Klassik-Festival im Allgäu

Oberstdorfer Musiksommer bietet am Fellhorn Kino für die Ohren

Cellist Maximilian Hornung (rechts) spielt mit befreundeten Musikern Streichsextette von Brahms und Tschaikowsy auf dem Fellhorn bei Oberstdorf.

Cellist Maximilian Hornung (rechts) spielt mit befreundeten Musikern Streichsextette von Brahms und Tschaikowsy auf dem Fellhorn bei Oberstdorf.

Bild: Corbinian Kling

Cellist Maximilian Hornung (rechts) spielt mit befreundeten Musikern Streichsextette von Brahms und Tschaikowsy auf dem Fellhorn bei Oberstdorf.

Bild: Corbinian Kling

Cellist Maximilian Hornung und Freunde spielen beim Oberstdorfer Musiksommer Streichsextette von Brahms und Tschaikowsky. Warum der Auftritt so grandios war.
17.08.2021 | Stand: 17:00 Uhr

Den Sound des Streichsextetts darf man als sinnlich bezeichnen. Neben der Geige (wie beim Quartett) sind hier auch die tiefen Instrumente Bratsche und Cello verdoppelt. Dieses Mahagoni-Timbre wurde vor allem von Komponisten der Romantik gern genutzt. Zwei Herzstücke des Repertoires, Sextette von Brahms und Tschaikowsky, waren am Fellhorn zu hören mit einem Ensemble rund um Maximilian Hornung. Dass beide Komponisten sinnliche Erfüllung nie in nachhaltigen Bindungen fanden, ist einerseits tragisch, andererseits aber wohl Grundvoraussetzung, um diese Sehnsucht so intensiv in Musik gießen zu können.

Eine früh gereifte Persönlichkeit

Den Werdegang des Cellisten Hornung konnte man hautnah verfolgen beim Oberstdorfer Musiksommer. Umso höher waren die Erwartungen an diese früh gereifte Persönlichkeit und seine Freunde. Sie wurden mehr als erfüllt. Strömende Klänge rissen die Zuhörer mit.

"Jeder mit jedem"

Johannes Brahms (1833 bis 1897) und Peter Tschaikowski (1840 bis 1893) haben ähnliche Lebensdaten. Doch entstanden diese Sextette in unterschiedlichen Phasen. Das op. 36 von 1865 war eines der Werke, denen Brahms seinen Durchbruch verdankte. Durchsichtig leicht und kontrapunktisch kunstvoll nutzt er die Möglichkeiten der Besetzung. Satte Tutti gibt es nur in kontrollierten, wohlkalkulierten Höhepunkten. Sonst werden nach dem Motto „Jeder mit jedem“ nahezu sämtliche Stimm-Kombination probiert. Kommunikation auf höchstem Niveau, die von Sarah Christian und Thomas Reif (Geigen), Jano Lisboa und Tobias Reifland (Bratsche) sowie Samuel Lutzker und Maximilian Hornung (Cello) sensibel und gleichzeitig vital und spielfreudig umgesetzt wurde.

Das herausgerutschte "Wow"

Dass einer älteren Zuhörerin gleich nach dem Schlussakkord ein kräftiges „Wow“ herausrutscht, sagt alles. Mitreißend und fesselnd, geradezu hypnotisch, wie sich die Sechs hier die Bälle zuwarfen. Das ist umso bemerkenswerter, da es, anders als im Quartett, kein Streichsextett gibt, dessen Mitglieder oft und ständig miteinander musizieren würden. Dazu ist das Repertoire einfach zu schmal. Über die durchsichtig-zarten, schwebenden Momente einerseits und die furiosen Steigerungen dieser Interpretation könnte man viel schreiben. Wir belassen es beim pauschalen Lob: homogener, ja „familiärer“ lässt sich diese komplexe Musik nicht realisieren.

Gewitzte Details

Anschließend ging es in die Vollen. In seinem Spätwerk von 1890 bietet Tschaikowsky üppigen Klangschmelz. Mit Florenz, das im Titel „Souvenir de Florence“ anklingt, hat das Werk nur in soweit zu tun, als Tschaikowsky hier ein zentrales Thema einfiel. Ansonsten ist der Charakter der Musik samtig slawisch. Statt struktureller Spielereien wie Brahms bietet Tschaikowski großes Breitwand-Kino für die Ohren. Natürlich gibt es auch hier gewitzte Details, wenn Motive nacheinander durch alle Stimmen laufen oder etwa im Adagio Gespräche zwischen Geige und Cello stattfinden, auf einem Pizzicato-Teppich der anderen Instrumente. Aber nach solch schlanken Momenten erwacht, ja explodiert bald wieder eine symphonisch überbordende Klanglust, in der alle Stimmen luxuriös verschmelzen.

Dem Alltag enthoben

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Der Oberstdorfer Musiksommer im Internet.

Der Cellist Maximilian Hornung im Internet.

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