Interview zum Schulstart

„Nicht nur die Note im Fokus“: Wie gutes Lernen aus Sicht des Schulamtsdirektors funktioniert

Ist Homeschooling eine dauerhafte Alternative? Schulamtsdirektor Herbert Rotter sagt: "Wir wollen die Schüler dennoch in der Schule bei uns präsent haben."

Ist Homeschooling eine dauerhafte Alternative? Schulamtsdirektor Herbert Rotter sagt: "Wir wollen die Schüler dennoch in der Schule bei uns präsent haben."

Bild: Sibylle Mettler

Ist Homeschooling eine dauerhafte Alternative? Schulamtsdirektor Herbert Rotter sagt: "Wir wollen die Schüler dennoch in der Schule bei uns präsent haben."

Bild: Sibylle Mettler

2653 Kinder starten in der ersten Klasse im Bereich des Schulamts Oberallgäu-Lindau-Kempten. Der Direktor erklärt, warum der Anfang eine Illusion ist.
12.09.2021 | Stand: 17:00 Uhr

2653 Kinder starten am Dienstag im Bereich des Schulamts Oberallgäu-Lindau-Kempten in die erste Klasse. Fast alle werden freudestrahlend die Schule betreten. Nach wenigen Jahren ist beim Großteil von ihnen von dieser Motivation kaum noch etwas übrig. Warum ist das so? Der Leiter des Schulamts Oberallgäu-Lindau-Kempten, Herbert Rotter, hat mit Redakteurin Sibylle Mettler nach Antworten gesucht.

Warum nimmt die Schule den Kindern den Spaß am Lernen?

Rotter: Das ist eine provokante Frage. Wir fangen doch alle in vielen Bereichen mit einem großen Enthusiasmus an, und nach ein paar Jahren kehrt eine gewisse Routine ein, in der man auch die Schattenseiten kennenlernt. Das ist auch bei Schulkindern so. Das ist aus meiner Sicht ganz normal. Ich würde das nicht so negativ formulieren. Unsere Erstklässler kommen mit viel Freude. Es ist eine große Aufgabe für uns, ihnen möglichst viel davon möglichst lange zu erhalten. Dass sich nur schöne Tage vom Anfang durch die ganze Schulzeit ziehen, ist aber eine Illusion.

Was kann man denn machen, damit sie den Spaß lange behalten?

Rotter: Man muss die Kinder gerade in der Grundschule auf dem jeweiligen Niveau, das sie mitbringen, abholen, sie fördern und fordern. Kinder wollen etwas lernen. Sie wollen auch Spaß haben. Wenn man das kombiniert, kann man die Begeisterung lange erhalten. Dazu braucht es Angebote vonseiten der Lehrkräfte, die an den jeweiligen Lernstand der Schüler angepasst sind, denn sowohl Überforderung als auch Unterforderung wirft Probleme auf.

"Man wartet bewusst eine Zeit lang ab, bevor man Noten in Form einer Ziffer vergibt"

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Wie passt das mit unserem Notensystem zusammen? Wissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass das Hirn auf positive Bestätigung anspringt und man sich Sachen so viel effektiver merkt. Doch in der Realität kommt mal eine schlechte Note und die ganze Motivation ist im Eimer.

Rotter: Kinder wollen grundsätzlich eine Rückmeldung. Sie wollen wissen: Habe ich das gut gemacht? Grundschüler bekommen aber aus gutem Grund die Noten erst am Ende der zweiten Klasse. Man wartet bewusst eine Zeit lang ab, bevor man Noten in Form einer Ziffer vergibt. Ich glaube schon, dass Lehrkräfte in der Lage sind, bei Kindern überwiegend positives Feedback zu betonen und wenn es mal nicht so gut ist, die Kinder an die Hand zu nehmen und zu sagen: Versuche es doch einmal auf diese Art! Mittel- und langfristig gesehen ist es aber so, dass sich unsere Gesellschaft zum großen Teil über Leistung definiert. Irgendwann braucht man als Jugendlicher auch eine klare Rückmeldung, wie man unterwegs ist, wo die Stärken liegen und gegebenenfalls auch weniger stark ausgeprägte Bereiche. (Lesen Sie auch: Ende der Sommerferien in Bayern: Gilt in den Schulen wieder Maskenpflicht?)

Wären alternative Bewertungen nicht zeitgemäßer?

Rotter: Was schlagen Sie vor?

Ich bin keine Lernwissenschaftlerin. Aber ich weiß: Bei vielen Kindern ist es mit dem Lernen vorbei, wenn die erste schlechte Note auf dem Papier steht.

