Kultur-Lockdown

"Schmerzlicher Verlust": Oberallgäuer beklagen Schließung der Kulturstätten

Hofgarten Immenstadt

Wann hebt sich im Immenstädter Hofgarten wieder der Vorhang? Oberallgäuer Kultur-Fans beklagen die lange Schließung der Kulturstätten in der Pandemie.

Bild: Benjamin Liss

Wann hebt sich im Immenstädter Hofgarten wieder der Vorhang? Oberallgäuer Kultur-Fans beklagen die lange Schließung der Kulturstätten in der Pandemie.

Bild: Benjamin Liss

Durch das Verbot der Live-Kultur fehlt in der Pandemie die Inspiration für Visionen. Was vermisst wird und warum digitale Angebote kein Ersatz sind.
02.02.2021 | Stand: 22:01 Uhr

„Was bleibt von Kunst? Wir als Veränderte bleiben!“, schreibt Robert Musil in seinem Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“. „Es ist diese Art der Veränderung, nach der ein Publikum dürstet, das sich nun seit fast einem Jahr in einem kulturellen Lockdown befindet, der schwer auszuhalten ist.“ Das sagt Ulrike Bauermeister-Bock aus Immenstadt, Autorin und Mitglied im Arbeitskreis Literaturhaus Allgäu.

Sie erhebt ihre Stimme dabei nicht als Kulturschaffende oder Mitglied eines Veranstaltungsteams. Sie sieht sich dabei vielmehr als Teil des Publikums. Wie sie empfinden auch andere Menschen im Oberallgäu die Schließung von Theatern und Konzertsälen, Museen und Kleinkunstbühnen, Kinos und Clubs in der Corona-Pandemie als schmerzlichen Verlust. Das zeigt eine kleine Umfrage.

Kultur: Es fehlt

Denn was durch das Verbot von kulturellen Veranstaltungen fehle, sei nicht etwa einfach „Unterhaltung“ oder „Freizeitbeschäftigung“, argumentiert Ulrike Bauermeister-Bock. Was fehle, sei eine Form tiefgreifender Auseinandersetzung mit den Urthemen der Menschheit, auf eine friedliche, manchmal heitere, oft ernsthafte, ästhetische, spielerische Weise.

„Diese Auseinandersetzung kann dazu beitragen, dass wir uns selbst finden, uns in einer pluralen, diversen Gesellschaft verorten, dem wachsenden Populismus nicht anheimfallen“, erläutert die Immenstädterin. „Kunst und Kultur können in uns ein elastisches inneres Band erzeugen, das uns befähigt, ein Menschenleben lang offen zu bleiben für einen gesellschaftlichen Diskurs, der uns nicht nur demokratie- sondern auch lebensfähig erhält.“

Das sehen Georg Rinderle, ehemaliger Direktor des Immenstädter Gymnasiums, und seine Frau Nora ähnlich. Sie sind der Meinung: „Kultur ist eine gesellschaftspolitische Notwendigkeit, die für den Zusammenhalt der Gesellschaft sorgt, die für den inneren sozialen Frieden und generell für die Inspiration in den verschiedensten Bereichen von Bedeutung ist.“ Kultur sei „kein Luxusartikel für gute Zeiten“. Es sei „unverantwortlich, Künstlerinnen und Künstler weiter und tiefer in unverschuldete existenzielle Nöte abgleiten zu lassen. Sofortige wirksame staatliche Unterstützung ist das Gebot der Stunde.“

Ohne Bühne kein Dialog

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Cordula Schneele aus Sonthofen bedauert sehr, dass den Kunstschaffenden über Monate durch die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie die lebensnotwendige Bühne genommen wurde. Den wichtigen Dialog zwischen Künstlern und Publikum gebe es damit nicht mehr. „So verschwindet auch der Resonanzboden und der Spielraum für gesellschaftliche Entwicklung und lebendigen Ideenaustausch“, sagt Cordula Schneele.

Dabei seien doch jetzt Auswege, Perspektiven und Visionen „für unsere durch all die Herausforderungen angeschlagene Gesellschaft“ gesucht. Doch es fehle die Inspiration durch Musik, Theater, Kabarett, Ausstellungen und Literaturveranstaltungen. „Dies trocknet unsere Gesellschaft allmählich seelisch aus“, meint Cordula Schneele.

Natürlich bieten Künstler und Veranstalter im Internet Videos und Streamings an. Doch solche digitalen „Care-Pakete“ vermögen das Live-Erlebnis nicht zu ersetzen, sagt Ulrike Bauermeister-Bock. Es fehle das Erleben mit allen Sinnen: „Wer in einem spannenden Theaterstück im Publikum sitzt, erlebt physisch mit, was auf der Bühne geschieht, kann manchmal sogar Staub, und Holz, und Puder von dort riechen, hört und sieht anders.“ Denn: „Was wir sinnlich wahrnehmen, prägt sich tiefer ein.“

Reaktionen für das richtige Erlebnis

Auch die Reaktionen der anderen im Raum beeinflussen das Erlebnis: „Wir schärfen unsere Sichtweise auch an den Reaktionen der anderen, ihrem Lachen, ihrem Seufzen, ihrem Applaus“, weiß Ulrike Bauermeister-Bock. „Wir entwickeln unsere Meinung mit anderen oft noch im unmittelbaren Umfeld der Vorstellung in den Pausen, manchmal im Gespräch mit Wildfremden.“

„Live-Kultur ist mitreißend wie ein Salto mit Schraube ohne Netz und doppelten Boden“, bestätigen Conny und Hartwig Senftleben aus Tiefenbach. „Kultur direkt und unverfälscht“ sei „ein Genuss für alle Sinne, eine Einladung zum Mitfühlen, Erleben und Staunen“. Daneben schätzt Thomas Werner aus Kempten an der Live-Kultur gegenüber perfekten Ton- und Filmaufnahmen das Unperfekte, die Nebengeräusche, eben das Menschliche. Und auch das Unbequeme: Das „Sich aus der eigenen Komfortzone Herausbewegen Müssen“, das Abenteuer der Begegnung.

Wie solche Stimmen zeigen, scheint durch den kulturellen Lockdown etwas Wichtiges zu fehlen, das auch in einer Krise helfen könnte. Denn, wie Nina Bauermeister aus Burgberg es zusammenfasst: Kunst, egal in welcher Form, trage dazu bei, andere Blickwinkel zu sehen, neue Denkanstöße zu bekommen.