Sport im Wandel

Revolution der Traditionen - Wie sich der Schießsport über die Jahrzehnte verändert hat

Schützen Odorf

Tradition, die verbindet: In Holzschuhen und Tracht mit Hüten und dem Gewehr auf der Schulter präsentiert sich der Schützenverein Oberstdorf auf diesem Foto von 1906 zur Fahnenweihe.

Bild: Schützenverein Oberstdorf

Tradition, die verbindet: In Holzschuhen und Tracht mit Hüten und dem Gewehr auf der Schulter präsentiert sich der Schützenverein Oberstdorf auf diesem Foto von 1906 zur Fahnenweihe.

Bild: Schützenverein Oberstdorf

Technische Neuerungen haben den Schießsport filigraner und für die Jugend attraktiver gemacht. Warum Rituale und das Gesellige nach wie vor wichtig sind.
15.04.2021 | Stand: 18:15 Uhr

„Die Zeit ist moderner geworden. Und mit ihr das Schießen“, resümiert Gauschützenmeister Manfred Schneider, wenn er auf die Entwicklung des Schießsports blickt. Eben diese Entwicklung unterstreicht der Schützenmeister des Schützenvereins Altstädten 1892, Ralf Böllmann, mit einem Bild: „Früher sind die Schützen mit Holzschuhen, einem gestrickten Kittel und dem Gewehr auf dem Buckel gekommen, heute haben sie ein Hightech-Equipment, das an Astronauten erinnert“, sagt der 50-Jährige und ergänzt: „Und während früher ein Auto gereicht hat, um zu Wettkämpfen zu fahren, benötigt man heute einen Transporter.“

Erinnerungen an das Schießen in der Nachkriegszeit

Manfred Schneider sind sogar noch Erinnerungen an die Nachkriegszeit präsent, als Waffen verboten waren und man sich in den Schützenvereinen anfänglich ein Gewehr geteilt hat. Er selbst ist allerdings erst 1978 durch Zufall zum Schießen gekommen. Als ein Nachbar beinahe tagtäglich mit einem langen Sack auf dem Rücken wegging, ist der damals 28-Jährige neugierig geworden. Der Nachbar – das Luftgewehr im Sack – nahm Manfred Schneider mit; nach einer Einweisung vor Ort testete der Oberallgäuer erstmals die Sportart. Dabei war er von Beginn an so fasziniert von der „Konzentration“, die das Schießen erfordert, dass er seinem Sport nun seit über vier Jahrzehnten die Treue hält.

Der Reiz liegt für den 70-Jährigen zudem an der Erhaltung der Tradition und der Gemeinschaft, die in den Schützenvereinen hochgehalten wird. Seine Ziele waren zwar „ergebnisorientiert“, allerdings konzentrierten sie sich auf das vereinsinterne Kräftemessen. „Bei Vereinsmeisterschaften wollte ich vorne dabei sein und den Pokal bekommen“, erinnert er sich. Beim Rundenschießen gab es für die besten Schützen die verlockende Möglichkeit, in höhere Klassen aufzusteigen, was den Ehrgeiz zusätzlich anstachelte. Mit den Jahren reizte Schneider zudem die Arbeit mit der Jugend und die verantwortungsvolle erzieherische Arbeit, die in Vereinen geleistet wird.

Modernes Schießen, bei der Jugend beliebt: Antonia Thoma gehört zur „jungen Garde“ bei der SG Wertach.
Modernes Schießen, bei der Jugend beliebt: Antonia Thoma gehört zur „jungen Garde“ bei der SG Wertach.
Bild: Dominik Berchtold

Körperlich benötigt ein Schütze seit jeher Ausdauer und eine „trainierte körperliche Struktur“. Außerdem betont Schneider, dass das Schießen Kopfsache sei und nur mit entsprechender Konzentrationsfähigkeit ausgeführt werden kann. In dem „technisch anspruchsvollen“ Sport wurde mit den Jahren immer mehr Wert auf die Kondition gelegt, während in der Nachkriegszeit das Hauptaugenmerk auf Tradition und Gesellschaft gerichtet war.

Erstmals Luftgewehre ab 1950er Jahre

Anfang der 1950er Jahre kamen die ersten Luftgewehre auf, die bis 1980 die verbreiteten Sportgeräte blieben. Erst dann kamen Luftpistolen hinzu. Im Gegensatz zu den modernen Sportgeräten von heute hatten die Gewehre früher Holzschäfte. Dabei ist vor allem die Art und Weise, wie früher mit viel körperlicher Kraftanstrengung der Kolben gespannt und Druck erzeugt werden musste, mit der heutigen Situation „nicht vergleichbar“, betont Schneider.

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Auch Ralf Böllmann bestätigt, dass das Schießen früher „eine körperliche Herausforderung“ war und nun „viel funktioneller“ geworden ist. „Das hat den Sport nach vorne gebracht“, betont der 50-Jährige. Durch den Wegfall des überdurchschnittlichen Kraftaufwandes ist das Schießen „leichter und schneller“ geworden. Die Tatsache, dass statt auf Papierscheiben heute auf elektronische Stände geschossen wird, hat das Zählen zudem enorm vereinfacht. Während Handschuhe unterstützend auf die Gewehrhaltung einwirken und einen präziseren Schuss ermöglichen, verleiht der Anzug durch einen stabileren Stand mehr Feinschliff. Mit dem eigenen Metermaß ermitteln die Sportler vorab den richtigen Stand.

Mobiles Schießen in der Turnhalle

Kein Wunder also, dass Manfred Schneider zu dem Schluss kommt, dass nicht nur die Technik, sondern auch die Schützen „filigraner“ geworden sind. Auch bei den Räumlichkeiten brachte die Zeit gravierende Erleichterungen. Schneider erinnert sich an Zeiten, in denen das Geld für Schützenheime gefehlt hat. Damals wurden in Wirtschaften und Turnhallen in Gemeinschaftsarbeit je nach Bedarf die Schießstände aufgebaut und nach Wettkämpfen wieder abgebaut. Was sich bis heute nicht geändert hat, sei der sehr hohe Sicherheitsanspruch. Geschossen werden darf nur in Anwesenheit einer ausgebildeten Schieß- oder Standaufsicht.

Was das Training anbelangt, habe sich zwar die Methodik entsprechend der Weiterentwicklung der wissenschaftlichen Erkenntnisse verändert, dennoch hat jeder Trainer seinen eigenen Stil, den er auf seine Schützlinge überträgt. Diese sind mit der Zeit jedoch jünger geworden. Bis 1980 „haben die alten Recken den Sport geprägt und das Schießen galt als Alt-Herren-Sport“, erzählt Schneider. Anfangs war die Altersgrenze für den Einstieg in den Sport zwölf Jahre, seit dem Aufkommen der Lichtgewehrtechnik dürfen schon Zehnjährige zum Schießen.

„Für uns war diese Entwicklung enorm wichtig, da sie uns hilft, Jugendliche zu gewinnen“, erklärt Ralf Böllmann, der in seinem Heimatclub als lizenzierter Trainer tätig ist. Gerade im Nachwuchsbereich erschwert die Corona-Pandemie die Situation der Schützen. Böllmann hält Abgänge zwar für „unwahrscheinlich“, weil die Schützen eine enge „gesellschaftliche Bindung“ zum Verein haben. Doch was Neuzugänge und vor allem das Anwerben von Nachwuchs angeht, sieht er die Situation kritischer: „Ob wir die Jugendlichen wieder vom Sofa bringen, ist schwer abzuschätzen.“