Eine Allgäuerin erzählt

Ohnmächtig vor Schmerzen - so schlimm ist die chronische Krankheit Endometriose

Extreme Unterleibsschmerzen, die Frauen regelrecht von den Beinen nehmen. Das passiert Frauen mit Endometriose, wenn sie ihre Regelblutung haben. Eine Oberallgäuerin beschreibt ihren Leidensweg und möchte eine Selbsthilfegruppe gründen.

Extreme Unterleibsschmerzen, die Frauen regelrecht von den Beinen nehmen. Das passiert Frauen mit Endometriose, wenn sie ihre Regelblutung haben. Eine Oberallgäuerin beschreibt ihren Leidensweg und möchte eine Selbsthilfegruppe gründen.

Bild: Dominik Berchtold

Extreme Unterleibsschmerzen, die Frauen regelrecht von den Beinen nehmen. Das passiert Frauen mit Endometriose, wenn sie ihre Regelblutung haben. Eine Oberallgäuerin beschreibt ihren Leidensweg und möchte eine Selbsthilfegruppe gründen.

Bild: Dominik Berchtold

Nicht nur Schmerzen während der Periode: Viele Frauen können wegen Endometriose kein normales Leben führen. Eine Allgäuerin erzählt von ihren Erfahrungen.

18.08.2020 | Stand: 09:29 Uhr

Es ist ein intimes Thema. Kein Wunder, dass sich Anna (Name von der Redaktion geändert) nicht der Öffentlichkeit stellt. Aber ihre Geschichte möchte sie erzählen – um Gleichgesinnte zu erreichen. Es ist eine Geschichte von starken Unterleibsschmerzen. Die können so extrem sein, dass die 24-Jährige ohnmächtig wird. Das ist ihr schon passiert. Und das kennt sie auch von Leidensgenossinnen. Aber es hat zehn Jahre gedauert, bis Anna einen Arzt fand, der ihr bestätigte, dass sie nicht wehleidig ist, wenn sie ihre „Tage“ hat, sondern chronisch krank. Die Oberallgäuerin leidet unter Endometriose.

Endometriose ist nicht heilbar

Heilbar ist Endometriose nicht. So lange Anna ihre Regelblutung hat, so lange werden sie extreme Schmerzen begleiten. Linderung schaffen Schmerztabletten. Manche Frauen greifen zu Hormonen, beispielsweise zur „Pille“. Das wurde ihr vor Jahren auch empfohlen. „Aber das hab ich nicht vertragen“, sagt die junge Frau, die sich von Frauenarzt zu Frauenarzt schleppte. Niemand habe ihr die Ursachen ihrer extremen Schmerzen – übrigens auch bei der gynäkologischen Untersuchung – erklären können.

Schließlich landete sie im Endometriosezentrum am Klinikum Allgäu und fand Hilfe. „Ich war so erleichtert. Endlich ein normales Gespräch bei einem Arzt, der sich Zeit genommen hat.“ Dr. Balint Balogh stellte die Diagnose Andenomyose, eine Form der Endometriose, die sich nicht operieren lässt. Balogh sagt: „Endometriose entsteht durch Gebärmutter-Schleimhautzellen, die die Bauchhöhle besiedeln und dort eine Entzündung auslösen.“ Das führe ebenfalls zu Schmerzen beim Geschlechtsverkehr. Anna erzählt auch von starker Müdigkeit, von einem großen Schlafbedürfnis und einer hohen Infektanfälligkeit während der Regelblutung.

„Ich schlafe zwei Tage durch“

„Wenn ich meine Periode bekommen, schlafe ich erst einmal zwei Tage durch.“ An Arbeiten ist dann nicht zu denken, sagt die Produktentwicklerin. Das führte regelmäßig zu Fehltagen. Aber die Hemmschwelle, den Chef über ihre chronische Erkrankung zu informieren, sei riesig gewesen. „Ich hatte furchtbare Angst, wurde dann aber überrascht: Mein Chef war sehr verständnisvoll.“

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„Für mich wurde ein Laptop bestellt, damit ich an manchen Tagen von zu Hause arbeiten kann.“ Ein Attest des Arztes reichte sie in der Personalabteilung ein. Jetzt, während der Corona-Pandemie, arbeite sie ausschließlich von zu Hause aus. „Für mich ist das ideal.“ Denn ob bei geschäftlichen Besprechungen oder während längerer Autofahrten: „Ich hatte oft das Gefühl, ich laufe aus.“ Die Regelblutung sei nicht nur schmerzhaft, sondern dazu sehr stark.

Die Endometriose-Vereinigung Deutschland geht davon aus, dass zehn bis 15 Prozent aller Frauen zwischen Pubertät und Wechseljahren unter Endometriose leiden. Trotz der hohen Verbreitung und der gravierenden Auswirkungen werde die Erkrankung gesellschaftlich wenig wahrgenommen.

