Lockdown im Oberallgäu

"Wir müssen jetzt alle an einem Strang ziehen"

Bald gibt es auch im Oberallgäu wieder leere Fußgängerzonen wie hier auf einem Foto vom Frühjahr in Memmingen.

Bald gibt es auch im Oberallgäu wieder leere Fußgängerzonen wie hier auf einem Foto vom Frühjahr in Memmingen.

Bild: Brigitte Hefele-Beitlich

Bald gibt es auch im Oberallgäu wieder leere Fußgängerzonen wie hier auf einem Foto vom Frühjahr in Memmingen.

Bild: Brigitte Hefele-Beitlich

Unternehmerinnen wie Evelyn Högerle aus Oberstdorf zeigen sich kurz vor dem Shutdown kreativ. Auf was Gewerbetreibende sonst noch hoffen.
18.12.2020 | Stand: 07:56 Uhr

Für viele Einzelhändler ist es keine große Überraschung, dass Mittwoch der harte Shutdown kommt. Bis auf wenige Ausnahmen müssen die Einzelhandelsgeschäfte schließen. Viele Unternehmer werden aber weiterhin für ihre Kunden im Umkreis da sein: Sie bieten einen Lieferservice und sind online oder telefonisch erreichbar. Montag und Dienstag haben die Geschäfte in Immenstadt und teilweise andernorts bis 20 Uhr auf – etliche sogar durchgehend, ohne Mittagspause.

Abgebrochenes Weihnachtsgeschäft fehlt den Einzelhändlern

„Finanziell tut uns das abgebrochene Weihnachtsgeschäft sehr weh“, sagt Tobias Schaber, Geschäftsführer des gleichnamigen Trachtengeschäfts und im Vorstand von „Impuls“ (Arbeitsgemeinschaft der Immenstädter Gewerbetreibenden). „Wir hoffen auf Unterstützung, ähnlich wie bei der Gastronomie.“ Bei Schaber gibt es auch Berufskleidung für die Hotellerie, das Unternehmen stattet zudem Vereine aus. „Überall war in diesem Jahr jedoch Zurückhaltung zu spüren.“ Es fehlten die Anlässe, sich neu einzukleiden. Musikfeste und Messen wie die Allgäuer Festwoche sind abgesagt worden.

Um alle 30 Mitarbeiter halten zu können, „nutzen wir die Möglichkeit der Kurzarbeit“, sagt Schaber. „Wir haben keinen Online-Shop, vertreiben aber über sämtliche Kanäle, bieten darüber hinaus einen Newsletter.“ Wer über den Dienstag hinaus etwas bestellen will, der bekommt die Lieferung frei Haus – per Post versandkostenfrei – oder persönlich zugestellt.

"Die Gesundheit ist am wichtigsten"

Einen ähnlichen Service bietet Martin Keßler vom gleichnamigen Haushaltswaren-Fachgeschäft in Bad Hindelang. Der Kopf eines kleinen Familienunternehmens mit drei Angestellten baut auf seine Mitarbeiter. „Die bleiben nach wie vor an Bord.“ Jetzt sei Urlaub und Überstunden abbauen angesagt. „Die Gesundheit ist am wichtigsten“, sagt Keßler. „Und das ist keine hohle Phrase.“ Er lässt allerdings auch durchblicken, dass er einen früheren Lockdown für sinnvoller gehalten hätte. Keßler ist im Vorstand des Gewerbevereins Ostrachtal attraktiv. Er sagt, der Sommer sei für die Handeltreibenden in Bad Hindelang erstaunlich gut gelaufen. Jetzt fehlten jedoch die Urlauber. Die Einheimischen, so ist sein Gefühl, „haben in den letzten Wochen ein anderes Bewusstsein entwickelt, sie kaufen gezielt im Geschäft vor Ort ein“.

Auch Evelyn Högerle vom gleichnamigen Bettenfachgeschäft in Oberstdorf sagt: „Bereits im Sommer ist es besser gelaufen, als vorher gedacht.“ Die Leute kauften derzeit hochwertige Produkte. Sie wollten sich etwas Gutes gönnen, etwas Nachhaltiges. „Wir punkten zudem mit unserem Service vor Ort.“ Auch wenn das Fachgeschäft schließen muss, Högerle wird für ihre Kunden per Telefon und Whatsapp erreichbar bleiben. Ware werde kontaktfrei ausgeliefert. Ihre Mitarbeiterinnen würden Überstunden abbauen, Resturlaub nehmen. „Da schaut jeder Unternehmer selbst, wie er am besten durch diese Zeit kommt.“

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Manche Geschäfte, die nur vom Tourismus lebten, seien seit November geschlossen. Für einige sei das schon bitter. Es gebe 17.000 Gästebetten in Oberstdorf – und die sind, anders als sonst üblich, über Weihnachten frei. Die Vorsitzende des Gewerbevereins „Oberstdorf attraktiv“ sagt: „Für mich persönlich wird es in diesem Jahr – wie im gleichnamigen Weihnachtslied – eine wirklich stille Nacht geben.“ Sie werde Weihnachten nur zu zweit feiern. Högerle: „Wie müssen jetzt in Deutschland alle an einem Strang ziehen.“

Über neue Konzepte nachdenken

Dr. Hans-Peter Keiß, Sprecher der Wirtschaftsvereinigung ASS in Sonthofen, befürchtet, dass viele diesen Shutdown „schlecht verkraften“. Bereits jetzt gebe es Leerstände in der Fußgängerzone, unter anderem hat Keiß dort seine Apotheke vor Kurzem geschlossen – die Adler Apotheke am Rathaus aber bleibe. Er baut vermehrt auf Onlinehandel und Medikamentenlieferung sowie einen Automaten mit Gesundheitsprodukten. Vielleicht biete dieser Shutdown manchem den geistigen Freiraum, über neue Konzepte nachzudenken. „Ein Lieferservice, auch in anderen Branchen, wird sicher oft Standard werden“, mutmaßt Keiß. Er erhofft sich von der Politik eine vernünftige, langfristige Strategie für die Zeit nach dem Shutdown. "

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