Theater im Kleinwalsertal

Theaterstück im Walsertal zeigt, wo Grenz-Denken absurd wird

Truck Stop

Diskussion über eine verschobene Grenzlinie: Tobias Fend und Stefan Pohl in „Truck Stop“ auf dem Parkplatz an der Walserschanz.

Bild: Christoph Pfister

Diskussion über eine verschobene Grenzlinie: Tobias Fend und Stefan Pohl in „Truck Stop“ auf dem Parkplatz an der Walserschanz.

Bild: Christoph Pfister

„Café Fuerte“ bringt Bühnenkunst ganz nah zu den Menschen, so wie mit dem Theaterstück „Truck Stop“ an der Walserschanz. Warum es das Publikum begeistert.
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Von Christoph Pfister
15.10.2021 | Stand: 15:00 Uhr

Sein „Kaffee“ ist fürwahr stark: Magisch, anregend, belebend, garantiert frisch aufgebrüht. Ein Weckruf für den Geist, Genuss für die Sinne, wenn „Café Fuerte“ seinen Thespiskarren öffnet. Volkstheater, Bühnenkunst, die zu den Menschen kommt. Ganz nah, direkt, mittelbar. Tobias Fend und Danielle Fend-Strahm betreiben ihre moderne Wanderbühne als „Site-Specific-Theater“: Jedes Stück bekommt den zu ihm passenden Spielort. Wie „Truck Stop“ den Parkplatz an der Walserschanz.

Rechts-verdrehte Köpfe

Grenzen, wie einst an dieser Stelle, leben in rechts-verdrehten Köpfen wieder auf, machen einsam, unterbrechen Warenfluss und Austausch. Eine „neue Grenze, die uns schützt und bewahrt, eine Grenze, die uns zärtlich umfängt wie der Schoß einer Mutter,“ hat Hans hier gezogen, lässt eigenmächtig Sandro mit seinem LKW nicht passieren. Der Trucker hat sich arrangiert, häuslich eingerichtet. Bringt das krude Weltbild des selbsternannten Grenzschützers zum Einsturz, als er die imaginäre Linie überschreitet – und verschiebt. Ihr ursprünglicher Verlauf ist nicht mehr herzustellen. Sandro zeigt Hans deren Absurditäten, die Widersprüche seiner Ideologie auf. Die Gespräche werden immer freundlicher, Gemeinsamkeiten wie Fernweh und Einsamkeit entdeckt.

Brauner Zeitgeist

Tobias Fend fächert in seinem jüngsten Werk das aktuelle Grenz-Denken dramatisch auf, stellt es bildhaft auf den Kopf, führt es ad absurdum. Fein verweben sich die Themen, raffiniert bauen sich in schlüssiger Dramaturgie Parallelen zwischen den beiden so unterschiedlichen Protagonisten auf, erblühen Ambivalenzen. Brauner Zeitgeist wabert, wird im eigenen Widerspruch erstickt.

Tiefsinnige Parabeln

Politisches Theater, Real-Satire, Tragikomödie, exzellent erzählt in tiefsinnigen Parabeln. Wunderschön gezeichnet die Bildebene von „Truck Stop“, auch dank der liebevollen, detailfeinen Ausstattung, der multimedialen kreativ-illustrativen Szenografie durch Ronja Svaneborg, in der ungekünstelten, bis in die Gestik überzeugenden Regie von Danielle Fend-Strahm. Florian Wagner rundet mit Gitarre und „Country-Stimme“ die authentische Trucker-Welt. Fends stark charakterisierte Figuren führen in tiefgründigen Monologen, lebendigen Dialogen in die philosophisch-kritische Sachebene.

Verbohrter Grenzer

Der Prinzipal von „Café Fuerte“ spielt den Sinneswandel des verbohrten Grenzers mit Verve, Ausdrucksfülle, Wandlungsfähigkeit. Stefan Pohl scheint Europas Straßen und ihre Helden aus eigenem Erleben zu kennen. Sein Fahrer Sandro original wie originell, ehrlich, echt, sympathisch, rundum glaubwürdig. Kongenial zu seinem Spielpartner.

Fünf Sterne

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Was das "Café Fuerte" ist.

Was im Kleinwalsertal alles geboten ist.

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