Interview

Sonthofer Sankt-Michael-Chor wird 300 Jahre alt: Vorsitzender Bernd Neve blättert in der Chronik

Eine historische Aufnahme aus dem Jahr 1934: Die Mitglieder des damaligen Chores in der Sonthofer Pfarrkirche St. Michael. Das Ensemble feiert heuer sein 300-jähriges Bestehen.

Eine historische Aufnahme aus dem Jahr 1934: Die Mitglieder des damaligen Chores in der Sonthofer Pfarrkirche St. Michael. Das Ensemble feiert heuer sein 300-jähriges Bestehen.

Bild: Elmar Jonietz

Eine historische Aufnahme aus dem Jahr 1934: Die Mitglieder des damaligen Chores in der Sonthofer Pfarrkirche St. Michael. Das Ensemble feiert heuer sein 300-jähriges Bestehen.

Bild: Elmar Jonietz

Der Sonthofer Sankt-Michael-Chor besteht seit 300 Jahren. Vorsitzender Bernd Neve blättert in der Chronik. Der Auftakt des Festjahres ist bereits ausverkauft.
31.03.2022 | Stand: 18:00 Uhr

Da steht es rot auf Holz in etwas ungelenker Schreibschrift: „Die Sonthofische Schulmeister und Organisten Martinides Vatter, Martinides Georg Sohn v 1722 bis 1756“. Nachzulesen auf der Rückwand des Altars in der St.-Margaretha-Kapelle im Sonthofer Ortsteil Margarethen. Das ist der Beweis für den Sankt-Michael-Chor aus Sonthofen, dass es ihn seit mindestens 300 Jahren gibt. Das Jubiläum feiert der Chor in diesem Jahr trotz Corona mit einigen Veranstaltungen. Eröffnet wird die Reihe am Samstag, 2. April, mit dem Oratorium „Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze“ von Joseph Haydn. Über das Jubiläum sprach Veronika Krull mit Bernd Neve (68), seit 2000 Vorsitzender des Chors.

Was waren die Meilensteine in den 300 Jahren Chorgeschichte?

Bernd Neve: Erwähnenswert ist meines Erachtens, dass es immer Kirchenmusik gab. Da haben dann vier bis fünf Personen zur Orgel gesungen. Heute zählt der Chor 36 Mitglieder. Dann gab es immer wieder eine Erneuerung oder Sanierung der Orgel. Was wirklich schön ist, dass die Bevölkerung auch immer dafür Geld gespendet hat. Ganz, ganz wichtig sind natürlich unsere namhaften Chorleiter wie Otto Gogl, der 1926 den Chor übernommen hat, dann ab 1974 Richard Waldmüller. 1983 trat dann Chordirektor Heinrich Liebherr dessen Nachfolge an. Wichtig ist auch, dass es immer ein kleines Orchester gab, zwar nicht mit vielen Instrumenten, aber zusätzlich zur Orgel. Schon um 1758 stiftete Johann Mößmang aus Sonthofen eine Summe von 100 Gulden „zur Abrichtung von Kindern in der Musik“ – so heißt es in unserer Chronik. Das schloss die Ausbildung in Gesang und an Instrumenten ein.

Bernd Neve, hier mit seiner Frau Brigitte, ist Vorsitzender des Sonthofer Sankt-Michael-Chor.
Bernd Neve, hier mit seiner Frau Brigitte, ist Vorsitzender des Sonthofer Sankt-Michael-Chor.
Bild: Veronika Krull

Zur Eröffnung des Jubiläumsjahres führen Chor und Orchester das Passionsoratorium von Haydn auf. Warum gerade dieses Werk?

Neve: Einfach und allein deshalb, weil wir eine andere Messe aufführen wollten. Eigentlich war sie schon für den Februar in diesem Jahr geplant, aber da ging es nicht wegen Corona. Ursprünglich wollten wir das Werk 2020 bringen, aber auch da ging es wegen Corona nicht. Corona hat uns immer einen Strich durch die Rechnung gemacht. Jetzt ist es so: Je weiter wir ins Jahr kommen, desto lockerer werden die Regeln. Und wir haben uns gedacht, jetzt zu Ostern passt das Oratorium sehr gut. Wir haben es davor zuletzt 2016 aufgeführt – nach 50 Jahren.

