Musiker in der Corona-Pandemie

Oberallgäuer Brüder wollen mit Klassik und Folk zurück zu etwas Normalität

Michael Dinnebier

Michael Dinnebier, Stimmführer der zweiten Geigen beim SWR-Symphonieorchester, gestaltet ein Bachkonzert in Sonthofen – zusammen mit Organist Heinrich Liebherr.

Bild: Marcel Durach

Michael Dinnebier, Stimmführer der zweiten Geigen beim SWR-Symphonieorchester, gestaltet ein Bachkonzert in Sonthofen – zusammen mit Organist Heinrich Liebherr.

Bild: Marcel Durach

Michael Dinnebier spielt in Sonthofen ein Bach-Konzert. Bruder Markus bastelt in Rettenberg an einer Irish-Folk-CD. Wie die Geiger die Corona-Zeit erleben.
14.07.2021 | Stand: 15:00 Uhr

Zwei Brüder, zwei Könner auf der Geige, zwei Lebenswege: Michael und Markus Dinnebier. Wie sie die Corona-Pandemie bisher erlebt haben und was sie musikalisch planen:

Die Freude von Michael Dinnebier ist „riesig“, denn im zweiten Anlauf dürfen er und Heinrich Liebherr, Musikdirektor und Organist der Sonthofer Pfarrei St. Michael, den ursprünglich für Ende Juni geplanten Bach-Dialog zwischen Orgel und Violine nun doch spielen. Am Freitag, 16. Juli, findet dieses Konzert um 16 Uhr und um 18.30 Uhr in der Sonthofer Stadtpfarrkirche St. Michael statt.

Normalbetrieb wohl erst in der nächsten Saison

„Wir hoffen, dass damit ein bisschen Normalität zurückkehrt“, sagt der Stimmführer der zweiten Violinen des SWR-Symphonieorchesters, für den das Konzert einer der ersten Auftritte vor Publikum ist. Mit dem Orchester hatte er bisher lediglich ein Konzert vor reduziertem Publikum. Die Wiederaufnahme des Normalbetriebs sei erst wieder in der kommenden Saison geplant, sagt Michael Dinnebier. Seine Tätigkeit als freischaffender Kammermusiker und Solist wird der 52-Jährige wohl auch frühestens im Herbst wieder aufnehmen können.

Die "Katastrophe" Lockdown

Bisher musste er alle geplanten Veranstaltungen absagen. Lediglich ein kurzer Auftritt bei einem Open-Air-Festival war seiner Frau Kirsten Ecke und ihm vergönnt. Daher ist es kaum verwunderlich, dass Michael Dinnebier den Lockdown nicht als kreative Zeit empfunden hat, sondern vielmehr als „Katastrophe“, nach deren Ende er sich sehnte.

Brachliegendes Herzensprojekt

Zwar hat Michael Dinnebier das Glück, dass er durch seine Festanstellung beim SWR nicht existenziell bedroht ist, seine freischaffende Tätigkeit als Kammermusiker und Solist, die den Großteil seiner Arbeit ausmacht, liegt jedoch brach. Darunter auch sein Herzensprojekt, eine Kammermusik-Reihe, die er gemeinsam mit seiner Frau, der Oberstdorfer Harfenistin Kirsten Ecke, in seinem Wohnort Kirchzarten ins Leben gerufen hat. „Das tut weh“, räumt Michael Dinnebier ein.

"Das letzte Rad am Wagen"

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Enttäuscht stellt der 52-Jährige immer wieder fest, dass die Musiker „das letzte Rad am Wagen sind“ und dass die Kultur trotz aller Hygienekonzepte das Letzte sei, was geöffnet werde. Seine Hauptbeschäftigung während des Lockdowns bestand daher in Live-Streaming-Konzerten mit dem Orchester. Diese fanden beim Publikum großen Anklang und erzielten mit einigen tausend Zuhörern beinahe ebenso große Resonanz wie die eigentlich geplanten Konzerte.

Gewöhnungsbedürftige Internetaktionen

Für die Musiker sind sie allerdings gewöhnungsbedürftig. „Musik ist eine Sache des Augenblicks“, erklärt Michael Dinnebier. Den Augenblick präge auch die Resonanz des Publikums. Zudem sei die Geige ein Instrument, das dafür gebaut sei, den Raum zum Klingen zu bringen“, was durch eine Internetübertragung nicht zu vermitteln sei.

Differenzierte Betrachtung

Sein Bruder Markus sieht die momentane Situation „differenziert“. „Natürlich hat jeder Musiker Bock aufzutreten, aber ich möchte mein Ego da hintanstellen“, sagt der 42-Jährige. Als Pflegedienstleiter des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) hat er sowohl Kontakt zu Menschen, die in der Pflege arbeiten, als auch zu solchen, die dem Tod von der Schippe gesprungen sind. Aufgrund dieser Erfahrungen hat der 42-Jährige „viel Verständnis für die Maßnahmen“.

Den Hauptberuf für die Musik reduziert

Seine Musik hat er zwar in den vergangenen Jahren freiberuflich vorangetrieben und dafür die Arbeitszeit in seinem Hauptberuf reduziert, dennoch stellen fehlende Auftritte keine existenzielle Bedrohung für ihn dar. Von den rund fünfundzwanzig Konzerten, die im vergangenen Jahr geplant gewesen waren, musste der Großteil abgesagt werden. Lediglich ein paar kleinere Auftritte waren zwischen den Lockdowns möglich.

Der Motor für die Kreativität

„Ich definiere meine Musik aber nicht nur über die Bühne“, erzählt Markus Dinnebier. Seinen überwiegend leeren Kalender nutzt er, um seine vielen Ideen in die Tat umzusetzen. Sein „geerdeter Beruf“ sei der Motor für sein kreatives Schaffen. Die sieben neuen Lieder, die seit dem ersten Lockdown entstanden sind, hat er bereits in sein überarbeitetes Solo-Programm eingebaut.

Irish-Folk-CD soll noch heuer erscheinen

Gemeinsam mit seinem Arbeitskollegen David Lässig arbeitet Markus Dinnebier an einer Irish-Folk-CD, die dieses Jahr noch erscheinen soll. Da Tontechnik schon immer eine Leidenschaft des 42-Jährigen war, beschäftigt er sich jetzt noch intensiver damit, hat viel in Mikrophon und sonstige Ausstattung investiert, nimmt die Stücke im Homestudio auf, verbringt Wochenenden damit, „wie ein Irrer zu mischen“, damit das Werk spätestens im Herbst im Tonstudio von Kollege Tim Hecking gemastert werden kann.

Konzert: „Bach im Dialog“: Konzert mit Michael Dinnebier und Heinrich Liebherr, Freitag, 16. Juli, 16 Uhr und 18.30 Uhr, Stadtpfarrkirche St. Michael, Sonthofen. Zu hören sind Werke für Violine solo und Orgel. Eintritt frei, Spenden erbeten. Anmeldung erforderlich im Pfarrbüro St. Michael, Telefon 08321/6724710, E-Mail: st.michael.sonthofen@bistum-augsburg.de

Michael Dinnebier im Internet

Markus Dinnebier im Internet:

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