Exklusives Interview mit dem Boss des 1. FCS

"Sonst geht der Club unter": Sonthofens Präsident Schmidle schlägt Alarm

Präsident Matthias Schmidle manövriert den 1. FC Sonthofen seit 20 Monaten durch die Pandemie: „Wir sind finanziell stabil, sportlich in der Erfolgsspur und im Nachwuchsbereich breit aufgestellt“, sagt der 47-Jährige über seinen FCS.

Präsident Matthias Schmidle manövriert den 1. FC Sonthofen seit 20 Monaten durch die Pandemie: „Wir sind finanziell stabil, sportlich in der Erfolgsspur und im Nachwuchsbereich breit aufgestellt“, sagt der 47-Jährige über seinen FCS.

Bild: Ronald Maior

Präsident Matthias Schmidle manövriert den 1. FC Sonthofen seit 20 Monaten durch die Pandemie: „Wir sind finanziell stabil, sportlich in der Erfolgsspur und im Nachwuchsbereich breit aufgestellt“, sagt der 47-Jährige über seinen FCS.

Bild: Ronald Maior

1. FC Sonthofen-Präsident Matthias Schmidle spricht Klartext: Finanziell und sportlich steht der Verein gut da. Und doch bleiben große Sorgen.
29.12.2021 | Stand: 13:51 Uhr

2099 Tage ist Matthias Schmidle im Amt. Die derzeitige Legislaturperiode dürfte die härteste Phase in seiner Karriere als Präsident des 1. FC Sonthofen sein. Denn nach der sportlichen Zerreißprobe mit dem Abstieg beider Herren-Teams aus der Bayernliga bzw. aus der Bezirksliga manövriert der 47-Jährige den größten Fußball-Club der Region seit beinahe zwei Jahren durch die Pandemie – mit extremen Ausschlägen in beide Richtungen. Im Jahresinterview mit unserer Redaktion spricht Schmidle über eine bewegte Zeit, über Geduldsproben, über sportliche Träume und Sorgen um den Nachwuchs.

Herr Schmidle, welches Gefühl überwiegt in der Weihnachtszeit 2021?
Matthias Schmidle: Privat ist es die Vorfreude auf die Weihnachtsfeiertage mit der Familie und auf das Abschalten. Aber rein aus fußballerischer Sicht war es ein schönes Jahr. Es ist nun aber auch mal an der Zeit, um ein wenig runterzukommen.

Jahresabschlüsse, Bilanzen, Feiern, Transferpläne: Beim FCS stünde aktuell viel an. Wie sehr lähmt Corona den Verein aktuell?
Schmidle: Es ist noch relativ glimpflich abgelaufen, weil in der aktuellen Situation bis vor Kurzem noch alles stattgefunden hat. Insofern würde es nun ohnehin etwas ruhiger werden – und die Arbeiten und die Gedanken im Hintergrund, die finanziellen Planungen laufen nach wie vor. Nur das Tagesgeschäft entfällt aktuell.

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... wie auch die für den Club traditionsreichen Weihnachtsfeiern?
Schmidle: Leider ja. Wir veranstalten keine großen Feiern, das geht einfach nicht. Aber die Herren-Teams haben es sich aber verdient und haben deshalb im kleinen Kreis eine kleine Feier organisiert. Sie waren beim Kartfahren und gemeinsam essen. Wir haben es bewusst nur auf die Jungs konzentriert.

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Auf einen Blick: Wie fällt Ihre Jahresbilanz aus?
Schmidle: Sportlich sehr erfolgreich. Wirtschaftlich war und ist es ein großer Kampf, den wir aber Gott sei Dank bisher gut überstanden haben.