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Wie werden Sie darüber hinaus das Jubiläum in diesem Jahr feiern?

Neve: Das Jubiläum wollten wir schon größer feiern, was aber coronabedingt nicht geht. Deshalb haben wir uns entschieden, eine kleine Sonderausstellung „300 Jahre Musica sacra an St. Michael einst und jetzt“ zu machen. Vor zehn Jahren gab es zum 290. Bestehen eine große Ausstellung im Heimathaus. Die werden wir erweitern und dann im Pfarrheim St. Michael zeigen. Die Eröffnung ist am Patrozinium am 25. September nach dem Festgottesdienst, und sie ist bis zum 2. Oktober jeweils von 15 bis 18 Uhr zu sehen. Zum Patrozinium werden wir dann in der Kirche die „Krönungsmesse“ von Mozart aufführen. Enden wird das Jubiläumsjahr am Samstag, 5. November, um 20 Uhr mit der „Cäcilienmesse“ von Charles Gounod im Rahmen der Sonthofer Konzertreihe „Klassik in St. Michael“.

Wie hat der Chor die Coronazeit überstanden?

Neve: Im vergangenen Jahr war es zeitweise so, dass wir im Pfarrheim in den Registern haben proben können, also Sopran und Alt oder Tenor und Bass. So ungefähr seit dem vergangenen Herbst haben wir begonnen, wieder normal zu proben. Vor jeder Probe musste jeder eine Viertelstunde früher kommen, um dann im Pfarrheim einen Selbsttest zu machen. Damit sind wir sehr gut gefahren, die Chormitglieder haben alle mitgemacht. Wir hatten vier Infektionen, aber die wurden jeweils frühzeitig festgestellt. Seit vorgestern proben wir mit dem Orchester – das ist ein kleiner Risikofaktor. Und ja, man merkt dann schon, wenn man einen längeren Zeitraum nicht gesungen hat. Da rostet die Stimme schon etwas ein. Aber jetzt mit den kontinuierlichen Proben sind wir wieder im Singmodus drin.

Auf einer Altarrückwand sind die Namen der ersten Schulmeister und Chorleiter verzeichnet.

Auf einer Altarrückwand sind die Namen der ersten Schulmeister und Chorleiter verzeichnet.

Bild: Elmar Jonietz

Wann fand das letzte große Konzert des Chores statt?

Neve: Das letzte große Konzert war das „Requiem“ von Mozart im Herbst 2019. Dann wollten wir, wie gesagt, im März „Die sieben letzten Worte“ aufführen, aber dann war’s wegen Corona vorbei. Nach der langen auftrittsfreien Zeit sind wir, ehrlich gesagt, nicht aufgeregt. Aber es gibt einige neue Mitglieder – da sieht es etwas anders aus.

Stichwort „neue Mitglieder“: Wie steht’s mit dem Chornachwuchs?

Neve: Tja, wer will sich heutzutage noch binden, 15 mal im Jahr in der Kirche stehen, regelmäßig zu den Proben kommen? Es ist auch ein strukturelles Problem: Im Tenorregister bin ich nur noch allein. Männer sind nicht so bereit zum Chorgesang wie Frauen, gerade auch in der Kirchenmusik. Wir hatten jetzt unsere Jahresversammlung, und meine Frau, die seit 20 Jahren zweite Vorsitzende ist, und ich haben uns abgesprochen, dass wir unsere Ämter noch in den Jahren 2022 und 2023 ausüben wollen. Dann hören wir 2024 auf, weil dann auch Heinrich Liebherr im Oktober 2024 in den Ruhestand tritt. Was danach kommt? Auch durch die Zusammenlegung der Pfarreien ist es offen, wie es mit der Kirchenmusik weitergeht.

Haydns Oratorium „Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze“

„Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze“ werden am Samstag, 2. April, um 20 Uhr in der Stadtpfarrkirche St. Michael in Sonthofen aufgeführt. Mitwirkende sind der Sankt-Michael-Chor, die Orchestervereinigung Oberallgäu und die Solisten Brigitte Neve (Sopran), Gabi Nast-Kolb (Alt), Bernd Neve (Tenor) sowie Fabian Reitzner (Bass). Die Leitung hat Chordirektor Heinrich Liebherr. Das Konzert ist ausverkauft. Es gelten die 2G-Regel und FFP2-Maskenpflicht.

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