Sport im Wandel

Schnelle Punkte, wenig Spektakel: Tischtennis im Wandel der Zeit

Tischtennis-WM in München: Stanek (vo., Tschechoslowakei) gegen Bert Jansen (BR Deutschland)    Table Tennis World Cup in Munich Stanek vo Czechoslovakia against Bert Jansen BR Germany

Der „alte Schlag“: Zu Zeiten des deutschen Vorzeigespielers Bernt Jansen (hinten, bei der Tischtennis-WM in München 1969) war fast alles anders. Bis heute haben sich Material, Technik und Regeln im Tischtennis enorm geändert.

Bild: imago

Der „alte Schlag“: Zu Zeiten des deutschen Vorzeigespielers Bernt Jansen (hinten, bei der Tischtennis-WM in München 1969) war fast alles anders. Bis heute haben sich Material, Technik und Regeln im Tischtennis enorm geändert.

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Mit der Veränderung von Material, Technik und Regeln hat sich auch das Tischtennis über die Jahre gewandelt. Drei Generationen von Spielern analysieren.
29.03.2021 | Stand: 19:24 Uhr

Mit 13 Jahren war der Einstieg in den Tischtennissport für Dr. Leopold Herz „eigentlich schon zu spät“. Allerdings war der 67-Jährige früher begeisterter Fußballer, bis ihn der Gründer der Wertacher Tischtennis-Abteilung, Peter Geiger, 1966 an die Platte lockte. „Er hat sich um uns Jugendliche gekümmert, ich habe mich aufgehoben gefühlt, wir haben täglich gespielt – auch sonntags“, erinnert sich Herz. Ehrgeiz, Kampfgeist und die Freude am Spiel halten ihn seit nunmehr über 50 Jahren an der Platte und ans Aufhören denkt er noch lange nicht: „Ich werde diesen Sport ausüben, bis ich nicht mehr laufen kann“, sagt der Wertacher, der seit 2008 Mitglied des bayerischen Landtags ist.

Erste Spiele in Wertach in einem Kuhstall

In Wertach wurden die Tischtennisspiele zu den Anfangszeiten von Leopold Herz bis 1971 noch in einer Scheune über dem Kuhstall in einem eigens ausgebauten Raum ausgetragen. „Um Erfolg zu haben, muss man kein Top-Athlet sein, Routine und Nervenstärke bringen einen auch weit“, sagt Herz. Ihm selbst kam als Abwehrspieler aber die Kondition zugute, die er sich früher durch Marathonläufe antrainierte. Sein Sohn Peter (42) schätzt an „der schnellsten Rückschlagsportart der Welt“ vor allem, dass gleichsam Körper und Geist und schnelle Reaktionen gefördert werden.

Die Anforderungen sind geblieben – aber die Spielgeräte erfuhren im Laufe der Jahre einige Wandel: Mitte der 1960er Jahre waren harte Holzschläger mit dünnem Belag Standard. Heute können Tischtennisspieler nicht nur aus einer großen Auswahl an Belägen wählen, sie haben zudem Möglichkeiten, beispielsweise durch Kontaktspray, die Griffigkeit zu erhöhen. Das führt in den Augen von Leopold Herz dazu, dass es „manche Jungen übertreiben“. Die Bälle sind nicht mehr aus Zelluloid, sondern aus Plastik, und wurden vor zehn Jahren im Durchmesser um zwei Millimeter auf 40 vergrößert. Die Idee dahinter, Abwehrspielern bessere Chancen einzuräumen, ist laut Peter Herz aber durch angepasste Beläge „im Sande verlaufen“. Um die Attraktivität des Tischtennisspiels für Zuschauer zu erhöhen, wurde die Zählweise um die Jahrtausendwende geändert. Während früher zwei Gewinnsätze bis 21 gespielt wurden, zählt man heutzutage nur noch bis elf, die Spieler benötigen drei Gewinnsätze für den Sieg.

Dr. Leopold Herz im Jahr 2009 in Aktion „an der Platte“.
Dr. Leopold Herz im Jahr 2009 in Aktion „an der Platte“.
Bild: Günter Jansen

Vom Systemtraining zum Spiel aus der Ball-Schale

Viel getan hat sich auch in der Trainingslehre. Im „Systemtraining“ habe der Coach früher ausschließlich auf die Vorhand, dann auf die Rückhand gespielt – im Anschluss stand Rundlauf an, sagt Herz senior. Bei seinem Sohn überwogen schon spielerische Elemente. Und wiederum eine Generation später, berichtet Nico Mauch, steht das Ball-Eimer-Training im Fokus. Der Jugendtrainer der DJK Seifriedsberg favorisiert das Training, bei dem der Coach seinem Schützling aus einer gefüllten Ball-Schale in wiederholt zuspielt, um einen bestimmten Schlagablauf zu trainieren. „Indem man einen Schlag oft trainiert, ohne vom Rückspiel abhängig zu sein, erzielt man mit Abstand den größten Effekt, weil man diesen Schlag bis zur Perfektion trainiert“, sagt der 25-Jährige.

Alles in allem hat sich Tischtennis für Leopold Herz „positiv verändert, sonst würde ich nicht mehr spielen“, sagt der 67-Jährige. „Das Spiel ist schneller, technisch anders und athletischer geworden.“ Jedoch bemängelt er die heutige Spielweise. Da die Akteure vermehrt auf den schnellen Punktgewinn aus sind, wird der Spielfluss gestört. Sowohl Leopold als auch Peter Herz kritisieren, dass im modernen Spiel spektakuläre Ballwechsel zunehmend Mangelware werden und damit die Attraktivität für die Zuschauer abnimmt. Aus diesem Grund würde sich Peter Herz wünschen, dass das Netz ein paar Zentimeter erhöht wird – so könnten Ballwechsel verlängert werden.

Nico Mauch: Große Sorgen um den Nachwuchs

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Wie etliche andere Sportarten hat das Tischtennis zudem mit einem Nachwuchsproblem zu kämpfen. Dabei habe die körperliche Komponente kein „allzu großes Gewicht. Mädchen mit gutem Ballgefühl, Spielsystem und Ehrgeiz können lange mit gleichaltrigen Buben mithalten“, sagt Peter Herz, langjähriger Abteilungsleiter des SSV Wertach. Nico Mauch ist seit zehn Jahren Jugendtrainer der DJK und bemüht, den Kinder Spaß an der Platte zu vermitteln. Der 25-Jährige verfolgt den stetig steigenden Altersschnitt in seinem Sport mit Unbehagen. Zum einen „bricht oben das Level weg, andererseits ist der Nachwuchs das Kapital im Herrenbereich.“ Obwohl sein Club eine gute Jugendarbeit macht, bemerkt Mauch aber, wie schwer es ist, „Futter für die Herren zu finden“.

Während der Blaichacher diesen Mangel an Nachwuchsleuten auf Studien- und berufsbedingte Abwanderungen zurückführt, sieht Peter Herz den Knackpunkt im Mangel an Jugendtrainern. „Es steht und fällt alles mit den Hauptakteuren, den Jugendtrainern, die die Kinder motivieren“, sagt Peter Herz. Da es vielen zeitlich nicht möglich ist, nachmittags ein Jugendtraining zu leiten, „hat sich die Situation zunehmend verschärft.“