Kunsthaus Oberstdorf

Mutanten und andere Verwandlungen: Kunst in Oberstdorfer Villa Jauss

Villa Jauss

Einblick in die Ausstellung „Der andere Blick“ im Oberstdorfer Kunsthaus Villa Jauss: „Mutationen“ von Kristina Johlige Tolstoy.

Bild: Günter Jansen

Einblick in die Ausstellung „Der andere Blick“ im Oberstdorfer Kunsthaus Villa Jauss: „Mutationen“ von Kristina Johlige Tolstoy.

Bild: Günter Jansen

Elf Künstlerinnen aus dem Allgäu zeigen in der Oberstdorfer Villa Jauss die weibliche Sicht auf die Welt. „Der andere Blick“ schärft das Sehen und weitet die Perspektive. Was zu entdecken ist.
16.03.2021 | Stand: 18:49 Uhr

Sie sind derzeit in vieler Munde und gefürchtet: Mutationen. Im Oberstdorfer Kunsthaus Villa Jauss bevölkern sie einen ganzen Tisch: Skurrile Gebilde, die das Gruseln lehren – und das Schmunzeln. Mit viel Humor und noch mehr Fantasie hat Kristina Johlige Tolstoy das kleine Schreckenskabinett aus Fundstücken entwickelt, die sie frisch zusammengesetzt und fröhlich bemalt hat.

Die Bildhauerin aus Oy-Mittelberg ist eine von elf Künstlerinnen, die in der Villa Jauss den „anderen Blick“ bieten: die weibliche Sicht auf die Welt. Zugleich erfordert die Ausstellung, die fast nur dreidimensionale Arbeiten zeigt, vom Betrachter, den Blick von verschiedenen Seiten auf die Skulpturen, Objekte und Installationen zu werfen, um sie ganz erfassen zu können.

Vor allem der Tisch mit den vielfältigen Mutationen bedarf großer Aufmerksamkeit, um diesen Kosmos der wundersamen Veränderungen zu erfassen. Sie verdeutlichen die Laune der Natur. Diese kann zum Segen oder zum Fluch werden. Auf dem Tisch sind zum Beispiel eine Fichtenwurzel, ein Zunderschwamm und das Schutzblatt einer Physalis zu einem medusenähnlichen Gebilde zusammengewachsen. Und Medusen verheißen in der Regel nichts Gutes, auch wenn sie noch so farbenfroh sind.

Eine ungewöhnliche Verwandlung haben auch die Kuscheltiere aus Filz durchlaufen, die Silvia Jung-Wiesenmayer aus Opfenbach im Dachboden ausgesetzt hat. Sie sind mit der Elektrotechnik verschmolzen, tragen zum Beispiel eine Steckdose als Nabel oder ein Kabel samt Stecker als Schwanz.

Wie kleine Aliens wirken die keramischen Figuren, die Anna Dorothea Klug aus Börwang in Pullis und Hosen gesteckt hat und als „Boten von der Welt dahinter“ vorstellt: Da finden sich Lebewesen mit Schlitz- oder kreisrunden Augen, mit Segelflieger- oder verkümmerten Ohren. Die kleinen Kerle wirken in ihrem Anderssein zuwendungsbedürftig.

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Von Insektennestern oder anderen natürlichen Gebilden inspiriert scheinen die Arbeiten von Elisabeth Bader aus Kempten. Sie zeigen zum Beispiel in „Traumnäher“ ein zartes und doch robustes Gespinst aus Draht und Papier, das Verknüpfungen im Gehirn symbolisiert. Der „Mantel“ veranschaulicht, wie die Natur Menschenwerk zurückerobert: ein Schlitten wird von einem organischen Gebilde überwuchert.

An ein zartes Ei, aus dem Leben geschlüpft ist, erinnern die Skulpturen „Anfang“, die Elke Wieland aus Immenstadt aus Japanpapier oder weißem Alabaster geformt hat.

Wie erfüllend ein Leben im Einklang mit der Natur sein kann, lässt eine lebensgroße Holzskulptur von Lucia Hiemer aus Waltenhofen erahnen. Das „Mädchen im Regen“ genießt sichtlich die Tropfen, die über ihren Körper rinnen.

Von innigen Beziehungen erzählt Annette Zappe aus Kempten mit kleinen Bronzefiguren: In „Zweiwerdung“ findet sich ein Paar, „Zweieinigkeit“ und ähnliche Arbeiten schildern das enge Verhältnis zwischen Mutter und Kind.

Dem Geheimnis der Paarbeziehung ist Amrei Müller aus Bad Hindelang auf der Spur: In der Skulptur „Im Gleichgewicht“ balancieren Frau und Mann auf einer Schaukel. Im Betonguss „Verbindung“ spannt sich ein Bogen zwischen den Köpfen von Mann und Frau.

Wie erstrebenswert es ist, anderen auf „Augenhöhe“ zu begegnen, demonstriert Nina Schmidbauer aus Bad Hindelang mit einer ihrer experimentellen Arbeiten: Ein Stahlstift, der in einem zum Teil durchsichtigen Kunstharz-Quader steckt, veranschaulicht, wie schnell eine Einheit zerstört wird, sobald die Perspektive nicht mehr stimmt.

Natürlich kann der Mensch auch blind gegenüber seiner Umwelt sein. Lucie Sommer-Leix aus Waltenhofen zeigt ihn als doppelgesichtige komplexe Gestalt: Ein Gesicht trägt die Züge einer Frau und hält die Augen geschlossen – vielleicht um tief in das Innere hineinzulauschen. Das offenbart ein zweites Gesicht: den Kopf eines Hirsches samt Geweih, gleichsam als männliches Pendant.

Einem Lebensweg gleicht „Die schmale Straße“, die Waltraud Funk aus Immenstadt als Diagonale in einem Raum installiert hat. Auf ihr hat sie Skulpturen wie Stationen arrangiert. Mit einer fast archaischen Zeichensprache erzählen sie von Impulsen, die das Leben bereichern: Liebe und Fantasie, Weisheit und Ausgeglichenheit ... Die Skulpturen stammen dabei aus vier Jahrzehnten, fügen sich hier aber zu einer gedanklichen Einheit.

So wie Waltraud Funk zeigen auch manche der anderen Künstlerinnen ältere Arbeiten. Im Zusammenklang ergibt sich aber eine neue, spannungsreiche Ausstellung, die den Blick schärft und Perspektiven weitet – nicht nur jene auf die wandlungsfreudigen Mutationen.

Bilderstrecke

Villa Jauss Ausstellung "Der andere Blick"

So ist der Besuch der Villa Jauss möglich:

Die Ausstellung „Der andere Blick“ ist vom 18. März bis zum 11. April im Oberstdorfer Kunsthaus Villa Jauss zu sehen, und zwar von donnerstags bis sonntags jeweils von 14 bis 17 Uhr. Das Haus ist auch am Ostermontag geöffnet.

Bei einem Inzidenzwert zwischen 50 und 100 ist eine Anmeldung erforderlich. Terminvereinbarung von Montag bis Mittwoch per Mail an reservierung@villa-jauss.de , von Donnerstag bis Sonntag und Ostermontag zwischen 14 und 17 Uhr per Telefon 08322/940266. Die Termine werden stundenweise vergeben: 14 bis 15, 15 bis 16 und 16 bis 17 Uhr.

Information im Internet