Sie sind über 30 Jahre Mitglied, seit fast sechs Jahren Präsident – durchleben Sie die schwierigste Phase im Verein?
Schmidle: Als Präsident in jedem Fall – auch verglichen mit allen anderen Posten im Vorstand, die ich innehatte. Aber die schwerste Zeit war 2013, als wir innerhalb weniger Monate drei Trainer verschlissen haben. Das war zu meiner Zeit als Sportlicher Leiter unheimlich aufreibend. Zudem war das Jubiläumsjahr 2019 mit den Abstiegen beider Herren-Teams eine Katastrophe.

Wie meistert der Verein die Pandemie?
Schmidle: Es wäre alleine nicht stemmbar, wenn man nicht die richtigen Leute um sich hätte. Mit all den Zusatzaufgaben, die auf uns zugekommen sind – da muss man Leute haben, die anpacken. Sonst geht der Club unter. Thomas Fink als Corona-Beauftragter übernimmt einen wahnsinnigen Part, wie die Kommunikation mit dem Gesundheitsamt – er leistet da eine ausgezeichnete Arbeit. Wir bündeln die Infos für Trainer, kümmern uns um Überbrückungshilfen. Da fällt unheimlich viel an – das geht nur, wenn der Verein wie eine Familie anpackt.

Nach 21 Monaten Pandemie: Welchen Schaden hat der Club genommen?
Schmidle: Sportlich schmerzt der Abstieg der zweiten Mannschaft aus der Kreisliga und der „Nicht-Aufstieg“ der „Ersten“ sehr. Auch im Jugendbereich haben wir Abstiege in Kauf nehmen müssen. Das war sehr aufreibend.

Und der finanzielle Schaden?
Schmidle: Es war immens schwierig, aber wir haben die Situation dank der Unterstützung unserer Sponsoren gut gemeistert. Heute kann man sagen, dass wir uns relativ gut gehalten haben. Der große Vorteil ist: Wir haben keinen Mitgliederschwund; das ist ein wahnsinnig starkes Signal. Wir sind mit einem blauen Auge davongekommen. Bisher.

Wie haben Sie in dieser Pandemie-Phase mit der Jugend gearbeitet?
Schmidle: Das war ein großes und heikles Thema: Die Frage, was wir tun können, damit Kinder nicht aussteigen. Der Breitensport hat immens gelitten und wir haben in der zweiten Welle über Monate keine Trainingseinheiten gehabt. Ich ziehe den Hut vor unseren Trainern, die mit Cybertrainings, mit Online-Challenges und Quizabenden das Vereinsleben hochgehalten haben.

Sie haben den Nicht-Aufstieg der Herren, die verweigerte Aufstiegschance am grünen Tisch, im Sommer erwähnt. Wie tief sitzt der Stachel noch?
Schmidle: Sehr lange Zeit sehr tief. Ich habe in dieser Sache nie eine richtige Lösung von Verbandsseite gesehen. Man hätte das anders auffangen können. Aber wir haben uns aufgerafft und nehmen uns der Situation an. Man kann so einen Tiefschlag auch als Neuanfang sehen – und bisher ist uns das gut gelungen.

Nun glänzt gerade die „Erste“ als Spitzenreiter in der Landesliga. Wie zufrieden sind Sie mit der Bilanz?
Schmidle: Wahnsinnig zufrieden. Unser großes Plus ist, dass wir den Kader halten konnten. Wir hatten nur wenige Veränderungen und haben sogar junge Leute dazubekommen. Es ist ein spannender Kampf unter drei Teams in der Landesliga, aber wir sind in einer erfreulichen Ausgangsposition.

FCS-Coach Benjamin Müller scheint das Erfolgsrezept gefunden zu haben.
FCS-Coach Benjamin Müller scheint das Erfolgsrezept gefunden zu haben.
Bild: Dominik Berchtold

Was gefällt Ihnen an den Auftritten?
Schmidle: Fußballerisch haben sich die Jungs im Laufe der Vorrunde merklich weiterentwickelt und wenn alle an Bord sind, haben wir intern einen starken Konkurrenzkampf. Das trägt auch dazu bei, dass sich das Team antreibt. Im Moment spielen wir attraktiven Fußball. Deshalb locken wir auch wieder Zuschauer.