Anna hat auch den Eindruck, dass die Krankheit schlecht erforscht ist. Sie selbst ernährt sich nun fleischlos und isst keine Mehlprodukte, um die Entzündung im Körper nicht anzuheizen. Ihr Ziel ist nun, eine Selbsthilfegruppe für Frauen zu gründen, die ähnliche Probleme haben wie sie selbst. Dr. Balogh findet das gut: „Sich gegenseitig unterstützen und austauschen ist ein wesentlicher Bestandteil der Behandlung.“

Email-Adresse für alle, die sich mit Gleichgesinnten treffen wollen: endoaustausch-allgaeu@gmx.de

 

Was genau steckt hinter Endometriose?  Das erklärt Dr. Balint Balogh im Interview

Das Endometriosezentrum des Klinikverbunds Allgäu bietet in Kempten und Immenstadt Sprechstunden und Operationen an. Das Zentrum wurde 2019 durch die Europäische Endometriose Liga und die Stiftung Endometriose-Forschung zertifiziert. Dr. Balint Balogh ist seit Januar Leiter des Zentrums.

Dr. Balogh, was ist denn Endometriose genau?

Dr. Balogh: Endometriose ist eine gutartige Krankheit, die mit starken Unterleibsschmerzen, Perioden-bedingten Schmerzen und öfters mit unerfülltem Kinderwunsch einhergeht. Die Krankheit entsteht durch Gebärmutter-Schleimhautzellen, die die Bauchhöhle besiedeln und dort eine starke, sterile Entzündung auslösen. Wir vermuten, dass diese Zellen aus der Gebärmutterhöhle mittels einer retrograden (durch die Eileiter Richtung Bauchhöhle verlaufenden) Menstruation ins kleine Becken (Unterleib) gelangen und sich dort einnisten können.

Viele Frauen denken sich ja, Unterleibsschmerzen bei der Periode sind ganz normal. Wann sollte man aber zum Frauenarzt?

Dr. Balogh: Aus meiner Sicht spätestens dann, wenn die Beschwerden eine normale Lebensführung nicht mehr ermöglichen (die Patientin muss öfters krankgeschrieben werden unter der Periode, verzichtet regelmäßig auf Geschlechtsverkehr wegen der Schmerzen, usw.) oder wenn der Kinderwunsch sich mehr als ein Jahr nicht erfüllt. Jedoch kann ein Besuch beim Frauenarzt im Einzelfall auch ohne Vorhandensein dieser Problemen sinnvoll sein, zum Beispiel, wenn Blutungen aus der Blase oder dem Darm auftreten, die sich nicht erklären lassen.

Bei wie vielen Frauen in Kempten und dem Oberallgäu wird Endometriose diagnostiziert?

Dr. Balogh: Wir beraten, untersuchen, operieren und behandeln (mittels Medikamenten oder im Kinderwunschzentrum) zwischen 120 und 200 Patientinnen im Jahr.

Wie sieht eine mögliche Behandlung aus?

Dr. Balogh: Eine erfolgreiche Behandlung muss individualisiert auf die Patientinnen zugeschnitten werden. Es gibt Möglichkeiten für konservative Behandlung mit Pille, Vaginalring, Hormonspirale, Injektionen – oder ohne Hormone, beispielsweise Schmerzmittel, Entspannungstechniken, Diät oder Rehabilitation. Manchmal ist eine Operation erforderlich. Diese kann in aller Regel mittels Bauchspiegelung durchgeführt werden.

Wann wird operiert?

Dr. Balogh: Es wird grundsätzlich in drei Situationen operiert: Wenn eine Patientin unerfüllten Kinderwunsch wegen einer Endometriose hat, Endometriosezysten hat oder außergewöhnliche Schmerzen. Operiert wird auch, falls sich kein Hinweis auf Endometriose zeigt, aber ein hoher Leidensdruck und Abklärungsbedarf seitens der Patientin besteht.

Können Frauen mit Endometriose Kinder bekommen?

Dr. Balogh: Ja, sie müssen nur darauf achten, wenn sie merken, dass es nicht auf dem natürlichen Weg klappt, sich rechtzeitig in einem Kinderwunschzentrum/Endometriosezentrum vorzustellen. Das nächste Zentrum ist im Klinikverbund. In den meisten Fällen kann man ihnen helfen.

Hören die Probleme in der Regel mit den Wechseljahren auf?

Dr. Balogh: Nach den Wechseljahren fällt die Hormonproduktion ab und die Endometrioseherde bekommen kein Stimulus mehr, sie verschwinden oder trocknen aus und damit hören die Beschwerden auf. In den wenigen Fällen, wo es nicht, oder nicht komplett passiert, muss man alternative Diagnosen mitberücksichtigen (z.B. Fibromyalgie), die für die Schmerzen (mit)-verantwortlich sein könnten.