„Habe geschmunzelt“

Ministerin Klöckner will Gassi-Pflicht - so reagieren Oberallgäuer Hunde-Experten

Gassi-Gehen könnte schon nächstes Jahr zur Pflicht werden, wenn es nach Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner geht. Frauchen und Herrchen sollen dann zweimal täglich für mindestens eine Stunde mit ihren Tieren rausgehen.

Gassi-Gehen könnte schon nächstes Jahr zur Pflicht werden, wenn es nach Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner geht. Frauchen und Herrchen sollen dann zweimal täglich für mindestens eine Stunde mit ihren Tieren rausgehen.

Bild: Sebastian Golinow/dpa

Gassi-Gehen könnte schon nächstes Jahr zur Pflicht werden, wenn es nach Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner geht. Frauchen und Herrchen sollen dann zweimal täglich für mindestens eine Stunde mit ihren Tieren rausgehen.

Bild: Sebastian Golinow/dpa

Ministerin Klöckner will Hundebesitzer dazu verpflichten, dass sie mit ihrem Tier zweimal täglich für mindestens eine Stunde rausgehen. Das sagen Experten.

26.08.2020 | Stand: 05:15 Uhr

Nicht alle Hunde werden artgerecht gehalten. Herrchen und Frauchen fahren ihre Lieblinge in Körbchen auf dem Fahrrad oder in Wägelchen durch die Gegend. Viele Tiere fressen ungesunde Snacks und hängen übergewichtig auf dem Sofa umher. Um ausreichend Auslauf und Betreuung garantieren zu können, will Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner Hundehalter unter anderem dazu verpflichten, ihren Tieren zweimal täglich für insgesamt mindestens eine Stunde Auslauf zu bieten. „Gut gemeint, aber schlecht umsetzbar“, meinen Hundeexperten aus dem Oberallgäu und aus Kempten.

Gassigehen verpflichtend? „Einem kranken Hund reichen zehn Minuten, um sein Geschäft zu erledigen“

„Natürlich sollten Hundebesitzer regelmäßig mit ihren Tieren raus und nicht nur einmal um den Block gehen“, sagt Iris Thalhofer, Leiterin des Immenstädter Tierheims. Doch solch eine Selbstverständlichkeit könne man nicht erzwingen und schon gar nicht kontrollieren. Die Gassi-Zeit sei für jeden Hund individuell. „Einem kranken Hund reichen zehn Minuten, um sein Geschäft zu erledigen“, sagt Thalhofer. Und für einen Schlittenhund sei selbst eine Stunde viel zu wenig. Besser wäre eine sogenannte „Sachhalteprüfung“ wie in der Schweiz, bei der der Hundehalter unter anderem über die richtige Pflege und Ernährung Bescheid wissen müsse. Was aber, wenn der Hund gar nicht Gassi gehen will? „Das Tier immer erst nach dem Spaziergang füttern, damit er motiviert ist davor rauszugehen“, rät Thalhofer. Klöckner sollte statt der Gassi-Pflicht-Verordnung lieber Gesetze auf den Weg bringen, die Massentierhaltung und Tiertransporte regeln.

Klöckners Vorschlag sei zwar eine gute Idee, denn viele Hundebesitzer, die berufstätig sind, würden ihr Tier oft den ganzen Tag in der Wohnung lassen. Das grenze an Tierquälerei. „Aber wer soll die Verordnung umsetzen?“, fragt Maria-Anna Peter-Sigg, Vorsitzende des Tierschutzvereins Kempten. Deshalb sollten sich Menschen, die sich ein Tier anschaffen möchten, bereits im Vorfeld gut überlegen, ob sie genügend Zeit für einen Hund aufbringen können.

„Hunde kommunizieren zu 80 Prozent über die Körpersprache“

Dies unterstreicht auch Martin Waibel, Inhaber einer Hundeschule in Sonthofen. Um ein Tier entsprechend betreuen zu können, „muss ich mich intensiv mit ihm beschäftigen und es rassetechnisch richtig auslasten“. Denn ein Hund merke schnell, wenn sein Herrchen keine Lust hat, die Mundwinkel nach unten ziehe und nur widerwillig mit ihm raus möchte. „Hunde kommunizieren zu 80 Prozent über die Körpersprache“, sagt Waibel. Für einen Husky müsse man mehrere Stunden am Tag investieren, um ihn artgerecht betreuen zu können. Auch ein Welpe brauche deutlich mehr Zeit als ein alter Hund. Waibel fände es deshalb sinnvoller, statt der Gassi-Vorschrift einen verpflichtenden „Hundeführerschein“ einzuführen, um Hundehalter zu schulen und ihnen zu verdeutlichen, dass sie Verantwortung für ein Tier übernehmen. Auch ein Jäger müsse für seinen Hund eine „Brauchbarkeitsprüfung“ ablegen, bevor er mit dem Tier in den Wald geht.

Über die geplante Verordnung „habe ich geschmunzelt“, sagt Dr. Friedhelm Miller von der Tierklinik Blaichach. Denn die Forderung der Ministerin werde das Verhalten vieler Hundehalter nicht ändern, weil keine Kontrolle möglich sei. Frau Klöckner sollte sich lieber um die Auswüchse der Massentierhaltung kümmern, fordert Miller.

„Hinsichtlich möglicher Kontrollen enthält der Gesetzentwurf keine Regelungen“, sagt Brigitte Klöpf von der Pressestelle des Landratsamts in Sonthofen. Darüber hinaus habe das Veterinäramt nicht die personellen Kapazitäten, „um – auf welche Art auch immer – zu kontrollieren, ob jeder Hundehalter diese gesetzlichen Regelungen einhält“.

Glücklich im eigenen Garten

Und was sagen Hundehalter zu Klöckners Vorschlag? Elisabeth Moch hat eine sechsjährige Labradorhündin. Die Immenstädterin ist grundsätzlich der Meinung, dass eine solche Verordnung sowohl vom Wohnort und der Rasse, als auch vom Zustand des Hundes abhängig gemacht werden sollte. „Für Stadthunde, die ohne Spaziergang nicht ihren nötigen Auslauf bekommen, wäre diese Verordnung auf jeden Fall angemessen. Jedoch gibt es auch ältere Hunde, die sich mit ihrem Auslauf in einem großen Garten mehr als glücklich schätzen und für die ein einstündiger Auslauf eher Probleme darstellen würde“.

Auch in Kempten sind die Meinungen über Julia Klöckners Vorschlag geteilt. Hier die Reaktionen von Hunde-Haltern.