Literaturhaus Allgäu

Romanautor wirft in Immenstadt einen unverklärten Blick auf das Agentenleben

brauns(c)Jan Konitzki

Einblick in die Welt der Spione: Dirk Brauns, geboren 1968 in Ost-Berlin, liest aus seinem Roman „Die Unscheinbaren“ im Literaturhaus Allgäu.

Bild: Jan Konitzki

Einblick in die Welt der Spione: Dirk Brauns, geboren 1968 in Ost-Berlin, liest aus seinem Roman „Die Unscheinbaren“ im Literaturhaus Allgäu.

Bild: Jan Konitzki

Dirk Brauns liest in Immenstadt aus seinem Roman „Die Unscheinbaren“. Er schildert, welche toxischen Wirkungen die Arbeit als Spion auf das private Umfeld hat.
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Von Veronika Krull
15.09.2021 | Stand: 15:00 Uhr

Martin Schmidt ist 18 Jahre alt, als seine Eltern wegen Spionage von der Stasi verhaftet werden. Wie er mit diesem Trauma umgeht, schildert der Schriftsteller Dirk Brauns in seinem neuen Roman „Die Unscheinbaren“. Er greift damit ein ähnliches Ereignis in seiner Familie auf: Seine Großeltern wurden 1965 in Ost-Berlin als Agenten des Bundesnachrichtendienstes verhaftet. Ihr noch sehr junger Sohn, Vater von Dirk Brauns, musste von heute auf morgen Verantwortung für seine andere Großmutter und den jüngeren Bruder übernehmen. Am kommenden Donnerstag liest Dirk Brauns aus seinem Buch im Literaturhaus Allgäu. Mit dem Schriftsteller, der 1968 in Ost-Berlin geboren wurde, sprach Veronika Krull.

Die Anregung zu dem Roman entstammt Ihrer Familiengeschichte. Könnten Sie uns den Anlass kurz skizzieren?

Dirk Brauns: Es gab keinen unmittelbaren Anlass, sondern eher den über Jahre gewachsenen Wunsch, dieses Drama in allen Facetten zu erkunden. Ich wollte unseren fast erwachsenen Töchtern eine Art Erklärung in die Hand geben, weshalb wir in dieser Familie so sind, wie wir sind. Dabei ist Literatur entstanden, also eine Fiktion. Eine bloße Dokumentation hätte mich, ehrlich gesagt, gelangweilt. Die realen Bestandteile dieser Geschichte – Spionage, Verhaftung, Schauprozess und Gefängnis während des Kalten Krieges – müssen wahrlich nicht ausgeschmückt werden. Aber nur Literatur erlaubt diese Erweiterung, dieses unerbittliche und auch schöne Schauen hinter die Kulissen. Wenn ich allerdings einen Anlass für den Roman benennen müsste, ein Ereignis, dessen Erforschung mich lange vor dem Beginn des Schreibens in den Bann gezogen hat, dann wäre es der Tod meines Onkels. Er war Tierarzt und Doppelagent wie meine in der Nähe von München lebende Hauptfigur Martin Schmidt und starb 1999 unter ungeklärten Umständen in einem Baggersee.

Welche Quellen waren Ihnen zugänglich?

Brauns: Am wichtigsten waren die Gespräche mit meinem Vater. Er führte mich zu seinem Elternhaus in Berlin-Blankenburg und schilderte mir sein Leben als Sohn westlicher Agenten im Ostberlin der 50er und 60er Jahre. Um die Spionagetätigkeit meiner Großeltern aufzuklären, erlaubte mir der Bundesnachrichtendienst freundlicherweise, Archivmaterial einzusehen. Auch in der Stasi-Unterlagen-Behörde in Berlin konnte ich recherchieren und den spannenden Fall so aus Ost- und West-Perspektive durchleuchten.

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Wie intensiv haben Sie sich mit Ihrem Vater ausgetauscht?

Brauns: Das waren aufregende Monate. Unsere Gespräche und Ortsbegehungen hatten, würde ich behaupten, auch einen therapeutischen Effekt. Diese wahnwitzige Reise hinein ins Trauma meines Vaters hat uns beiden geholfen, einander besser zu verstehen. Mein Vater und auch meine Mutter waren die Ersten, die die Rohfassung gelesen haben. An ihnen vorbei hätte ich den Roman nicht publizieren können. Inspirierend war auch die Zeit nach der Veröffentlichung, als mein Vater und ich gemeinsam zu Veranstaltungen eingeladen wurden. Ihn neben mir auf dem Podium zu erleben, so souverän und doch verletzlich, hat mich mit Stolz erfüllt.

Haben Sie ein politisches Buch geschrieben?

Brauns: Eher nicht. Ich schildere einen Spionagefall, seine sich bis ins Private fressenden Lügen und Vertrauensbrüche, und die Auswirkungen über Generationen. Es ist ein Gegenwarts-Roman mit zeithistorischem Bezug, so wie ich ihn selbst gern lese. Was andere darin sehen, kann ich kaum beeinflussen. Auch der Bundesnachrichtendienst hatte meinen Vater und mich in die Zentrale in Berlin eingeladen. In dem riesigen, streng abgeschotteten Olymp der deutschen Spionage aus „Die Unscheinbaren“ zu lesen, war schon speziell. Vor hunderten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern diskutierten wir dort vor allem über psychologische Risiken dieser Arbeit. Geheimdiensttätigkeit wird in Filmen oder Büchern des Genres oft entsetzlich verklärt. Welch toxisches, das Familienleben belastendes Gewerbe es für die Beteiligten aber darstellt, auch das wollte ich mit diesem etwas anderen Spionageroman erzählen. Dessen Handlung pendelt übrigens zwischen Berlin und einem Dorf in Oberbayern.

Wie hat Ihre Familie auf den Roman reagiert?

Brauns: Durchweg positiv. Mein Vater hat mit Recht immer betont, dass meine Interpretation und Gestaltung nicht seiner Geschichte entsprechen. Aus dieser Distanz heraus konnte er das Buch gut annehmen.

Sie sind in der ehemaligen DDR geboren und aufgewachsen. Was hat Sie in dieser Zeit besonders geprägt?

Brauns: Ich weiß nicht, ob es da eine spezielle DDR-Prägung gibt – etwas, das in meinem Alltag hier und heute noch eine tragende Rolle spielt. Für mein Schreiben ist der Glaube an die Literatur essenziell geblieben. Als Jugendlicher bin ich nie ohne eine absurd schwere Tasche voller Bücher aus dem Haus gegangen. Man konnte nie wissen, welche Gelegenheiten zum Lesen sich ergeben! Auch wenn sich die Zeiten geändert haben und ich mittlerweile in der Nähe von Fürstenfeldbruck lebe, die Faszination für Geschichten und Menschen treibt mich weiter an.

Lesung: Dirk Brauns liest am Donnerstag, 16. September, um 19.30 Uhr im „Literaturhaus Allgäu“ in Immenstadt. Karten gibt es nur bei der Marketingabteilung der Stadt Immenstadt, Telefon 08323/9988501, oder per E-Mail

literaturhaus@immenstadt.de

Die Karten werden am Veranstaltungsabend abgeholt und bezahlt.

Dirk Brauns und "Die Unscheinbaren" im Internet.

Das weitere Programm des Literaturhaus Allgäu in Immenstadt.

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