Theater im Hofgarten

Packendes Drama bringt starke Frauen auf Immenstädter Bühne

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Leidenschaftliche Darstellungskunst: Anja Klawun als Titelheldin Marie in der Bühnenproduktion „Die Wanderhure“ der „Theaterlust München“.

Bild: Hermann Posch

Leidenschaftliche Darstellungskunst: Anja Klawun als Titelheldin Marie in der Bühnenproduktion „Die Wanderhure“ der „Theaterlust München“.

Bild: Hermann Posch

Mit temporeicher Inszenierung und grandiosem Ensemble sorgt „Die Wanderhure“ für einen bewegenden Theater-Neustart in Immenstadt. Was am Spiel fasziniert.
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Von Rosemarie Schwesinger
02.06.2021 | Stand: 17:00 Uhr

Endlich! Wir haben Euch so vermisst, Ihr zahlreichen wunderbaren Akteure auf und hinter den Bühnen der Welt! Da nehmen wir doch gerne das ganze (dem verflixten Virus geschuldete) Prozedere wie Abstand, Masken, Impf- oder Test-Nachweis in Kauf. Wenn’s nur wieder losgeht mit dem Theater!

Und dann gleich solch furioser Auftakt. Nach mehrfachen Verschiebungen gelangte das Schauspiel „Die Wanderhure“ in der preisgekrönten Thomas-Luft-Inszenierung der Münchner „Theaterlust“ im Immenstädter Hofgarten zur Aufführung. Dass diese Bühnen-Adaption des Iny-Lorentz-Romans eine ganz besondere werden sollte, zeigte sich gleich an dem faszinierenden ungewöhnlichen Bühnenbild (Erwin Kloker, Eva Lüps). Vor schwarzem Hintergrund fügen sich lauter große Metallrohre zu Rahmenquadern, die – im weiteren Verlauf – ineinander geschoben, aufgerichtet, quergelegt, gestapelt ... in atemberaubenden Tempo zu Gebäuden, Tischen, Kerkern, Scheiterhaufen ... wurden.

"Die Wanderhure": Hochzeitstafel abserviert

Das Stück spielt in der Zeit des Konstanzer Konzils 1414 bis 1418. Ein gesellschaftlicher Wandel deutete sich an, das Bürgertum war zu Reichtum und damit neuem Selbstbewusstsein gelangt. Hier lebt Marie, Tochter eines reichen Tuchhändlers, die den Wirtssohn Michel liebt und mit ihm fortgehen könnte aus Konstanz. Aber der Vater hat andere Pläne. Sie soll die Gemahlin von Ruppertus Splendidus, dem niederträchtigen Adoptiv-Sohn des Reichsgrafen von Keilburg werden. Niemals! Marie weist den ungeliebten Verlobten entschlossen ab – und die bereits üppig gedeckte Hochzeitstafel wird ebenfalls abserviert.

Dass sie und ihr Vater jedoch Opfer einer perfiden Intrige sind, ahnt niemand. Denn plötzlich wird die untadelige Marie der Hurerei bezichtigt, wofür sich schnell devote Gestalten als Zeuge ankaufen ließen. Marie wird eingekerkert und vergewaltigt, sie kommt vors Kirchengericht, beteuert ihre Unschuld, aber hat keine Chance. Ihr Vater, der sie schützen will, wird ermordet, Marie am Schandpfahl fast totgeschlagen und aus der Stadt verbannt.

Ungeheuer temporeich

Ungeheuer temporeich und spannungsgeladen wurde dieses intrigante und brutale (mittelalterliche) Geschehen um die überwältigend agierende Anja Klawun in der Titelrolle von einem großen spielfreudigen Ensemble umgesetzt. Acht Interpreten schlüpfen in mehr als zwanzig unterschiedliche Rollen (Richter und Mönch, Bastard und König, Graf und Söldner, Magd, Hure, Edelfrau, Kardinal und Reformator ...) Mit teilweise akrobatischer Geschmeidigkeit kletterten, sprangen und tanzten sie durch ein ständig bewegtes Alugestänge-Gehäuse. Ausgefeilte Choreografie, Livemusik und Lichtdesign brachten atmosphärische Dichte und gleichzeitig emotionale Lockerung in die fast unerträglichen, dramatischen Ereignisse.

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Im zweiten Akt wendet sich das Blatt: Marie wird von einer Gruppe Wanderhuren aufgenommen und mit dem notwendigen Wissen der Zunft (wie dem Umgang mit dem Dolch, um gewalttätige Freier zu töten) vertraut gemacht. Sie erfährt um die Macht der Prostituierten und wird selbst zur Hure, um Ra-che zu üben und ihre Ehre wieder zu erlangen. Marie setzt ihre Schönheit, ihren Mut und ihre Intelligenz ein, gelangt mit Hilfe einer weiteren starken Frau, Mechthild von Arnstein, in den Besitz wichtiger Dokumente sowie ihres Erbes und Ansehens – und siegt über Verräter und die Allmacht der Obrigkeit.

Bis an die Schmerzgrenze

Welch ein leidenschaftliches Theaterstück und welch eine unglaubliche Titel-Heldin! Anja Klawun ist diese Marie, die bis an die Schmerzgrenze tobt, rebelliert, lacht und weint, leidet und mit ungebrochenem Stolz ihr Recht zurückfordert. Und welch ein grandioses Ensemble, das in sämtlichen Rollen gleichermaßen überzeugt.

Nach kurzem Atemholen – tosender Beifall im Saal. 240 Zuschauer hatten sich angemeldet, erklärt Hartmut Happel, Geschäftsführer der diesen Theaterabend veranstaltenden Kulturgemeinschaft Oberallgäu: „Ein paar Plätze blieben dann aber leer.“

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