Oberallgäu/Kempten

Reklamieren und protestieren

Fußball In der Bundesliga wird seit der Rückrunde härter durchgegriffen. Was die Linie mit Schiedsrichtern im Allgäu zu tun hat

08.06.2020 | Stand: 14:31 Uhr

Seit Beginn der Bundesliga-Rückrunde gehen die Schiedsrichter gegen das ständige Reklamieren, Schimpfen und Protestieren der Spieler sowie gegen weitere Unsportlichkeiten deutlich strikter vor – auch um entsprechende Entwicklungen in unteren Ligen zu bekämpfen. In der Folge kam es zu einer Flut an Gelben Karten. „Gewalt, eine allgemeine Verrohung und ein zunehmend respektloser Umgang sind kein fußballspezifisches, sondern ein gesamtgesellschaftliches Problem“, sagte Ronny Zimmermann, Vizepräsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) jüngst. Allerdings seien die Protagonisten der Bundesliga Vorbilder für Millionen Fußballer sowie Fans in ganz Deutschland.

Diesen unschönen Trend nur an der gesellschaftlichen Entwicklung festzumachen, sei zu einfach, findet Kevin Mitchell, Chef der Allgäuer Schiedsrichter aus Rettenberg. „Das liegt vielmehr an der Art und Weise, wie man dem Fußball als Produkt in den vergangenen Jahren alles untergeordnet hat“, meint er weiter. Wenn ein respektvoller und empathischer Umgang aller Beteiligten an der Spitze vorgelebt werde, helfe das der Gesamtsituation. „Denn Emotionen und Respektlosigkeit sind zwei Paar Stiefel“, sagt Mitchell.

In Bayern und damit auch in Kempten und Umgebung verfolge man diese deutlich strengere Linie in den unteren Klassen schon seit Beginn der Saison im Sommer 2019. Es war eine Art Pilotprojekt. Und die Erfahrungen sind durchweg positiv. Mitchell berichtet: „Ich kann das nur befürworten. Zwei Spieltage lang hat es zwar ordentlich gerappelt, aber seitdem passieren so überflüssige Dinge wie Ballwegschlagen oder Meckern fast nicht mehr.“ Auf den Allgäuer Fußballplätzen herrsche im Großen und Ganzen aber ohnehin ein „ordentlicher Umgangston“. Schiedsrichter, die keine Lust mehr auf ihren Job an der Pfeife haben, gebe es kaum.

Lars Geipel, deutscher Spitzenschiedsrichter im Handball, hatte zuletzt in der Debatte über mangelnden Respekt gegenüber Referees auch im Fußball die Einführung von Zeitstrafen angeregt – so wie es sie für Nachwuchskicker sowieso schon gibt. Das, sagt Mitchell, habe man früher auch im Herrenbereich schon versucht.

Er schlägt andere Maßnahmen vor. Zum Beispiel eine Sperre nach der fünften Gelben oder einer Gelb-Roten Karte auch in den unteren Spielklassen. Das werde in Baden-Württemberg bereits praktiziert. „Denn je später man im Spielverlauf eine Gelbe Karte zeigt, desto weniger Wirkung hat sie“, meint der Schiedsrichter-Obmann.