Einzelhandel

Tracht geht im Oberallgäu auch ohne Volksfest und trotz Corona

Ohne Viehscheide und Allgäuer Festwoche ist es für Trachtengeschäfte keine leichte Zeit. Wenigstens sorgen die Hotellerie und auch Hochzeiten für etwas Umsatz. Unser Foto zeigt Hubert Eß von „Ess Trachtenmoden“ in Oberstdorf.

Ohne Viehscheide und Allgäuer Festwoche ist es für Trachtengeschäfte keine leichte Zeit. Wenigstens sorgen die Hotellerie und auch Hochzeiten für etwas Umsatz. Unser Foto zeigt Hubert Eß von „Ess Trachtenmoden“ in Oberstdorf.

Bild: Davor Knappmayer

Ohne Viehscheide und Allgäuer Festwoche ist es für Trachtengeschäfte keine leichte Zeit. Wenigstens sorgen die Hotellerie und auch Hochzeiten für etwas Umsatz. Unser Foto zeigt Hubert Eß von „Ess Trachtenmoden“ in Oberstdorf.

Bild: Davor Knappmayer

Der Ausfall von Allgäuer Festwoche und Viehscheiden trifft Händler hart, doch Hochzeiten und Hotellerie bringen wieder Nachfrage.
11.08.2020 | Stand: 12:08 Uhr

Viehscheide, Allgäuer Festwoche, Musikfeste, die „Wies’n“: alles gestrichen wegen Corona. Lauter verpasste Gelegenheiten, um ein Dirndl oder eine Lederhose zu tragen. Und für die Trachtengeschäfte im Oberallgäu und in Kempten eine schwierige Zeit.„Wir spüren es natürlich“, sagt Tobias Schaber von „Schaber Trachtenmoden“ in Immenstadt. „Uns blutet das Herz, dass die Festwoche nicht stattfindet“. Andrea Strele vom „Trachteng’wand“ in Sonthofen nickt: „Um diese Zeit wäre unser Laden eigentlich gerammelt voll.“ „Die schlimmste Krise seit dem Boom in den 60er, 70er Jahren“, stellt Hubert Eß von „Ess Trachtenmoden“ in Oberstdorf fest.

Bei „Ela’s Alpenliebelei“ in Sonthofen heißt es auf der Website: „Wir haben beschlossen, aufgrund der Coronakrise unser Geschäft zu schließen.“ Erst 2018 hat Manuela Wegener die „Trachten-Alm“ in der Kreisstadt übernommen und umbenannt. Doch seit der Wiedereröffnung nach dem Lockdown verzeichnet sie 40 Prozent weniger Umsatz. „Am Tag kommen vielleicht zwei, drei Kunden“, sagt die 56-jährige Einzelhandelskauffrau. „Es tut sich nichts.“ Dabei sei es am Anfang gut gelaufen; sie wollten sich vor Corona sogar vergrößern und ein Trachtengeschäft in der Hochstraße übernehmen. Deren Betreiber würden sich ohnehin im Oktober zurückziehen. Wann genau Manuela Wegener ihren Laden schließt, kann sie nicht sagen. Es sei noch viel Ware vorhanden, die sie jetzt zum halben Preis anbietet.

Tobias Schaber (31), seit dem vergangenen Jahr Mitglied der Geschäftsführung, ist dagegen überzeugt: „Wir werden die Corona-Krise überstehen. Wir sind ein wirtschaftlich gesundes Unternehmen.“ Positive Signale kämen aus der Hotellerie, die auch über das Allgäu hinaus bei Schaber einkauft. In Regionen, wo der Tourismus gut laufe, sei die Bereitschaft zu Investitionen eher da. Als Ersatz für die Allgäuer Festwoche will er gemeinsam mit der Zötler-Brauerei und der Allgäu-Brennerei die Einheimischen zu einer „Festwoche dahoim“ animieren. Wer ein Bild mit dem schönsten Festwochenmoment einschickt, kann sogar etwas gewinnen. „Der Rücklauf ist gut“, sagt Schaber, der vor seinem Eintritt ins elterliche Geschäft Betriebswirtschaft und Fashion Management studiert hat.

Andrea Strele (49) vom Sonthofer „Trachteng’wand“ kann ebenfalls auf die Hotellerie bauen, die ihr Haus von jeher ausgestattet hat. Auch die Hochzeiten fingen jetzt wieder an: „Die halten uns ein bisschen bei der Stange.“ Zudem würden jetzt wieder vermehrt Festlichkeiten stattfinden, von Hotels oder Brauereien organisiert. Strele, die gemeinsam mit Ehemann Alex und Sohn Patrick die Kunden betreut, sieht ihre Lage „nicht komplett aussichtslos, nicht existenzgefährdend“. Einen Online-Handel betreibt die Familie nicht: „Wir legen viel Wert darauf, dass wir die Leute beraten“, sagt sie. Aber sie präsentieren sich erfolgreich in den sozialen Netzwerken: „Wir haben viele Follower.“

Hubert Eß in Oberstdorf blickt ebenfalls mit einigem Optimismus in die Zukunft. Er hofft auf den Herbst, wenn andere Gäste da sind. Jetzt seien viele Familien im Ort. „Wir leben zu 100 Prozent von den Gästen“, sagt Eß (52), der den seit über 110 Jahren im Ort ansässigen Familienbetrieb vor vier Jahren von den Eltern übernommen hat. Es seien derzeit zwar „unheimlich“ viele Gäste im Ort, „aber die Leute halten im Urlaub einfach ihr Geld zusammen.“ Es werde an Luxusgütern gespart, „nicht nur beim Autokauf, sondern auch bei der Lederhose“. Unterm Strich wolle er jedoch nicht jammern.

Könnte der von München aus gestartete bayernweit ausgerufene „Trachtenfreitag“ etwas Bewegung ins Geschäft bringen? Eß schüttelt den Kopf: „In München ist das sicher sinnvoll, in Oberstdorf eher nicht.“ In München sei eben alles ein bisschen traditioneller. „Im Büro, wer zieht denn das an“, ist auch Andrea Strele skeptisch, wenngleich sie es für eine „witzige Idee“ hält. Tobias Schaber sieht es pragmatisch: „Wir haben die Allgäuer Tracht, aber auch alltagstaugliche und modische Trachten.“ Da könne man die Kleidungsstücke flexibel kombinieren, einen schönen Rock mit der Bluse, ein schönes Trachtenhemd mit Weste zu Jeans und Sneakers. „Der Anlass muss nicht immer ein Volksfest sein.“

Gelegenheiten schaffen, bei denen die Tracht getragen wird – das wünscht sich auch Sandra Abt in Kempten. Vier- bis fünffachen Umsatz würde ihr Geschäft „Alpenherz“ vor und während der Festwoche machen. Die Tracht in den Alltag zu integrieren – wie das in München durch eine Art kleines Oktoberfest mit Riesenrad und Co. auf dem Königsplatz angeboten wird – das würde sie sich auch im Allgäu wünschen.