Kraft für die Opfer

Meistens sind Frauen betroffen: Oberallgäuer Verein hilft Opfern von Gewalt und Missbrauch

Gerhard Rueben und Resi Kraft stehen Opfern bei.

Gerhard Rueben und Resi Kraft stehen Opfern bei.

Bild: Sibylle Mettler

Gerhard Rueben und Resi Kraft stehen Opfern bei.

Bild: Sibylle Mettler

Der Oberallgäuer Verein „Schaut hin“ begleitet seit mehr als 20 Jahren Menschen, die unter Gewalt oder Missbrauch leiden. Darunter waren heftige Fälle.
30.07.2020 | Stand: 16:38 Uhr

Wie sie das alles übersteht? Die Frau, die seit mehr als Jahrzehnten Opfer von Gewalt und Missbrauch zur Seite steht, lächelt nur. Dann sagt sie: „Ich heiße Kraft.“ Resi Kraft ist eine der beiden Aktiven des Oberstdorfer Vereins „Schaut hin“. Er besteht seit mehr als 20 Jahren und ist weit über das Allgäu hinaus aktiv.

Diesen Vormittag verbrachte Kraft mal wieder im Gericht. Sie vertrat eine Frau, die von ihrem Ex-Freund angegriffen und schwer verletzt worden war. Der Verein besorgte der Frau einen Rechtsanwalt. Kraft begleitete sie zum ersten Prozess. Dieser ging in die zweite Instanz. Eine erneute Begegnung mit dem Täter wollte das Opfer vermeiden. Und so vertrat die Vereinsvorsitzende die Frau und berichtete ihr vom Prozessverlauf aus erster Hand.

 

Meistens melden sich Frauen bei "Schaut hin"

Zwischen 55 und 80 Fälle betreuen Resi Kraft und ihr Mitstreiter Gerhard Rüben pro Jahr, wie sie schildern. Meist seien es Frauen, die sich bei „Schaut hin“ melden. Viele von ihnen litten unter häuslicher oder sexueller Gewalt. Der Verein betreue die Opfer von der Anzeige bis zum Opferentschädigungsantrag. Er vermittle Ärzte, besorge und bezahle Anwälte. „Die Leute brauchen auch jemanden, der sie einfach mal in den Arm nimmt und Verständnis hat“, schildert Kraft. Vor allem in Fällen von sexuellem Missbrauch steht „Schaut hin“ den Opfern teilweise über viele Jahre zur Seite. „Eine Frau begleitet ich seit über 20 Jahren. Sie hat immer wieder Gesprächsbedarf“, berichtet Kraft.

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In 90 Prozent der Fällen sei sie es, die die meist weiblichen Opfer und ihre Kinder betreut, sagt Rüben. Wenn Situationen eskalieren, jemand aus der gemeinsamen Wohnung mit dem Täter auszieht und anderweitig Schutz braucht, ist der 68-jährige frühere Polizist gefragt. Seine Mitstreiterin arbeitete 30 Jahre lang bei der Polizei in Oberstdorf als Angestellte. Dort begann die 72-Jährige auch mit ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit, als die Schwester eine Arbeitskollegin einem Sexualmord zu Opfer fiel, schildert Kraft. Jahrelang habe sie auch andere Menschen mit eigenen Mitteln unterstützt, bis vor 20 Jahren schließlich der Verein „Schaut hin“ gegründet wurde.

 

80.000 Euro Jahresumsatz

Heute verwaltet der Verein laut Rueben einen Jahresumsatz von 60.000 bis 80.000 Euro. Laufende Kosten würden durch die Vereinsbeiträge der 136 Mitglieder gedeckt.

Alles andere werde über Spenden finanziert und komme zu 100 Prozent den Opfern zugute, betonen die beiden Aktiven.

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Viel Geld fließe in Therapien

„Schaut hin“ vermittle und bezahle Heilpraktiker, die eine Trauma-Ausbildung absolviert haben. Reit-, Tanz- und Musiktherapie seien vor allem bei missbrauchten Kindern effektiv. Darüber hinaus gebe es eine Weihnachtsgeschenke-Aktion für Kinder und zwei Kleiderstuben in Sonthofen und Oberstdorf. Dort erhielten sozial Bedürftige kostenlos Kleidung.

Unter den Nägeln brennt Kraft und Rueben die Suche nach Nachfolgern. Denn die Aktiven seien manchmal mit „heftigen Sachen“ konfrontiert. Unter die Haut gehe es vor allem, wenn Kinder betroffen sind oder es sich um rituelle Gewalt handelt. Dabei betonen die beiden Vereinsvorsitzenden, dass sie selbst keine ausgebildeten Therapeuten sind und keine Rechtsberatung übernehmen. Aber sie wissen, dass das Leid der Opfer nicht endet, wenn ein Gericht das Urteil fällt. „Das Menschliche läuft weiter,“ sagt Rueben. Dann ist Resi Kraft wieder zur Stelle.