Oper am Oberstdorfer Gymnasium

Oberstdorfer Schulprojekt deckt die Gesellschaftskritik in "Carmen" auf

Carmen 2.0

Das Orchester spielt scheinbar, aber es herrscht nur Stille: Das Stück „4’ 33’’“ von John Cage eröffnet „Carmen 2.0“ am Gymnasium Oberstdorf.

Bild:    Dominik Berchtold

Das Orchester spielt scheinbar, aber es herrscht nur Stille: Das Stück „4’ 33’’“ von John Cage eröffnet „Carmen 2.0“ am Gymnasium Oberstdorf.

Bild:    Dominik Berchtold

Oberstdorfer Gymnasiastinnen und Gymnasiasten arbeiten mit „Carmen 2.0“ aktuelle Problemfelder wie Rassismus und sexuelle Gewalt heraus. Wie das gelingt.
20.07.2021 | Stand: 15:00 Uhr

Musiklehrer haben es schwer. Wie lässt sich ein Thema wie die Oper, der das Vorurteil einer überlebten Kunstform oder, schlimmer noch, eines abgehobenen Kunstgeschmacks anhaftet, jungen Menschen vermitteln? Dabei haben die Werke, die seit über 400 Jahren in dieser Gattung entstanden sind, mehr zu bieten als den ein oder anderen Ohrwurm.

Das verdeutlicht das Oberstdorfer Gymnasium mit seinem Projekt „Carmen 2.0“. Eine Oper von 1875 bildet dabei die Grundlage, um über aktuelle Fragen ins Gespräch zu kommen: Wie begegnen wir unseren Mitmenschen? Jenen, die etwas anders aussehen als wir, jenen, die nicht soviel Geld haben, jenen, die andere Lebensziele verfolgen? Versuchen wir, sie zu verstehen, oder versuchen wir, ihnen unsere Vorstellungen vom Leben aufzudrängen oder gar aufzuzwingen.

Wie Letzteres scheitert, davon erzählt Georges Bizets Opéra comique „Carmen“. Der Gattungsbegriff sagt dabei nichts über den Verlauf der Geschichte aus, denn die endet im Falle Carmens tragisch, er charakterisiert die Struktur des Werkes: In sich abgeschlossene Musiknummern werden durch gesprochene Dialoge verbunden.

Das gesprochene Wort rückt auch in „Carmen 2.0“ in den Mittelpunkt, einer vom P-Seminar Musik, Hartmut Faustmann und Thomas Müller neu getexteten Nacherzählung der Geschichte der Oper, die immer wieder Querverweise auf die Gegenwart enthält: Rassismus, Diskriminierung, sexuelle Übergriffe und Gewalt gegen Frauen – bis hin zum Mord.

Solche Querverweise drängen sich auf, denn „Carmen“, der eine Novelle des französischen Schriftstellers Prosper Mérimée zugrundeliegt, schildert realistische Figuren: Eine Frau, die raffiniert Männer um den Finger zu wickeln versteht, und eine andere, die als naives Mädchen nach der großen Liebe sucht. Einen Mann, der vor Selbstwertgefühl nur so strotzt und bei Frauen das kurze Abenteuer sucht, und einen Mann, der dem verführerischen Reiz einer freiheitsliebenden Fremden erliegt, aber ihr seine eigenen, engen Wertvorstellungen aufzwingen will.

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Solche Konstellation bietet viel Zündstoff. Und diesen arbeiten die Schülerinnen und Schüler des Oberstdorfer Gertrud-von-le-Fort-Gymnasiums unter der Anleitung ihrer Lehrkräfte fantasievoll heraus: Sie erzählen nicht nur die Geschichte mit vielen aktuellen und amüsanten Seitenhieben, sie lassen in Interviews auch die Hauptfiguren zu Wort kommen – und sich um Kopf und Kragen reden.

Der großartigen literarischen Leistung steht eine durchaus Respekt einflössende musikalische gegenüber. Die Mitwirkenden haben gut daran getan, weitgehend auf Georges Bizets Originalmusik zu verzichten. Sie ersetzen sie vielmehr durch Stücke, die ihnen passend erscheinen, um die Geschichte zu illustrieren und zu kommentieren.

Das Spektrum reicht dabei von der Rocknummer „Eye of the Tiger“, die mitreißend von einem Quartett mit Cello, Klavier, Schlagwerk und E-Bass vorgetragen wird, bis zur versonnenen Elégie von Gabriel Fauré, die Ramon Bross (Violoncello) und Konstantin Lokinow (Klavier) staunenswert klangschön und ausdrucksvoll interpretieren. Daneben gibt es viele beeindruckende Einzel- und Ensembleleistungen. Und manche, die auch viel Mut abverlangen.

Vor dieser von Thomas Müller geleiteten Aufführung von „Carmen 2.0“, die corona-bedingt vorwiegend als Filmzusammenschnitt von einzelnen Videos, aber auch mit einigen Live-Aktionen präsentiert wird, haben Schüler wie Ramon Bross oder Carmen-Darstellerin Luisa Batscheider die Bedeutung des Abends skizziert: Das Oberstdorfer Gymnasium trage als „Schule ohne Rassismus und Schule mit Courage“ Verantwortung: Das Motto sei „Selbstverpflichtung für Gegenwart und Zukunft“.

Dieser Selbstverpflichtung wird die Schulgemeinschaft mit „Carmen 2.0“ auf fantasievolle Weise gerecht – wie Politiker in Grußworten skizzieren – allen voran in einer Videobotschaft Bayerns Innenminister Joachim Herrmann. Denn der Erlös des Projektes kommt zur Hälfte dem Frauenhaus Kempten zugute, das Opfern häuslicher Gewalt hilft.

Der Film zum Projekt „Carmen 2.0“ ist im Internet zu sehen auf dem YouTube-Kanal „Freunde des Gymnasiums Oberstdorf“.

Die Videobotschaft von Bayerns Innenminister Joachim Herrmann zum Oberstdorfer Projekt "Carmen 2.0".

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