Theater im Haus Oberallgäu

Tragödie wird in Sonthofen zur Komödie: Romeo als Angsthase

Romeo und Julia

Romeo und Julia (Simon Altmann und Sandra Eckert) provozieren in Peter Försters Version der Tragödie im Sonthofer Haus Oberallgäu urkomische Situationen.

Bild: Kammerspiele Dresden/Förster

Romeo und Julia (Simon Altmann und Sandra Eckert) provozieren in Peter Försters Version der Tragödie im Sonthofer Haus Oberallgäu urkomische Situationen.

Bild: Kammerspiele Dresden/Förster

Die Dresdener Kammerspiele zeigen in Sonthofen eine freche Neufassung von Shakespeares „Romeo und Julia“. Sie bietet urkomische Seitenheibe auf unsere Gesellschaft.
24.10.2020 | Stand: 18:30 Uhr

Manche Tragödienschreiber haben selbst die besten Parodien geschaffen. So lässt zum Beispiel William Shakespeare, ein Meister ernster Dramen, in seiner Komödie „Ein Mittsommernachtstraum“ von Dilettanten eine Tragödie aufführen – mit hinreißender Komik. An dieser Einlage scheint sich Peter Förster von den Dresdener Kammerspielen orientiert zu haben, um selbst eine Parodie auf eine von William Shakespeares populärsten Tragödien zu verfassen: „Romeo und Julia“. Das Ergebnis sorgt nun im Sonthofer Haus Oberallgäu für großen Applaus. Immer natürlich an den Verhältnissen der Corona-Pandemie-Schutzmaßnahmen-Beschränkungen gemessen.

Viele leere Stühle stehen im Saal. Die Reihen sind weit voneinander entfernt, um den Mindestabstand von eineinhalb Metern zwischen Besuchern aus verschiedenen Haushalten zu gewährleisten. Und die Maske sollte an diesem Abend während der gesamten Aufführung von den Besuchern getragen werden, die nun ohne Pause in gut eineinhalb Stunden über die Bühne geht. Diese neuen Verschärfungen gründen auf den explosiv angestiegenen Infektionszahlen, welche die Corona-Pandemie verursacht hat.

Handgreiflichkeiten mit Mindestabstand

So furchteinflößend diese Zahlen auch sein mögen, und so kritisch auch die Entwicklung der Pandemie derzeit sein mag, Peter Försters Version der „Legende von Romeo und Julia“ enthält viele urkomische Anspielungen auf diese Situation, die für Lacher sorgen. Vor allem wenn die Figuren auf der Bühne gegeneinander handgreiflich werden – und dabei immer ganz korrekt den vorgeschriebenen Mindestabstand einhalten. Ebenso respektlos wie mit dem Ernst der Lage geht das Stück mit seiner Vorlage um.

Romeo ist keineswegs ein jugendlicher Liebhaber, wie ihn sich Mädchen erträumen. Er ist ein Angsthase, ein Faulpelz und ein Hypochonder, der stets ein Mittelchen für seine zahlreichen Wehwehchen verlangt, etwa gegen seine Balkongeländer-Allergie. Ein geschäftstüchtiger Apotheker wittert bei solchem Kunden mächtigen Profit. Und der stellt sich für ihn auch ein, weil nicht nur Romeo, sondern auch dessen Konkurrenten und Widersacher den Apotheker um Rat bemühen. Denn der Medizinverkäufer mischt nicht nur heilsame Tinkturen, sondern auch tödliche … So wird dieser Mann, der sich eigentlich als Nebenfigur vorstellt, zum Dreh- und Angelpunkt des ganzen Stückes.

Das setzt zwar die Kenntnis des Originals voraus, kümmert sich aber wenig um die Vorlage. Die Figuren aus der Renaissance zeigen sehr gegenwärtige Gefühle und Gelüste und drücken sie zum Teil anspielungsreich, zum Teil aber auch sehr unverblümt aus. Freilich immer schön gereimt – in Knittelversen. Da wird der Gesellschaft ein deutlicher Spiegel vor Augen gehalten, in dem sich sowohl jugendliche Weltverbesserer wie ältere Wohlstandsbürger erkennen können – von skrupellosen Geschäftemachern und rücksichtslosen Egoisten ganz zu schweigen.

Eine Frau steht ihren Mann

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Die Schauspieler schlüpfen dabei in verschiedene Rollen, wobei die Frau schon mal ihren Mann stehen kann und der Mann auch einmal seine weibliche Seite zeigen darf. Allen Akteuren merkt man dabei die Lust am Spielen an. Und den Zuschauern, die Freude, einen amüsanten Theaterabend erleben zu dürfen.

Geschäftsführer Hartmut Happel von der Kulturgemeinschaft Oberallgäu, welche die Theateraufführungen veranstaltet, berichtet von vielen positiven Rückmeldungen – auch was das Hygienekonzept des Vereins anbelangt. Mehr Erfolg konnte sich wohl auch Shakespeare einst für sein Stück nicht erhoffen. Und außerdem lässt sich sein Fazit des unsterblichen Stoffes auch leicht umdichten: „Denn niemals gab es ein so lust’ges Los als Juliens und ihres Romeos.“