einen Fahrradfahrer in Oberstaufen von der Straße gedrängt haben soll, stand ein 47-Jähriger Berufskraftfahrer in Sonthofen vor Gericht.

Bild: Martina Diemand

Weil er einen Fahrradfahrer in Oberstaufen von der Straße gedrängt haben soll, stand ein 47-Jähriger Berufskraftfahrer in Sonthofen vor Gericht.

Bild: Martina Diemand

47-Jähriger wegen Straßenverkehrsgefährdung zu Geldstrafe verurteilt – sein Führerschein ist für sechs Monate weg. Der Radler wurde bei dem Unfall verletzt.
07.07.2021 | Stand: 19:11 Uhr

Einen Schlüsselbeinbruch, Prellungen und Abschürfungen erlitt ein Radler bei einem Unfall im Juli 2020 in Oberstaufen. Doch der 56-Jährige kam wohl noch verhältnismäßig glimpflich davon, denn er war von einem tonnenschweren Sattelzug von der Straße gedrängt worden. Jetzt wurde dem 47-jährigen Fahrer des Lkws am Amtsgericht Sonthofen der Prozess gemacht. Er wurde zu einer Geldstrafe von 1050 Euro (70 Tagessätze) verurteilt, zudem darf er mindestens sechs Monate in Deutschland nicht mehr ans Steuer.

Der Angeklagte, der in Weißrussland lebt, war nicht zum Prozess erschienen. Er ließ sich durch einen Rechtsanwalt vertreten, der dem Unfallopfer auch die Bitte des 47-Jährigen um Entschuldigung übermittelte. Schmerzensgeld oder Schadensersatz hat der Berufskraftfahrer aber bis heute nicht gezahlt.

„Der Lkw ist plötzlich neben mir aufgetaucht, hat mich berührt und dann lag ich schon auf dem Grünstreifen“, erzählte der Radfahrer vor Gericht von dem Unfall. Der 56-Jährige sagte aus, er habe vor seinem Sturz noch den Gegenverkehr gesehen. „Dann ist der Lkw nähergekommen – er musste rüber und ich war wohl im Weg.“

Autofahrer beobachten den Unfall

In dem entgegenkommenden Wagen saß ein 69-Jähriger, der als Zeuge im Prozess aussagte: „Es waren nur 30 Zentimeter zwischen dem Lkw und dem Radler“, sagte der Oberallgäuer. „Ich hab mir noch gedacht, es ist zu eng – dann hat es einen Schlag getan und der Radler ist gefallen.“

Diese Version bezweifelte der Verteidiger vor Gericht: „Bei einem ruckartigen Einfädeln mit einem 15-Tonner hätte er den Radler weggefegt“, sagte der Anwalt. „Über die Folgen wollen wir gar nicht sprechen.“ Er bezweifelte zudem, dass es überhaupt zu einer Berührung mit dem Lastwagen gekommen war und lieferte zugleich eine andere Erklärung für den Unfall: Der Seitenwind habe den Radler zu Fall gebracht, nachdem der Lastwagen ihn überholt hatte.

"Radler mit dem Anhänger weggekickt"

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Doch auch die Autofahrerin, die hinter dem Lkw fuhr, hatte einen Kontakt beobachtet. „Er ist wegen des Gegenverkehrs wieder eingeschert und hat den Radler mit dem Anhänger weggekickt.“ Die Frau hatte sich eine regelrechte Verfolgungsjagd mit dem Lastwagenfahrer geliefert, weil ihr sein riskantes Fahrverhalten aufgefallen war. „Er ist immer wieder über die Mittellinie gekommen und es gab mehrere knappe Situationen mit dem Gegenverkehr.“ Deswegen verständigte die Autofahrerin schon während der Fahrt die Polizei. Während sie den zuständigen Beamten am Telefon hatte, kam es zu dem Unfall.

„Der Fahrer war ausgesprochen rücksichtslos unterwegs“, lehnte die Staatsanwältin den Vorstoß ab, das Verfahren gegen die Zahlung einer Geldauflage an den Geschädigten einzustellen. Sie forderte eine Strafe von 1200 Euro (80 Tagessätze).

Dem Angeklagten droht der Jobverlust

„Das Verhalten hat nichts mit Rücksichtslosigkeit zu tun“, sagte der Verteidiger über seinen Mandanten. „Er hat sofort angehalten und sich um den Radler gekümmert.“ Der Angeklagte habe keine Vorstrafen, sei ein erfahrener und umsichtiger Fahrer und der Unfall eine „Verkettung unglücklicher Umstände.“ Er bat darum, seinem Mandanten nicht noch länger den Führerschein zu entziehen, weil er sonst den Job verlieren und seine Familie nicht versorgen könne.

Richterin Brigitte Gramatte-Dresse blieb in ihrem Urteil zwar knapp unter der Forderung der Staatsanwältin, hegte aber keine Zweifel an der Schuld des 47-Jährigen. „Der Angeklagte war in Eile“, sagte Gramatte-Dresse. „Er hat bereits Kilometer vorher einen Fahrstil an den Tag gelegt, dass sich eine Zeugin genötigt sah, die Polizei zu verständigen – und dann hat er auch noch das rücksichtslose Überholmanöver eingeleitet.“ Es sei nur Glück gewesen, dass nicht mehr passiert ist.“ Neben der Geldstrafe verhängte die Richterin eine Sperrfrist von sechs Monaten, in denen der Angeklagte – in Deutschland – ohne Führerschein auskommen muss. Der Verteidiger kündigte an, gegen das Urteil Rechtsmittel einzulegen.

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