Meinung

Schönes Allgäu, volles Allgäu: Vom ewigen Konflikt zwischen Fußgängern, Radlern und Autofahrern

Auf den Wanderwegen in den Bergen wird es manchmal eng. Das führt zu Konflikten: Auch Radler und Autofahrer sind sich nicht immer grün.

Auf den Wanderwegen in den Bergen wird es manchmal eng. Das führt zu Konflikten: Auch Radler und Autofahrer sind sich nicht immer grün.

Bild: Günter Jansen

Auf den Wanderwegen in den Bergen wird es manchmal eng. Das führt zu Konflikten: Auch Radler und Autofahrer sind sich nicht immer grün.

Bild: Günter Jansen

Rücksicht unter Fußgängern, Radlern und Autofahrern ist nur ein Teil der Lösung. Verkehrsplaner und Politiker müssen auch umdenken, findet unser Autor.

29.08.2020 | Stand: 05:21 Uhr

Verständnis? Rücksicht? Respekt? Solche Begriffe sind schnell Fehlanzeige, wenn’s ums eigene Vorankommen geht. Ob zu Fuß, per Rad oder Auto und ob auf der Straße oder am Berg – jeder ist jedem im Weg. Stellen Sie sich einmal vor, Sie begegnen ihrem zweiten Ich. Also: Sie sitzen im Auto und treffen sich, wie Sie zugleich Fahrrad fahren. Frage ist nicht, ob das möglich ist. Frage ist, wer von Ihnen bremst? Ihre radelnde oder Ihre autofahrende Version?

Es kann eine Erkenntnis sein, dass Sie sich selbst nicht auf einem anderen Verkehrsmittel begegnen möchten. Radler weichen nicht aus und drängeln. Autofahrer sind stur, ohne Ahnung von Verkehrsregeln. Fußgänger sind unberechenbar und immer im Weg. Von Motorrädern ganz zu schweigen. Die Probleme gleichen sich.

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Pflegeleichte Vorurteile

Letztlich ist es eine Frage der Sichtweise; Vorurteile lassen sich pflegen. Ein Auto missachtet die Vorfahrt. Klar, das war eine Luxuskarosse. Oder ein PS-starker Sportwagen. Oder der Fahrer war tatterig. Oder jung.

Ähnlich auf dem Berg: Manche wandern quer durch Schutzgebiete. Zugleich schimpfen Wanderer je nach Strecke über Mountainbiker auf schmalen Pfaden oder rasante Rennradler auf der Mautstraße. Radler sind sich mit und ohne Akku nicht grün. Außer es handelt sich um Paare, bei denen einer mit und einer ohne Strom fährt – weil sie sonst die Tour nicht zusammen unternehmen könnten.

Bund Naturschutz nutzt Radler-Hickhack

Das Radler-Hickhack nutzt der Bund Naturschutz, indem er zur Freude der einen Gruppe gegen die andere zu Felde zieht. Dabei erleichterte Technik schon früher die Bergfahrt. „Carbon statt Kondition“ frotzelte man, wenn andere auf superleichte Räder umstiegen.

Die Alpwirtschaft macht den Ärger nicht am Elektro-Hilfsmotor fest. Der hat nur ein bestehendes Problem verschärft: Es ist zu viel los. Auch heutiger Radler-Ärger wäre kaum ein Thema, würden sich alle vernünftig benehmen und nicht durch Wald und Wiese pflügen.

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Wozu überhaupt neue Verbote für den alpinen Bereich? Im Naturschutzgebiet Allgäuer Hochalpen ist das Radeln eh nur auf gekennzeichneten Radwegen und für den öffentlichen Verkehr gewidmeten Straßen erlaubt. In Landschaftsschutzgebieten wie Nagelfluhkette und Hörnergruppe ist das Radeln „auf unbefestigten Wegen unter zwei Metern Breite“ verboten. Man sollte lieber erst bestehende Vorschriften durchsetzen, statt populistisch zusätzliche Einschränkungen fordern.

Fragwürdige Argumente

Wer es nicht selbst auf den Berg schafft, braucht gar nicht rauf. Ein fragwürdiges Argument! Da könnte man Bergbahnen auch verbieten, Mountainbikes, Skifahrer, Gleitschirmflieger und Wanderer zu transportieren. Spinnt man den Gedanken weiter, kann man Lifte und Bahnen abschaffen! Und: Sollen Ausflügler, die nicht ins Allgäu laufen, überhaupt kommen?

Ein Gesetz birgt neues Konfliktpotenzial: Überholen Kraftfahrzeuge Radler und Fußgänger, sind im Ort 1,5 Meter Seitenabstand vorgeschrieben. Früher war das nur empfohlen. Außerorts sind es zwei Meter. Ist die Straße zu schmal, hat der Autofahrer Pech, außer der Radler/Fußgänger lässt ihn vorbei.

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Bürgermeister, Fahrradclub und Redaktion haben das in Sonthofen mit Schwimmnudeln am Gepäckträger kurz getestet. Ergebnis: Vielfach ist ein Überholen unmöglich, ohne gegen die Straßenverkehrsordnung zu verstoßen.

Autofahrer müssen umdenken

Autofahrer müssen verinnerlichen, dass Bußgeld droht, wenn sie Radler und Fußgänger zu eng überholen.

Das erfordert ein Umdenken bei Verkehrsplanern und Politikern. Bei jedem Straßenbau und jeder Sanierung müssen die Themen Radweg und Streckenführung auf den Tisch.

Gut begründet, kann man auch Strecken für bestimmte Gruppen sperren: Das können Autos oder Radler sein, genausogut aber auch Fußgänger. Auch das sollte im Tal wie auf den Bergen möglich sein. Aber eben mit Augenmaß.