Festival im Oberallgäu

"Musikfilmzeit" präsentiert böse Satiren in Immenstadt

Wer solche Kollegen hat, braucht keine Feinde mehr: Rafael Haider und Albert Meisl als Musikwissenschaftler in „Die Schwingen des Geistes“, dem Auftakt der „Musikfilmzeit“.

Wer solche Kollegen hat, braucht keine Feinde mehr: Rafael Haider und Albert Meisl als Musikwissenschaftler in „Die Schwingen des Geistes“, dem Auftakt der „Musikfilmzeit“.

Bild: Alexander Dirninger

Wer solche Kollegen hat, braucht keine Feinde mehr: Rafael Haider und Albert Meisl als Musikwissenschaftler in „Die Schwingen des Geistes“, dem Auftakt der „Musikfilmzeit“.

Bild: Alexander Dirninger

Das Allgäuer Autorenfilmfestival zeigt im Immenstädter Kino zehn Kurzfilme. Wie einige von ihnen der Gesellschaft mit schwarzem Humor den Spiegel vorhalten.
01.10.2020 | Stand: 19:00 Uhr

Welche Mama, welcher Papa möchte nicht, dass sein Nachwuchs Erfolg hat? Da lassen sich manche Eltern auch schon mal auf ein Hauen und Stechen ein. Wohin das führen kann, zeigt in überspitzter Form und mit rabenschwarzem Humor das Musical „Bonbon“. So heißt einer von zehn neuen Kurzfilmen, den die „Musikfilmzeit“ in Immenstadt bietet.

Das kleine Festival ist der Ableger eines großen. Seit 13 Jahren gibt es in Kaufbeuren die „Filmzeit“, die künstlerisch wertvolle sogenannte Autorenfilme präsentiert: Es sind Kurzfilme, bei denen der Regisseur weitere wesentliche künstlerische Aspekte des Werks mitbestimmt – etwa das Drehbuch.

Dieses Festival präsentiert heuer erstmals Filme, die sich um Musik drehen, im Immenstädter Union-Filmtheater, in dessen Großen Saal zurzeit 60 Zuschauer dürfen. Zehn dieser Streifen laufen dabei in einem Wettbewerb, dessen Sieger eine Jury kürt. Der Jury gehören die Filmemacherin Birgitta Weizenegger aus Oberstaufen, die Medienpädagogin Doris Sippel vom Medienzentrum Oberallgäu in Immenstadt und der Musiker Andreas Schütz vom Kemptener Duo „Pianistixx“ an. Das erklärt Festivalleiterin Birgit Kern-Harasymiw beim Auftakt in Immenstadt.

Man habe sich – trotz der schwierigen, von der Corona-Pandemie überschatteten Zeiten - schon heuer für eine solche Ausweitung des Festivals entschlossen, weil unter den eingereichten Filmen für das Festival so viele Arbeiten waren, die sich um Musik rankten – wie etwa das Musical „Bonbon“. Ihm merkt man nicht an, dass für diese Kurzfilme oft nur ein geringes Budget zur Verfügung stehe, wie Festivalleiterin Birgit Kern-Harasymiw in ihrer Einführung sagt.

Das Werk wirft in 20 Minuten einen bitterbösen Blick auf die Gesellschaft. Ein Süßwarenfabrikant sucht ein neues Gesicht, um für seine Firma zu werben. Denn das Kind, das bisher die Plakate schmückte, ist tot – vermutlich an einer Überdosis Zucker gestorben. Viele Eltern wittern jetzt eine Chance für ihren Nachwuchs. Doch das Kindermädchen, das den toten Werbeträger betreute, greift zum Spaten und gräbt auf dem Friedhof … In ganz kurzer Zeit zeigt dieser Film anhand einer Casting-Show, für die und in der Menschen über Leichen gehen, wie schnell jegliche Werte an Wert verlieren, wenn es nur gilt, den eigenen Vorteil zu sichern. So hält dieser Film brillant einer Gesellschaft den Spiegel vor Augen, die sich immer noch als Wertegemeinschaft versteht, aber schon längst viele Werte vergessen hat. Solch bittere Erkenntnis wird dabei in Songs serviert, die den Sängern förmlich auf der Zunge zergehen, in eine Choreografie gekleidet, die großen Bühnen zur Ehre gereicht, und in opulente Bilder gegossen, die aus dem kleinen Film eine großes Fest für die Augen machen.

„Bonbon“ ist der Höhepunkt eines ersten Filmblocks, der ganz unterschiedliche Streifen miteinander verbindet und so die stilistische Vielfalt des Festivals abbildet. „The Dishwasher“, also soviel wie „Der Tellerwäscher“, erzählt von einem Mexikaner, der sich in einer Küche seinem Chef für höhere Aufgaben empfehlen möchte. Denn der Chef sucht hervorragende hausgemachte Tortillas. Der Mexikaner hofft auf die Kochkünste seiner Großmutter. Nach einer gehörigen Portion Pech weist ihm Musik einen Weg ...

Musik einer Bach-Kantate (BWV 55) liegt dem Film „Ich armer Mensch“ zugrunde. Ein Mann fühlt sich gefangen in seinen Sünden und wird mit Stricken gefesselt. Die Gnade Gottes befreit ihn davon. Das ganze Geschehen ist eingebettet in einen Tagesablauf und versehen mit Symbolen der Verführung und Vergänglichkeit.

Wie ein kurzes Intermezzo wirkt „Rose“, eine schicksalhafte Begegnung zwischen zwei älteren Menschen in einer U-Bahnstation. Ob die Beiden eine Zukunft haben, hängt von der Aufmerksamkeit eines jungen Mannes ab ... Der Film erzählt die Episode im Rücklauf der Geschehnisse. Die Musik sekundiert dabei als Taktgeber.

Außerhalb des Wettbewerbs läuft der Auftakt des Abends: eine skurrile Episode aus dem Leben zweier konkurrierender Musikwissenschaftler, von denen einer in der Tinte sitzt und den anderen tüchtig miteintaucht. Eigentlich der dritte Teil eines Zyklus’, gewinnt diese Wiener Satire gemächlich an Fahrt und endet in einem giftig-gemeinen „Happy End“.

Sechs weitere Filme, die im Wettbewerb laufen, gibt es noch an diesem Abend zu begutachten. Wer das Rennen macht, gibt die Jury am Freitag, 2. Oktober, um 19 Uhr im Immenstädter Union-Filmtheater bekannt. Dort läuft dann auch noch zum Abschluss des Festivals der Spielfilm „Leif in Concert Vol. 2“.

Informationen im Internet