Rotter: Das ist teilweise so, das stimmt. Aber da hat sich ja gerade in Bayern eine Menge getan. Wir haben zum Beispiel die Lernentwicklungsgespräche. Das heißt, die Kinder und Eltern unterhalten sich mit der Lehrkraft gemeinsam über den Lernstand, den Fortschritt und was sie noch besser machen können. Des Weiteren haben wir im Zeugnis nicht nur die nackte Ziffer, sondern gerade im Grundschulbereich neben dem Sozial-, Lern- und Arbeitsverhalten auch die verbale Beschreibung der Fähigkeiten und Leistungen in einem Fach. Da ist nicht nur die Note im Fokus. Zudem gibt es neben den mündlichen, schriftlichen und praktischen auch mehrdimensionale Leistungsbewertungen wie zum Beispiel Projekt oder Portfolio. Dabei werden verschiedene Kompetenzbereiche (fachlich, methodisch, sozial) mit einbezogen und Handlungsleistungen auf verschiedenen Ebenen verlangt.

Schulamtsdirektor Herbert Rotter findet, dass man Kinder fördern und fordern muss. Privat geht der 58-jährige Vater erwachsener Kinder gern in die Berge. Die Fotos in seinem Büro hat er selbst gemacht.
Schulamtsdirektor Herbert Rotter findet, dass man Kinder fördern und fordern muss. Privat geht der 58-jährige Vater erwachsener Kinder gern in die Berge. Die Fotos in seinem Büro hat er selbst gemacht.
Bild: Sibylle Mettler

Es gibt vereinzelt Lehrende, die zig Didaktik-Fortbildungen haben oder als Lerncoach ausgebildet sind. Aber dieses Wissen steht anderen Lehrkräften nicht zur Verfügung. Und es gibt kein Fach, in dem die Kinder richtig lernen, wie sie lernen. Warum?

Rotter: Das Fach Lernen lernen gibt es nicht, aber die Schulen hätten die Möglichkeiten, in zusätzlichen Stunden so etwas anzubieten. Der Lehrplan Plus geht jedoch in diese Richtung. Wir müssen die Kinder dort abholen, wo sie stehen, und mit Lernstandsdiagnosen feststellen: Wo ist welcher Schüler auf welchem Niveau und ihm entsprechende Angebote zur Verfügung stellen, um selbstständig, mit einem Partner oder auch in der Gruppe ein Thema zu bearbeiten. Wir wissen auch: Ein Kind lernt bevorzugt optisch, ein anderes akustisch, ein Drittes kann einen zweiseitigen Text exzerpieren. Diese Dinge versucht der neue Lehrplan Plus zu berücksichtigen, damit wir die Kinder nicht nur auf verschiedenen Niveaus, sondern auch auf verschiedenen Ebenen abholen und ihnen vor allem durch kompetenzorientierten Unterricht lehren, wie sie sich Informationen eigenständig aus verschiedenen Medien oder Material beschaffen können. (Lesen Sie auch: Schwangere Lehrerinnen dürfen in Bayern nicht in Präsenz unterrichten)

"Wir wollen die Schüler in der Schule bei uns präsent haben"

Diese Fähigkeit wurde auch im Homeschooling während Corona geschult. Da waren plötzlich Dinge möglich, die man vorher für undenkbar hielt. Was aus der Homeschooling-Zeit sollte man in den normalen Unterricht retten?

Rotter: Stichwort Digitalisierung: Dazu gelernt haben Schüler und Lehrer. Viele haben es auf dem digitalen Weg weiter gebracht, als es vorher denkbar war. Wir wollen die Schüler dennoch in der Schule bei uns präsent haben. Für mich ist aber wichtig, den Mehrwert der Digitalisierung zu erkennen und in der Schule effektiv einzusetzen.

Viele Lehrkräfte gelangen im Lauf ihres Berufslebens an einem Punkt, an dem sie nicht mehr können. Wie kann man ihren Burn out verhindern?

Rotter: Das ist eine gute Frage. Wenn wir darauf die Antworten hätten, hätten wir weniger Sorgen. Wir können im Bereich der Lehrergesundheit nur Fortbildungen anbieten. Die gibt es, auch speziell geschulte Lehrkräfte. Aber oft ist es schon zu spät, wenn jemand in dieser Phase zu uns kommt.

"Aktuell steigen unsere Schülerzahlen bayernweit und die Zahl der Lehrkräfte kann nicht Schritt halten"

Wir sind kurz vor der Bundestagswahl. Wenn Sie an die Politik ein Wunschpaket absenden könnten, was wäre da drin?

Rotter: Ich wünsche mir, weiterhin großen Wert auf den Bereich Bildung zu legen und durch passgenaue Maßnahmen die Attraktivität des Lehrerberufes wieder zu steigern. Denn aktuell steigen unsere Schülerzahlen bayernweit und die Zahl der Lehrkräfte kann nicht Schritt halten.

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