Wie zufrieden mit der Arbeit von Benjamin Müller?
Schmidle: Sehr, ohne Abstriche. Und das ist nicht nur so, weil wir aktuell auf dem Platz an der Sonne stehen. Sein Verständnis von dem, was der Verein möchte und in welche Richtung wir steuern, setzt er perfekt um. Das kann ein Trainer nur tun, wenn er zum Verein gehört und die Strukturen verinnerlicht. Aus diesem Grund funktioniert auch die Arbeit mit Co-Trainer Marc Penz und Teammanager Bernd Kunze.

Sind Nachbesserungen geplant?
Schmidle: Wir sehen keinen zwingenden Handlungsbedarf – es gibt aktuell auch keinen Abgang.

Ihre Spieler haben bereits durch Gehaltsverzichte im Lockdown starke Loyalität bewiesen. Gibt es Vertragsgespräche für 2022/23?
Schmidle: Wir haben mit den Planungen begonnen – aber hier sind die Trainer und der Teammanager in der Arbeit. Ich bin zuversichtlich, dass wir die Mannschaft auf einem guten Fundament aufbauen.

Wie sehen Sie Ihren Verein in der Jugend aufgestellt?
Schmidle: Wir haben die erste Corona-Phase genutzt, um Veränderungen anzuschieben. Das brauchte es auch bei 250 Jugendlichen in der Woche auch. Mit Marco Brade als Teammanager im Jugendbereich haben wir eine sehr wichtige Position geschaffen. Und bei den Trainern sind wir im gesamten Nachwuchs sehr gut aufgestellt. Die Jahrgänge ab den C-Junioren sind sehr gut besetzt. Unser klarer Weg bleibt weiterhin, dass wir nicht mit der Ausbildung bei der A-Jugend aufhören wollen. Die Spieler sollen auch den Sprung zu den Herren schaffen.

… auch in die Bayernliga?
Schmidle: Wenn die Mannschaft das Ziel erreicht, dann versuchen wir es ohne Einschränkung. Ganz klar: Bayernliga kann, muss aber nicht. Für mich ist entscheidend: Auch im Falle des Aufstiegs muss die Mannschaft ein gewisses Gesicht haben und den jungen Spielern aus der Region eine Chance geben.

Sie wollen nicht mehr investieren?
Schmidle: Wichtig ist, Führungsspieler zu halten, aber nicht auf Biegen und Brechen für Geld zu verpflichten.

Ihre größten Lehren aus der Krise?
Schmidle: Wir befinden uns ja noch mittendrin, aber wir haben gesehen, dass wir als Verein in einer Krise gut aufgestellt sind. Sportlich von oben bis unten, von der Damenabteilung bis zum Inklusionsteam. Und wir haben den Mehrwert für Kinder und Jugendliche erkannt, in einem Verein Sport zu treiben.

Sorgen Sie sich um Nachwuchs, Ehrenamt und Vereinsleben?
Schmidle: Ja, mit Blick auf das Ehrenamt allemal. Weil es immer schwieriger wird, Leute zu finden, die mit dem Herzen dabei sind und nicht aus finanziellen Gründen ein Amt übernehmen. Für den Nachwuchs müsste endlich erkannt werden, dass nicht nur der Profisport eine zentrale Rolle spielt. Der Breitensport erfüllt eine wichtige Funktion in der Gesellschaft und für den Weg nach oben. Wir stehen als Vereine oft allein auf weiter Flur.

Ihr Wunsch für Weihnachten 2022?
Schmidle: Dass wir die Pandemie bis dahin in den Griff bekommen, dass wir gesund sind – und dass man sich im normalen Umgang auch wieder mit anderen Themen beschäftigen kann als mit der Pandemie.