Psychotherapie

Oberstdorfer Dozent rät, wie Krisen zu meistern sind

Walch Sylvester Porträt 2

„Wer den Tod in sein Bewusstsein mit einbezieht, erweitert und bereichert sein Leben“: Dr. Sylvester Walch aus Oberstdorf.

Bild:   Michael Klar/Fotohaus Heimhuber

„Wer den Tod in sein Bewusstsein mit einbezieht, erweitert und bereichert sein Leben“: Dr. Sylvester Walch aus Oberstdorf.

Bild:   Michael Klar/Fotohaus Heimhuber

Dr. Sylvester Walch, Ausbilder für Psychotherapie aus Oberstdorf, erklärt, wie der Gedanke an den Tod das Leben bereichern kann. Wie ein Neustart möglich wird.
05.04.2021 | Stand: 20:32 Uhr

Jesu Tod am Kreuz bezeichnet für die Christen kein Ende, sondern sie verstehen ihn – genährt durch die biblische Botschaft von der Auferstehung – als Durchgang zu einem neuen Leben. Ein ähnliches Bild der Hoffnung nutzt auch Dr. Sylvester Walch, Ausbilder für Psychotherapie, Dozent und Buchautor aus Oberstdorf, wenn es um das Verarbeiten von Krisen geht.

Immer wieder müsse der Mensch in seinem Leben Abschiede verkraften, zerstörte Hoffnungen, unwiederbringliche Verluste. Sie gleichen kleinen Sterbeprozessen, die es zu bewältigen gelte. „Das Sterben im Leben zu lernen, ist etwas sehr Entwicklungsförderndes“, spitzt Walch zu. Es lehre Ballast abzuwerfen, mit Problemen umzugehen und erneuert daraus hervorzugehen.

„Loslassen zu lernen, die vielen kleine Tode zu sterben, ist eine Kunst, die es schon während des Lebens einzuüben gilt“, sagt Walch. Der 70-Jährige, der unter anderem an der Sigmund-Freud-Universität in Wien lehrt, erklärt: „Wer den Tod in sein Bewusstsein mit einbezieht, erweitert und bereichert sein Leben.“

Die Sinnfrage des Lebens

Denn die Frage nach dem Sterben konfrontiere den Menschen mit der Sinnfrage des Lebens. Aus dem Wissen um den Tod wachse das Bedürfnis, herauszufinden, was den Wert des Lebens ausmache. Es werfe Fragen auf wie: Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Existieren wir in irgendeiner Art über den Tod hinaus? Welchen Sinn haben Krisen, schwere Krankheiten oder Katastrophen? Wozu leben wir? „Der gesellschaftliche Umgang mit dem Tod ist jedoch von einer eigenartigen Zwiespältigkeit geprägt“, sagt Walch. Einerseits gebe es kaum Nachrichtensendungen, Filme oder Zeitungsausgaben, in denen nicht gestorben werde. Andererseits falle es schwer, mit Angehörigen über ihren nahen Tod zu sprechen, geschweige denn, sich offen mit der eigenen Sterblichkeit auseinanderzusetzen.

Sylvester Walch hat der Ursache nachgespürt: „Viele Menschen erleben das Faktum ihrer Vergänglichkeit und Verletzbarkeit unbewusst als eine Art narzisstische Kränkung.“ Die Angst vor dem Lebensende sei oft eine Angst vor dem Älterwerden, vor Krankheit und Hilflosigkeit. Dabei werde übersehen, dass sich Leben erst durch seine Zeitlichkeit, die den „faszinierenden Prozess“ von Werden und Vergehen hervorbringe, entfalten kann. Das Bewusstsein der Endlichkeit wecke den Wunsch nach Verwirklichung, nach Veränderung, nach Überschreitung des Bestehenden. „Der Tod ist also nicht der Feind des Lebens“, schließt Sylvester Walch daraus, „sondern sein unverzichtbarer Bezugspunkt, um den herum sich Leben aufbauen und als sinngeleitetes Geschehen organisieren kann.“

Einschränkungen akzeptieren

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Die körperliche Konstitution beginne sich schon in jungen Jahren oft unmerklich abzunutzen. Mit fortschreitendem Alter werden Menschen krankheitsanfälliger, unsicherer und vergesslicher. „Wenn wir diesen Einschränkungen, die sich zwangsläufig einstellen, mit Offenheit, Akzeptanz  und einer Portion Humor begegnen, können wir uns getrost der Wirklichkeit stellen“, sagt Walch. Der enger werdende Zeithorizont im Alter mahne, das anzupacken, was wirklich wichtig erscheine, und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Empirische Studien besagen, dass der Mensch dann ein zufriedenes Leben führen könne, wenn er sich positiven Aspekten des Lebens öffne, wertvolle Ziele verfolge, sich für andere Menschen einsetze, anderen gegenüber positive Gefühle ausdrücken könne. „Wenn ich etwas spüre, das mir gut tut, dann ist es meist etwas, das auch anderen gut tut.“

Das Wagnis des Stirb und Werde

Ein solches Umdenken trete meist nicht von selbst ein, sondern werde in der Regel angestoßen durch Krisen, Krankheiten oder einschneidende Ereignisse. „Es gibt keine Veränderung ohne Krise“, sagt Walch, ohne Loslassen von Altem gebe es kein Einlassen auf Neues: „Erst wenn wir uns mehr und mehr auf das Wagnis des Stirb und Werde einlassen, sind wir imstande, uns von der Fixierung auf unser Ego oder auf Materielles, auf Prestige zu lösen und in unserem höheren Selbst zu verankern.“ Dann werde uns dieses höhere Selbst durch schwierigste Phasen des Lebens tragen.

Um zu erfahren, was dieses höhere Selbst sei, wie es Sylvester Walch nennt, müsse man zur Ruhe kommen und „tief nach innen spüren“. Dazu helfen spezielle meditative Übungen. Ziel sei es, egoistisches Denken zu überwinden: „Wenn wir bereit sind, am Ego zu arbeiten, beginnt ein Prozess des Loslassens und Entdeckens, die innere Wahrnehmung wird intensiver, Fassaden beginnen sich aufzulösen. Ein solcher Perspektivwechsel öffnet den Übergang zu einer umfassenderen Sichtweise und Neuausrichtung des Lebens“, sagt Sylvester Walch.

So sieht er zum Beispiel auch in der Krise der Corona-Pandemie die Möglichkeit, dass es zu Entwicklungsprozessen im Lebensstil der Menschen kommen könne, dass etwa mehr Wert auf Nachhaltigkeit und Wahrhaftigkeit gelegt werde.

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Sylvester Walch im Internet